14. August 2021: Supraśl und Białystok

Für den gestrigen Tag hatte ich mir nur Besichtigungen vorgenommen. Vormittags wollte ich das Kloster Supraśl besuchen, nachmittags einen Ausflug nach Białystok machen. Und das hat insgesamt auch gut geklappt, trotz einiger Regenschauer am Nachmittag.

Das Kloster öffnet um 10 Uhr, also bin ich kurz vor dieser Zeit an den Haupteingang gekommen, der anders als am Vortag geöffnet war. Vor dem Torturm drängte sich eine größere Menge von Menschen, denen ich mich einfach anschloss, nicht ohne jemand vorher gefragt zu haben, ob man die Eintrittskarten hier bekommt oder etwa woanders. Ein Ehepaar bestätigte mir, dass man die Eintrittskarten in dem Turm bekommt, und sagte auch, dass es keinen festen Preis gibt, sondern dass man selbst entscheiden darf, wie viel man spendet. Es dauerte eine gewisse Zeit, bis ich zur Kasse vorgedrungen war, das lag aber vor allem daran, dass zwei Mönche die Besucherinnen und Besucher genau musterten und denjenigen, die zu kurze Rücke oder kurze Hosen hatten, Kleidungsstücke überreichten, die sie überziehen mussten. Dass Frauen in orthodoxen Kirchen und Klöstern einen langen Rock überziehen müssen (manchmal auch über die Jeans), kenne ich aus Griechenland. Dass auch Männer einen Rock über zu kurze Shorts ziehen mussten, habe ich zum ersten Mal erlebt. Die meisten taten das widerstandslos, einer Dame, die vor mir an der Kasse war und die fragte, ob sie denn ohne langen Rock auf das Gelände dürfe, ohne die Kirchen zu betreten, erklärte der eine Mönch, für sie sei das eine „Profanisierung“ des Klosters. – Masken trug übrigens fast niemand, obwohl wir eng gedrängt standen. Ich habe dann lieber meine aufgesetzt, was zum Glück niemanden störte.

 

 

 

An der Kasse wurde mir wie erwartet gesagt, ich dürfe selbst über die Spende entscheiden. Ich entschloss mich dann, etwas mehr zu geben, nämlich 50 Złoty, darüber erschrak der Mönch ziemlich und drückte mir zwei Broschüren und eine Ikone in die Hand. Die Ikone habe ich verweigert, die Broschüren sind ganz interessant. In der einen geht es um das Kloster, die andere trägt den Titel „Vom Kampf der Gedanken“ und ist aus dem Griechischen übersetzt. Verfasst wurde sie von Paisios Agioritis (1924–1994), der viel über Geopolitik publiziert hat und sich offenbar in Russland großer Popularität erfreut. Diese Broschüre lese ich lieber in Ruhe zu Hause – unterwegs will ich mich nicht unnötig aufregen.

Dann begann die Führung. Ein jüngerer Mönch, ganz in schwarz und mit schütterem Bart, brachte uns in die große Kirche und sprach ausführlich über deren Geschichte. Leider habe ich ihn relativ schlecht verstanden, er sprach schnell, nuschelte ein bisschen und laut war es auch. Es mag auch sein, dass mir teilweise das Vokabular fehlt. Vielleicht habe ich aber insgesamt gar nicht so viel versäumt. Die Geschichte stellte er insgesamt recht objektiv dar, manches klang aber schon etwas parteiisch, so etwa, als er mehrfach betonte, die Kirchenunion von 1596 sei ein rein politisches Manöver gewesen. Die Schließung des unierten Kloster durch die Russen war dann eigentlich nur die logische Folge usw. Relativ ausführlich gesprochen hat er über den Wiederaufbau der Kirche, die 1944 von den abziehenden deutschen Truppen gesprengt wurde und erst ab 1985 wiederaufgebaut wurde. Von den Fresken ist nur ein kleiner Teil erhalten geblieben, der wird im Ikonenmuseum gezeigt, alles Übrige wurde so originalgetreu wie möglich neu gemalt, wie der Mönch scherzte, sogar mit den Rechtschreibfehlern. Die konnte ich auf die Schnelle nicht finden, habe aber auch keine Diskussion darüber angefangen. – Ansonsten machte der Mönch häufig Witzchen, die ich fast nie verstanden habe, über die alle anderen aber lachten. Aber wer weiß, vielleicht hätte ich auch nicht mitgelacht, wenn ich die Witze verstanden hätte.

 

 

Dann ging es weiter in die zweite, kleinere Kirche, die ebenfalls genau erklärt wurde. Und am Schluss erhielten wir noch eine Belehrung über die Orthodoxie, d.h. der Mönch äußerte sich zu verschiedenen Fragen, die niemand gestellt hatte, etwa warum orthodoxe Priester heiraten oder über ihre Haltung zum Papst. Bei letzterer Frage war interessant, wie sehr er die dezentrale Organisation der orthodoxen Kirche betonte. So sagte er auch, dass der Moskauer Patriarch ihm keine Vorschriften machen könne, und der von Konstantinopel auch nicht. Da hätte man fragen können, wie er zur autokephalen orthodoxen Kirche der Ukraine steht, aber darauf habe ich lieber verzichtet.

Nach einer Stunde war die Führung vorbei und ich ging weiter ins Ikonenmuseum, zusammen mit einem kleineren Teil der Leute, die bei der Führung dabei waren. Der größere Teil setzte sich zusammen in Bewegung, es handelte sich offenbar um eine organisierte Reisegruppe (was mir bisher nicht aufgefallen war). Im Museum gab es keine Führung, der Eintrittspreis lag fest und alle trugen Masken, hier herrschten also eher weltliche Regeln vor. Das Museum ist interessant und enthält sehr viele Ikonen sowie auch Vitrinen, wo man etwas über die Herstellung von Ikonen erfährt. Ich bin trotzdem relativ schnell durchgelaufen, weil sich die Motive schnell wiederholen… Bei Ikonen kommt es ja gerade nicht auf Originalität an. – In den letzten Räumen waren die Reste von Fresken der alten Kirchen ausgestellt, die man aus den Ruinen bergen konnte. Die waren nun tatsächlich sehr interessant, wenn auch teilweise in nicht so gutem Zustand.

 

 

 

Vom Ikonenmuseum bin ich in das Städtchen Supraśl gegangen, wo es zwei katholische Kirchen gibt (die eine war bis 1945 evangelisch) und wo auf dem Marktplatz ein fröhliches Treiben herrschte. Auffällig war hier und fast in der ganzen Stadt, dass an Zäunen und Hauswänden große Fotos hängen, offenbar eine Ausstellung über die Geschichte der Stadt und ihrer Bewohner_innen. Bei der Betrachtung der Fotos merkt man, dass Supraśl bis 1939/1945 eine multikulturelle Stadt war, zwar mit polnischer Mehrheit (58%), aber mit vielen Juden (17%), Belarussen (15%) und Deutschen (10%). Und genauso vielfältig waren die Religionen, denn die Belarussen waren bzw. sind orthodox (ein paar gibt es offenbar noch) und die Deutschen waren evangelisch. Das ist alles vorbei, aber ich bin froh, dass wenigstens durch die Ausstellung daran erinnert wird, dass es mal anders war.

Einer Empfehlung von Aleksandra Konarzewska folgend habe ich in der Bar „Jarzębina“ zu Mittag gegessen (eine babka ziemniczana, das ist eine Art Kartoffelauflauf). Nach einer kurzen Mittagspause ging es weiter nach Białystok.

Białystok ist ziemlich nahe (ca. 10 km), ich bin aber nicht gleich in die Stadt hineingefahren, sondern wollte als erstes die evangelische Kirche aufsuchen. Heute ist ja Sonntag, und ich möchte einen evangelischen Gottesdienst besuchen. Und wenn man das vorhat, muss man sich in Polen rechtzeitig informieren, es gibt ja nur wenige evangelische Gemeinden. Und für Białystok gilt das ganz besonders. Hier gab es zwar (abgesehen von Vorläufern im 16. Jahrhundert) ab 1796 eine lutherische Gemeinde und 1912 wurde auch eine eigene Kirche im Stadtzentrum erbaut, aber 1945 besetzten Katholiken die Kirche, im Wesentlichen wohl mit der Begründung, die Lutheraner seien alles Deutsche gewesen. Tatsächlich gehörten zu polnischen evangelischen Kirche schon im 19. Jahrhundert viele Polen, und die Gottesdienste fanden in beiden Sprachen statt. Der letzte evangelische Pfarrer, der aber faktisch nur 1939 im Amt war, war allerdings ein deutscher Nationalist gewesen. Ab 1947 bemühte sich die Kirchenleitung um Rückgabe der Kirche, dann auch vor Gericht, aber die Katholiken waren sehr unwillig. Letztlich zog sich die Angelegenheit bis 1973 hin, in diesem Jahr erhielten die Protestanten die Kirche zurück und verkauften sie sofort an die Katholiken (das war wohl der vor Gericht ausgehandelte Kompromiss). Unter diesen Umständen wollte auch kein Pfarrer in Białystok arbeiten, und es gab lange keine Kirchengemeinde, sondern die wenigen Gläubigen fuhren zum Gottesdienst in benachbarte Städte. Erst 2002 wurde eine kleine Kirche, eher eine Kapelle, eingerichtet, wo wieder Gottesdienste stattfanden, seit 2004 hat die Gemeinde auch einen eigenen Pfarrer.

Die Adresse der Kirche hatte ich im Internet gefunden, die Suche nach dem Gebäude war aber nicht so einfach, was mich nach der Vorgeschichte nicht weiter überraschte. Die Hausnummern in der Straße sind schwer zu lesen und folgen auch nicht direkt aufeinander, weil es viele Querstraßen gibt, und von der Straße aus sieht man die Kirche nur, wenn man weiß, wo sie ist. Ein freundlicher Herr, der in seinem Vorgarten arbeitete, hat mir dann aber erklärt, wo die Kirche ist, und schließlich stand ich vor ihr. Sie hat keinen Eingang hin zur Straße, sondern man muss an der Seite hineingehen. Und als ich dort war, stand ich wieder vor einem Vorgarten, den gerade ein jüngerer Mann mähte. Ich sprach ihn an, und sieh da, es war der Pfarrer. Er lud mich zu einer Tasse Tee ein und wir haben uns dann lange unterhalten.

Der Pfarrer erzählte mir zunächst einiges über das Kirchengebäude, das wirklich sehr klein ist. Im Erdgeschoss ist die Kapelle, in die ca. 30 Personen passen, darüber ist die Pfarrwohnung, die er mit Frau und zwei Kindern bewohnt. Und alles ist sehr eng, die frisch gewaschene Wäsche war z.B. in der Kapelle aufgehängt, deswegen hat er sie mir gestern nicht gezeigt. Dann ging es weiter mit der Geschichte der Protestanten in Białystok und in Polen überhaupt, mit einem Schwerpunkt auf dem Gebiet von Cieszyn/Teschen, wo etwa die Hälfte aller Mitglieder der Evangelisch-Lutherischen Kirche lebt. Wie sich später herausstellte, stammt der Pfarrer selbst von dort. Das erklärt auch, warum er sich so gut auskennt. Aber ich konnte auch einigermaßen mithalten, ich verfüge ja auch über rudimentäre Kenntnisse der Geschichte des Protestantismus in Polen.

Dann kamen wir zum Gottesdienst, und er sagte mir, ich sei herzlich eingeladen. Er müsse mich aber darauf aufmerksam machen, dass es um den Gottesdienst zum Feiertag der polnischen Armee geht. Der wird – in allen Kirchen! – am 15. August gefeiert, und ich bin schon mal vor ein paar Jahren in einen solchen Gottesdienst geraten, dessen Schwerpunkte mich etwas überraschten. Diesmal bin ich gewarnt und gespannt. Im weiteren Gespräch stellte sich dann auch heraus, dass der Pfarrer nicht nur diese Gemeinde betreut, sondern auch Militärpfarrer ist, und zwar nicht etwa für die Gegend von Białystok, sondern er ist für die Gendarmerie in ganz Polen zuständig. Er hat mir auch genau erklärt, wie sich Militärpfarrer in Polen von denen im Westen unterscheiden – ihre wichtigste Aufgabe sind nämlich Festgottesdienste für die Armee, während Seelsorge, psychologische Beratung usw. eine eher geringe Rolle spielen.

Nach einer Dreiviertelstunde verabschiedete ich mich und fuhr ins Zentrum, das zwar mit seinen breiten Straßen und großen Gebäuden einen gewissen ostpolnischen bzw. fast schon ukrainisch-russischen Eindruck macht, wo es aber eher wenige Sehenswürdigkeiten gibt. Wirklich sehenswert sind nur der im 17. Jahrhundert von meinem Namensvetter Tylman van Gameren errichtete Branicki-Palast samt Park – die Branickis waren die Magnaten, denen diese Gegend gehörte. Ich bin aber nicht in den Park gegangen (und auch nicht ins Schloss, das war vermutlich schon geschlossen), sondern habe alles nur von außen angeschaut, ebenso die Kathedrale (erbaut 1900-1905), wo gerade ein Gottesdienst stattfand. Dazwischen hat es zweimal kräftig geregnet, nach dem zweiten Mal bin ich lieber ins Auto gestiegen und habe den Rest der Besichtigungstour mit dem Auto erledigt.

 

 

 

Bei diesen letzten Teil ging es um das jüdische Erbe von Białystok, von dem aber nicht mehr viel zu sehen ist. Es gibt zwar drei Synagogen, die jetzt anderen Zwecken dienen, die habe ich aber nicht aufgesucht, mich interessierte vor allem das Denkmal für die große Synagoge, die die Deutschen am 27. Juni 1941 (also kurz nach dem Einmarsch) in Brand gesetzt hatten, nachdem sie mehrere hundert Leute ins Gebäude getrieben hatten. Das Denkmal steht in einem kleinen Park, zu dem man durch Hinterhöfe kommt, und es ist ziemlich bedrückend, wenn man bedenkt, dass Białystok lange Zeit mehrheitlich von Juden bewohnt war (1939 waren es noch ca. 40%).

 

 

 

Ein berühmter Sohn der Stadt ist Ludwik Zamenhof, der Erfinder des Esperanto, um den hier ein kleiner Kult getrieben wird. So sind die mehrsprachigen Hinweistafeln hier auch auf Esperanto. Zu seinem Geburtshaus bin ich dann auch noch gefahren. Das steht zwar nicht mehr, aber an dem Haus daneben ist ein sehr hübsches Wandgemälde angebracht, das an ihn erinnern soll

Dann bin ich von Białystok zurück nach Supraśl gefahren, war abends noch einmal in der Stadt und habe zu Abend gegessen, bevor ich mich dann zur Ruhe gelegt habe.

2 Kommentare

  1. Vielen Dank für die interessanten Besichtigungen und die schönen Bilder, vor allem aber den Pfarrersbesuch. Was gab es denn zum Kaffee? Und wenn Dir Anna Harbig über den Weg läuft, lass sie schön grüßen! Noch einen angenehmen Samstagnachmittag und eine erhebende Messe.

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