22. Februar 2019: Aufbruch nach Wilamowice

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Am Freitag, dem 22. Februar, bin ich sehr früh morgens mit dem Auto von Tübingen aufgebrochen, um nach Wilamowice zu fahren, wo ich, ebenso wie im Vorjahr, am dortigen Muttersprachtag teilnehmen wollte. Diese Veranstaltung war im letzten Jahr ein großes Erlebnis, so wollte ich dieses Mal wieder teilnehmen, obwohl mir mitgeteilt wurde, dass es um eine kürzere Veranstaltung gehen werde als im Vorjahr. Während nämlich 2018 Veranstaltungen an zwei Tagen stattfanden, ging es diesmal nur um vier Stunden am Samstagabend – aber auch diese haben sich gelohnt.

Selfie nach der Ankunft

Von der Fahrt von Tübingen nach Wilamowice bzw. noch etwas weiter nach Bielany (wo ich in einem Hotel am Fluss Soła übernachte) gibt es nicht viel zu berichten. Ich bin zügig gefahren, habe aber viele Pausen gemacht, denn der Schrecken von meinem Unfall Anfang August letzten Jahres steckt mir noch in den Knochen. Zum Glück war wenig Verkehr, und der Weg war relativ einfach zu finden, Komplikationen gab es erst ganz am Schluss in Bielsko-Biała, dessen Baustellen und Umleitungen mein Navi leider nicht kannte. Aber ich war tatsächlich kurz nach 18 Uhr in Wilamowice und gegen 18:45 im Hotel, wo ich noch zu Abend gegessen habe und dann schnell ins Bett gegangen bin.

Eigentlich könnte ich mir diesen Bericht sparen, aber ich will den ersten Beitrag zum Blog dafür nutzen, ein wenig zu erklären, was der Muttersprachtag ist und warum ich ihn ausgerechnet in Wilamowice begehen will. Der „Internationale Tag der Muttersprache“ wurde im Jahr 2000 von der UNO eingeführt und liegt offiziell am 21. Februar, dem Tag, an dem 1952 Studierende in Ostpakistan dagegen protestierten, dass Urdu als alleinige Amtssprache eingeführt werden sollte, obwohl die Bevölkerung fast zu 100% Bengali sprach. Das war der Beginn einer Entwicklung, an deren Ende die Entstehung von Bangladesch stand.

Den „Internationalen Tag der Muttersprache“ kann man im Prinzip überall feiern, sogar in Deutschland, aber da ist der Bedarf nicht so groß wie in kleinen Sprachgemeinschaften oder bei Sprachen, die vor dem Aussterben stehen. In Polen, wo der Tag „Międzynarodowy Dzień Języka Ojczystego“ („Internationaler Tag der Vatersprache“) heißt, gab es auch schon Veranstaltungen zum Polnischen, aber regelmäßig begangen wird der Tag eher von Minderheiten, also z.B. den Schlesiern oder eben in Wilamowice.

Wilamowice ist eine Kleinstadt mit ca. 3.500 Einwohnern, ganz im Süden Polens bzw. Schlesiens, nahe der Großstadt Bielsko-Biała. Bielsko-Biała war einst eine deutsche Sprachinsel im polnischen Sprachgebiet, von der nach zwei Weltkriegen und der Vertreibung nur noch kleine Reste übrig sind, in Wilamowice, das etwa 15 km nördlich liegt, wurde ebenfalls eine eigene Sprache gesprochen, die zwar eindeutig als germanisch erkennbar ist, sich aber vom Deutschen doch recht weit entfernt hat. Politisch gehörte Wilamowice seit dem Mittelalter zum Herzogtum Auschwitz, das von 1457 bis zur ersten polnischen Teilung 1772 Teil Polens war, während Bielsko-Biała zum Herzogtum Teschen gehörte, das schon ab dem 14. Jahrhundert ein böhmisches Lehen war und das ununterbrochen zu Österreich gehörte – 1919 wurde es dann zwischen der Tschechoslowakei und Polen aufgeteilt. Die Insellage von Wilamowice und die Zugehörigkeit zu Polen führten zu einer speziellen Situation, wo die gesamte Bevölkerung zweisprachig war und polnische Einflüsse das gesamte Sprachsystem betrafen. Und ab dem 19. Jahrhundert setzte sich dann bei den Bewohnern von Wilamowice immer mehr die Überzeugung durch, dass ihre Sprache nicht einfach ein deutscher Dialekt sei, sondern dass ihre Vorfahren aus Flandern oder gar Schottland gekommen seien. Eine flämische Kolonisation gab es wirklich (im 13. Jahrhundert), die linguistischen Argumente für eine Ableitung aus dem Flämischen sind aber nicht sehr überzeugend. Aber das ist letztlich auch nicht wichtig, wichtig ist die Überzeugung der Bewohner von Wilamowice, bei denen sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch eine eigene Schrifttradition zu entwickeln begann.

Nachdem die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg die Bevölkerung als Deutsche angesehen und entsprechend behandelt hatte (u.U. wurde sie gedrängt, die sog. „Volksliste“ zu unterschreiben), drohte nach 1945 die Vertreibung. So weit ist es zwar nicht gekommen, aber die Bewohner von Wilamowice wurden ziemlich drangsaliert und ihnen wurde der Gebrauch ihrer Sprache verboten. Auch wenn dieses Verbot 1956 wieder aufgehoben wurde, zogen es die meisten vor, nur noch Polnisch zu sprechen, und 1989 gab es schließlich nur noch eine geringe Anzahl von Sprecher_innen, die begannen, die alten Traditionen wiederaufleben zu lassen. Eine wichtige Rolle spielten der Linguist Tomasz Wicherkiewicz, der 2003 seine Dissertation „The Making of a Language: The Case of the Idiom of Wilamowice“ veröffentlichte und die Sprache in der linguistischen Welt bekanntmachte, und der örtliche Aktivist Tymoteusz Król, der die Sprache von älteren Leuten erlernte und sich schon als Jugendlicher für ihren Erhalt engagierte. Er erreichte 2007, dass die Sprache in der „Library of Congress“ eine eigene Abkürzung erhielt, dokumentierte die Sprache durch zahlreiche Tonaufnahmen, hat die Orthografie reformiert und in den letzten Jahren eine Vielzahl von kleineren und größeren Publikationen über das „Wymysiöeryś“ und auch in der Sprache selbst veröffentlicht. Er ist auch (zusammen mit vielen anderen) der Organisator des Muttersprachtags bzw. des „Müterśpröchtag“.

Ich selbst habe 2002 zum ersten Mal vom „Wymysiöeryś“ gehört, auf einer Tagung in Cottbus, wo Tomasz Wicherkiewicz seine Forschungen vorstellte. Im August 2008 war ich zum ersten Mal in Wilamowice, wo ich mühsam nach Spuren der Sprache suchte und schließlich in der Stadtverwaltung an den damals 15jährigen „Tymek“ verwiesen wurde. Das Gespräch mit ihm war sehr eindrucksvoll, ich wusste damals aber nicht so recht, wie ich meine Beschäftigung mit der Sprache weitertreiben und was ich beitragen könnte. So war ich erst neun Jahre später, nämlich im August 2017, wieder in Wilamowice, habe Tymek, der inzwischen Student war, wieder getroffen und von allen seinen Aktivitäten erfahren. Er lud mich dann zum „Müterśpröchtag“ im Februar 2018 ein, an dem ich auch teilgenommen habe. Damals habe ich es nicht geschafft, einen Bericht zu schreiben, aber in diesem Jahr will ich doch mein Bestes versuchen.

Ein Kommentar

  1. Gut, dass du wohlbehalten eingetroffen bist. Der Rest gehörte eigentlich über den Nachrichtenverteiler verschickt, was ich aber doch nicht gemacht habe. (•‿•)

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