6.–8. August: Prag

Am vierten Tag meiner Reise, nach anderthalb Tagen Prag und inzwischen schon östlich von Brünn, genauer gesagt in Slavkov/Austerlitz angelangt, muss ich nun wirklich meinen Blog eröffnen – nach dem ich vor der Abreise mehrfach gefragt worden bin. Da es sich bei dem Aufenthalt in Prag aber nicht um Urlaub im engeren Sinne handelt, fasse ich die ersten drei Tage in einem Eintrag zusammen.
Am Samstag bin ich kurz vor 13 Uhr gefahren, nachdem ich noch einiges erledigt hatte. So habe ich alle bei mir lagernden Hausarbeiten bis auf eine einzige gelesen, und auch fast alle Klausuren vom Frühjahr. Die Hausarbeit und die restlichen Klausuren, darunter auch die vom Sommer, habe ich mitgenommen, bislang aber noch nicht ausgepackt… Und dann bin ich zügig in Richtung Prag gefahren. Es war zwar einiger Verkehr, Stau war aber nur in der Gegenrichtung, und so bin ich schließlich gegen 19 Uhr auf dem Weißen Berg angelangt, wo ich wie immer im „Hotel u Hvězdy“ abgestiegen bin. Ich habe noch zu Abend gegessen und bin dann schnell ins bett gegangen.
Am nächsten Morgen war ich zunächst im evangelischen Gottesdienst in der Salvatorkirche in der Altstadt, auch das ein seit vielen Jahren gepflegter Brauch. Der Gottesdienst war schlecht besucht, was aber sicher an der Ferienzeit lag. Und die Predigt war sehr interessant, weil die Pfarrerin über ein Kapitel aus dem Alten Testament predigte, zum Streit zwischen Jakobs Frauen Lea und Rahel. Dass über einen solchen Text gepredigt wurde, habe ich noch nie erlebt, aber die Pfarrerin hat das durchaus schön gemacht, mit Überlegungen zum Thema, dass man sich nicht über andere erheben soll. Das Thema „Vielehe“ wurde aber nicht einmal gestreift… Weiter ist mir beim Singen der Lieder aufgefallen, wie altertämlich teilweise das Tschechische ist. Dazu sollte man fast mal eine Untersuchung machen, ob junge Leute noch Konverbien wie „chválíce“ verstehen. [In Beantwortung eines freundlichen Kommentars präzisiere ich das jetzt in dem Sinne, dass es mir darum geht, was heutige Sprecher/innen mit veralteten grammatischen Formen anfangen können, es geht also weniger darum, ob man den Inhalt des Satzes versteht (das meistens wohl schon), als darum, wie man mit einer veralteten Form umgeht.]
Und dann habe ich mich in die Altstadt begeben, wo alle Völkerstämme der Welt vertreten war, vielleicht mit Ausnahme von Tschechen. Wiedermal habe ich festgestellt, dass sich zu bestimmten Tageszeiten bestimmte Völker häufen, so bin ich zunächst (vor dem Gottesdienst) nur Franzosen und Japanern begegnet, später auch Italienern und Amerikanern. Die Deutschen kommen offenbar immer in der Mittagszeit.
Eine richtige Unsitte sind die „Segways‟, auf denen immer größere Gruppen die Stadt durchstreifen, aber es gibt auch andere Merkwürdigkeiten. Wenn man eine Gruppe mit Regenschirmen stehen sieht, muss das nicht unbedingt heißen, dass es regnet, es
können auch Reiseführer sein, die auf Opfer lauern.
Auf der Karlsbrücke sind mir dann auch die ersten Deutschen begegnet. Es handelte sich durchweg um Seniorengruppen, deren Nationalität leicht dadurch zu erkennen war, dass sie „Hundemarken‟ mit einer Notfallnummer um den Hals trugen, mit deutscher Beschriftung. Ansonsten konnte ich feststellen, dass die Porträtzeichner auf der Brücke inzwischen schon das erste Drittel (von der Altstadt her gesehen) okkupiert haben. Man kann sich inzwischen auch schon in verschiedenen Stilen zeichnen lassen…
Zu Mittag gegessen habe ich auf der Kleinseite, in einem Traditionslokal mit vernünftigen Preisen, wo aber auch nur Touristen waren. Am Nebentisch nahmen dann auch sechs jugendliche Schwaben Platz, die sich aber so ordentlich benommen haben, dass ich mich nicht einmal schämen musste.
Schlange vor dem Hradschin

Und dann habe ich mich zum Hradschin begeben, noch unentschlossen, ob ich etwas besichtigen soll. Zu meiner Überraschung musste ich feststellen, dass dort jetzt Sicherheitskontrollen stattfinden, mit dem Ergebnis, dass sich riesige Schlangen bilden. Die Kontrollen sind aber eher harmlos, d. h. die Polizisten haben keine Geräte, mit denen sie Rucksäcke und

Kontrollen am Eingang vom Hirschgraben her

Taschen durchleuchten, sondern sie entscheiden, wer den Rucksack aufmachen muss. Ich musste nichts aufmachen… Am Veitsdom stand dann eine noch längere Schlange, in die ich mich nicht gestellt habe, ich war ja schon öfter drin. Aber ich habe darüber meditiert, wie weit die Hysterie schon gediehen ist, in einem Land, das bekanntlich gar keine Flüchtlinge aufnehmen will. Dabei habe ich gar nichts gegen sinnvolle Kontrollen, wie ich sie beispielsweise im Frühjahr in der Vatikanstadt erlebt habe. Da ist erstens die Bedrohung nachvollziehbar, und zweitens wird die Kontrolle effektiv durchgeführt, mit der Durchleuchtung von Gepäckstücken und teilweise auch Personen. Was ich in Prag gesehen habe, war dagegen eher eine symbolische Handlung, die gegen wirkliche Bedrohung eh nicht helfen würde.

Ich hatte mal erwogen, die große Ausstellung zum 700. Geburtstag von Karl IV. anzuschauen, aber die ist nach tschechischem Brauch über die ganze Stadt verteilt, sodass man vermutlich Tage braucht, um sie anzuschauen. Ich war dann aber in dem Teil, der in der Reithalle der Prager Burg ausgestellt ist, über den Veitsdom. Dort sind u. a. alle Skulpturen aus dem Cimborium ausgestellt, das man in der Kirche selbst nicht gut sieht, weil es zu weit in der Höhe ist, ferner gibt es dort Informationen zur Baugeschichte und zu den Gräbern. Die sind im Laufe der Geschichte schon oft geöffnet und untersucht worden, und ich kann mich noch an eine Ausstellung im Jahr 1987 (?) erinnern, wo sogar die Schädel der Přemysliden ausgestellt wurden, ein Beispiel für die tschechischen Kultur eigene Nekrophilie. Die Schädel stellt man heute nicht mehr aus, dafür die Kleider der Toten. Man kann sich also im Detail informieren, wer im Grab welche Kleidung getragen hat, woher sie kam, aus welchen Stoffen sie produziert war usw.
Von diesen Eindrücken und der Hitze überwältigt bin ich dann ins Hotel gefahren, habe mich ausgeruht und hatte abends noch ein sehr nettes Treffen mit Renata Makarska und Václav Petrbok im Café Kaaba – das auch in der heutigen Tschechischen Republik noch so heißen darf. Aber wer weiß, wie lange noch.
Gestern hatte ich dann zunächst zwei Treffen an der Philosophischen Fakultät und im Institut für tschechische Sprache der Akademie und habe dann im Institut für tschechische Literatur das Honorar für ein Gutachten abgeholt. Ja, das gibt es hier (die Höhe des Honorars wird aber nicht verraten). Dann habe ich mich noch einmal mit Renata und Václav getroffen, an der Kirche der Hl. Ludmila,

Denkmal für Josef Čapek

wo ein schönes Denkmal für Josef Čapek steht, war mit ihnen essen und bin dann gen Osten gefahren. Leider war es sehr heiß und es war sehr viel Verkehr, wobei ich aber noch dankbar sein musste, dass ich nicht in der Gegenrichtung unterwegs war. Dort gab es riesige Staus mit Verzögerungen von bis zu zwei Stunden.

Abgestiegen bin ich schließlich in Slavkov u Brna, dem ehemaligen Austerlitz, im Hotel Sokolský dům, wo ich schon mal in den neunziger Jahren genächtigt habe. Vom Abend gab es nicht viel zu berichten, außer vielleicht von zwei deutschsprechenden Herren am Nebentisch (der eine war Deutscher, der andere offenbar Slowake), die verschiedene Weine des Hauses testeten und vom letzten dann so begeistert waren, dass der Deutsche der Kellnerin (auf Englisch) die Geschichte von der Hochzeit zu Kana erzählte, wo auch der beste Wein als letzter kam. Die Kellnerin ließ aber nicht erkennen, ob sie die Geschichte schon mal gehört hatte…

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