Der 10. August war ein Sonntag, und daher wollte ich als erstes einen Gottesdienst besuchen, so wie ich das auf meinen Reisen immer mache. Im Falle von Jasło ist das nicht so einfach, denn Protestanten der mir vertrauten Art gibt es im Karpatenvorland nicht. Hier dominiert die katholische Kirche, außerdem gibt es Pfingstler und andere Freikirchen. Ich habe zunächst erwogen, diesmal zu den Pfingstlern zu gehen, wurde aber misstrauisch, als ich feststellte, dass es ihre Homepage nicht mehr gibt… Außerdem habe ich auf YouTube die Aufzeichnung eines älteren Gottesdienstes gefunden, der zwei Stunden dauerte…
So bin ich schließlich in den katholischen Gottesdienst gegangen, der mir auch sehr gut gefallen hat. Radikale Töne fehlten fast ganz, und die Predigt habe ich verstanden (was ja leider auch nicht selbstverständlich ist). Amüsant fand ich, dass statt der Gemeinde meistens ein Sänger gesungen hat (der sollte wohl zum Mitsingen animieren, aber das ist nicht gelungen). Und die Liedtexte wurden auf zwei Bildschirme projiziert, sodass niemand ein Gesangbuch brauchte.
Nach dem Gottesdienst bin ich zu meinem ersten Ziel aufgebrochen, dem archäologischen Freilichtmuseum in Trzcinica, 5 km von Jasło entfernt. Für dieses Museum wird wenig Reklame gemacht, ich habe es eher zufällig im Internet gefunden. Und nach der Zufahrt musste ich länger suchen, sie ist nur bescheiden ausgeschildert. Sobald man dort ist, wird man aber von Plakaten und Schildern begrüßt, dass man im Karpatischen Troja angelangt sei, das lässt ja schon auf einiges hoffen.
Die Ausgrabungsstätte ist insofern sehr interessant, weil hier mehrere Schichten übereinander liegen, mit einer großen Pause in der Mitte. Die älteste Schicht wird der sog. Pleszów-Kultur zugerechnet, einer Untergruppe der Mierzanowice-Kultur, und beginnt etwa 2100 v.Chr. Diese Siedler wurden um 1650 durch Siedler der Otomani-Füzesabony-Kultur abgelöst, die über die Kunst der Metallherstellung verfügten (auf dem Gelände gibt es Spuren von Öfen und viele metallische Gegenstände). Die Ablösung erfolgte friedlich, d.h., die beiden Gruppen lebten noch eine gewisse Zeit nebeneinander. Um 1350 v.Chr. endete die Besiedlung aber abrupt, durch ein kriegerisches Ereignis oder eine Naturkatastrophe. Und mehr als 2000 Jahre später siedelten sich um 770 n.Chr. neue Siedler an, offenkundig Slawen und Vorfahren der heutigen Polen. Sie blieben dort bis 1031, dann wurde die Siedlung zerstört und nicht wieder besiedelt. Die genauen Zahlen mögen überraschen, aber sie basieren auf dendrochronologischen Untersuchungen. Und das Ende kann man anhand eines riesigen Münzfundes gut datieren (die jüngsten Münzen stammen aus den zwanziger Jahren des 11. Jahrhunderts).
Das Ausstellungsgelände besteht aus einer Eingangshalle, in der ein Film gezeigt wird und wo ein paar Funde ausgestellt werden, und einem Freilichtgelände mit rekonstruierten Bauten der verschiedenen Epochen. Ich bin ja kein großer Fan von rekonstruierten vorzeitlichen Gebäuden, hier ist die Rekonstruktion aber wenigstens sparsam und nur auf die Gebäude selbst beschränkt (ohne imaginierte Interieurs). Trotzdem ist es komisch, wie sich die Epochen nebeneinander abwechseln, obwohl sie ja eigentlich auf demselben Gelände gelebt haben, und zwar sowohl in der Ebene wie auch auf dem eigentlichen Burgberg, auf den steile Wege und Treppen hinaufführen. Ich bin bis ganz oben gegangen und habe nur auf die Besteigung des Aussichtsturms verzichtet (ich steige schon seit längerem nicht mehr auf Türme…). Oben gab es dann auch einen Laden mit Bar, wo ich ein alkoholfreies Bier der Marke „Geist des San“ (Duch Sanu) getrunken habe (der San ist der größte Fluss der Gegend, allerdings östlich von hier). Im Laden hätte man urslawische Devotionalien kaufen können (Schwerter, kleine Idole, Tücher etc.), darauf habe ich aber verzichtet.
So interessant das alles ist, haben mich doch ein paar Dinge gewundert. So wird in der Ausstellung überhaupt nicht diskutiert, wie die slawische Siedlung in ihrer eigenen Zeit hieß. Im Internet habe ich gefunden, dass der Name Trzcinica erst später belegt ist und dass die Bevölkerung die Gegend Wały Królewskie (Königliche Wälle) genannt hat. Das war aber sicher nicht der ursprüngliche Name. Weiterhin wundert mich, dass überhaupt nicht darüber gesprochen wird, ob der Ort in irgendwelchen zeitgenössischen schriftlichen Quellen vorkommt. Sehr auffällig ist auch, dass nichts zur Religion gesagt wird (so etwas ist in Polen sehr ungewöhnlich). Dabei müssten die Bewohner ja irgendwann nach 966 Christen geworden sein.

















Nach der Besichtigung des Karpatischen Trojas bin ich weiter nach Westen gefahren, in die Stadt Biecz. Ich muss gestehen, dass ich von der noch nie gehört hatte, dabei hat sie vom 14. bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts eine wichtige Rolle gespielt. Nach einer Legende soll sie sogar zeitweise Hauptstadt Polens gewesen sein, in Wirklichkeit ging es darum, dass der König Władysław Ellenlang dort eine kurze Zeit residierte (als er noch Seniorherzog und noch nicht König war). Die Stadt hat aber nicht nur eine bedeutende Vergangenheit, auch heute noch macht sie durch viele Renaissancebauten einen großen Eindruck. Dazu zählt etwa das historische Rathaus mit Turm am Hauptplatz (vor dem die Figur eines Henkers steht), die aus dem 16. Jahrhundert stammende Apotheke, in der heute das Stadtmuseum ist, und die Fronleichnamskirche. Die ehemalige Synagoge stammt zwar aus dem 19. Jahrhundert, ist aber auch ein sehr schöner Bau (heute ist dort das aktuelle Rathaus). Das alles habe ich in der großen Hitze besucht…
Wie viele ostpolnische Städte war auch Biecz zeitweise von Deutschen besiedelt. Genauere Angaben dazu habe ich gestern nicht gefunden, werde mich aber nach meiner Heimkehr noch ausführlicher bilden. Einen deutschen Namen trägt auch der größte Sohn von Biecz, der Historiker und Fürstbischof Marcin Kromer (1512–1589), übrigens ein großer Aktivist der Gegenreformation. Er war ab 1579 Fürstbischof von Ermland.















In der deutschen Wikipedia wird auch über Einflüsse der Reformation berichtet. So soll es 1522 einen Prozess gegen den Priester Marcin Beier aus Binarowa gegeben haben, der mit dessen Verurteilung wegen Ketzerei geendet hat. Er wurde aber nicht zum Tode verurteilt, widerrief und war noch längere Zeit Priester.
Ich schaute nach, wo Binarowa liegt, und sieh da, es ist nur wenige Kilometer von Biecz entfernt. Und es gibt dort eine Holzkirche vom Ende des 15. Jahrhunderts. Zu der bin ich gefahren und habe sie mir von außen angeschaut, weil nirgends stand, wann sie geöffnet ist. Aber auf einmal öffnete sich die Türe und eine Dame bat mich ins Innere. Sie ist die offizielle Führerin und hat mich dann etwa 20 Minuten lang unterhalten, mit einem Redeschwall.
Die Kirche ist aber wirklich sehr interessant. Sie ist ganz ausgemalt (die Decke mit Ornamenten, alles andere mit Episoden aus der Bibel), es gibt eine hölzerne Kanzel, auf der die Jakobsleiter abgebildet ist, und noch vieles andere. Die Ausführungen waren interessant, aber sehr lang, und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich nicht so schnell wieder aus der Kirche herauskomme. Die Rettung kam dann in Form eines Pärchens in Motorradkluft, das auch in die Kirche gelockt wurde. Erst erzählte die Führerin noch Neues, dann begann sie sich zu wiederholen – und diese Chance ergriff ich, um mich herzlich zu bedanken und zu entschwinden.
Dann bin ich noch in die Stadt Gorlice gefahren, die ich 2015 schon besichtigt habe. Schon damals fand ich, dass erstaunlich wenig zu sehen ist, diesmal habe ich nach jüdischen Denkmälern gesucht und zwei gefunden: Ein Wandgemälde, das an eine ehemalige Synagoge erinnert, und eine Gedenktafel, die an die Deportation der Juden erinnert, an einer Bäckerei, die mal Synagoge war.
Abends bin ich noch in Jasło essen gegangen und habe mich dann schnell schlafen gelegt.

























































































