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  • 8. August 2026: Tyniec – Jasło

    8. August 2026: Tyniec – Jasło

    Am 8. August bin ich von Bielany nach Jasło gefahren, einer Stadt im Karpatenvorland, wo ich die nächsten Tage verbringen will. Nun wird sich manche und mancher fragen, warum ich denn gerade nach Jasło gefahren bin, aber das hat mehrere Gründe. Der wichtigste Grund ist natürlich, dass ich eine Stadt besuchen will, in der ich noch nicht war, und das trifft für Jasło zu. Den Namen der Stadt kenne ich zwar schon sehr lange, aus der Autobiografie des jüdischen Mathematikers Hugo Steinhaus, der von hier stammte. Er hat den Holocaust versteckt überlebt, und wenn ich mich nicht täusche, auch teilweise in dieser Gegend. 2015 wollte ich den Ort tatsächlich besuchen, das ist damals aber misslungen, wie man hier nachlesen kann. Aber jetzt war es so weit. Ein kleines Problem besteht allerdings darin, dass es in Jasło fast nichts zu sehen gibt… Dazu später mehr.

    Von Bielany bis Jasło fährt man ungefähr drei Stunden, also bot es sich an, unterwegs etwas zu besichtigen. Und so habe ich beschlossen, die Benediktinerabtei Tyniec südlich von Krakau besichtigen, die ich schon mehrfach gesehen, aber nie besucht habe. Gesehen habe ich sie deshalb, weil man sie bei Schifffahrten auf der Weichsel gut sieht. Aber von der Stadt aus kommt man nicht so gut zu ihr, und deshalb habe ich das noch nie getan.

    Mit dem Auto fuhr ich auf kleinen Straßen Richtung Krakau, vorbei an Wadowice und Zator. Wadowice ist die Heimat von Johannes Paul II., da war ich schon mehrfach, Zator würde mich im Prinzip schon reizen, aber ich bin trotzdem nicht abgebogen. Und irgendwann kurz vor 12 Uhr war ich in Tyniec.

    Der Weg zur Abtei und von ihr zur Weichsel war vollgeparkt, aber etwas weiter oben habe ich am Friedhof einen Parkplatz gefunden. Ich ging zu Fuß zur Abtei und erkundigte mich nach einer Führung. Und ich hatte das große Glück, dass die nächste Führung um 12 Uhr begann.

    Ich schloss mich also einer Gruppe an, die ein netter Herr namens Borys leitete. Als erstes fragte er, woher wir denn kämen – fast alle Besucher_innen waren aus Krakau und Umgebung, eine Dame aus Masuren. Und ich habe lieber geschwiegen, ich wollte die armen Leute ja nicht verwirren.

    Die Führung war gut, wenn auch ein bisschen volkstümlich, mit Anekdoten und Anspielungen auf die klassische polnische Literatur. Und manchmal reichte auch mein Polnisch nicht aus.

    Zunächst wurden wir in die Geschichte der Abtei eingeführt, und die ist schon ein bisschen speziell. Sie soll die älteste Abtei Polens sein, 1044 gegründet, die Jahreszahl steht aber nur in einer unzuverlässigen Quelle. Dafür ist die Kirche aber wirklich aus dem 11. Jahrhundert. Das Kloster wurde aber öfter belagert und beschädigt, z.B. im 15. Jahrhundert von den Tschechen, und 1772 wurde sie von den Russen unter Suworow weitgehend zerstört. Dann kamen die Österreicher, die das Kloster 1816 schlossen. Und dann war es lange unbewohnt und faktisch eine Ruine. Als Polen unabhängig geworden war, gab es Pläne, das Kloster wieder zu eröffnen, und das geschah auch, sinnigerweise im Juli 1939… Der Wiederaufbau begann erst nach dem Krieg, dauerte ziemlich lange und ist immer noch nicht ganz abgeschlossen.

    Dann besichtigten wir einige Räume im Kloster, u.a. das Skriptorium, wo Borys viel über das heutige Kloster erzählte, in dem über 20 Mönche wohnen. Und es gibt auch immer wieder Novizen. Ziemlich lustig fand ich, dass explizit erwähnt wurde, dass man als Mönch das Handy nur tagsüber verwenden darf und als Novize ein ganzes Jahr lang nicht. Ich muss mal in der Regula Sancti Benedicti nachschauen, was da festgelegt wurde…

    In der Krypta erzählte uns der Führer, was man alles bei Grabungen gefunden hat, etwa einen Sarkophag, den man Bolesław dem Kühnen (1042–1081) zuschrieb, dessen Grab bisher unbekannt ist. Diese Theorie hat sich aber nicht bewahrheitet. Dafür sind die Gräber der beiden ersten Äbte eindeutig identifiziert.

    Zuletzt führte uns Borys in die Kirche und verschwand, wahrscheinlich darf man dort keine Führung machen. Die Kirche ist schön, aber offenkundig neueren Datums (trotz romanischer Fundamente und einiger gotischer Elemente).

    Nach der Besichtigung ging ich zur Weichsel hinunter und habe in einem Imbiss etwas gegessen, mit Blick auf Kloster und Fluss. Und dann bin ich in Richtung Jasło weitergefahren, wo ich gegen 16:30 eintraf.

    Nach einer kleinen Ruhepause habe ich Jasło besichtigt und festgestellt, dass es wirklich fast nichts zu sehen gibt. Die Stadt ist zwar alt (gegründet 1364) und spielte auch schon im Mittelalter eine Rolle. Durch Stadtbrände wurde sie aber mehrfach zerstört (z.B. 1826), und 1944 verwüsteten die abrückenden deutschen Truppen sie gründlich. Außer dem Rathaus und einigen Kirchen gibt es heute keine Sehenswürdigkeiten mehr. Aber davon abgesehen ist es eine nette ostpolnische Stadt, wo abends auf dem Hauptplatz auch wirklich etwas los ist usw.

    Nach meinem Spaziergang habe ich im Hotel gegessen und bin bald ins Bett gegangen.

  • 7. August 2026: Pszczyna – Wilamowice

    7. August 2026: Pszczyna – Wilamowice

    Am Vormittag bin ich wieder nach Pszczyna gefahren, um nun wirklich das Schloss zu besuchen. Ich habe wieder auf demselben Parkplatz geparkt (und wieder mit dem Parkautomaten gekämpft), aber als ich zum Hauptplatz kam, erlebte ich eine große Überraschung. Der war nämlich abgesperrt, überall standen Soldaten mit entsprechendem Gerät, daneben Feuerwehr und diverse staatliche Organisationen. Ich habe mich nicht getraut, viel zu fotografieren, aber immerhin kann ich mit einem Bild des Stands von Frontex und vom Gefängnis in Cieszyn/Teschen dienen.

    Lange bin ich aber nicht verweilt, sondern ging schnell ins Schloss und kaufte mir eine (verbilligte!) Eintrittskarte. Ich bat auch um einen Audioguide, weil ich mit denen gute Erfahrungen gemacht habe. Ich habe den polnischen genommen, obwohl es auch einen deutschen gab – das hat mich überrascht, aber beim Besuch des Schlosses wurde klar, warum.

    Das Schloss in Pszczyna ist zwar ziemlich alt (belegt seit dem 12. Jahrhundert), aber es wurde umgebaut und der heutige Stand ist der von 1876, also aus den Zeiten des deutschen Kaiserreichs. Und die Ausstattung stammt vom Ende des 19. und vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Damals gehörte das Schloss Hans Heinrich XV. von Pleß und seiner Gattin Daisy (einer Engländerin), die beide zu den Spitzen der deutschen Aristokratie gehörten. Besonders gerne war Wilhelm II. zu Gast, und im Ersten Weltkrieg war von 1915 bis 1917 das deutsche Hauptquartier im Schloss.

    Ausstellungen in einem Schloss mit einer solchen Vergangenheit kann man sicher verschieden gestalten. In Schloss Pleß hat man den Weg gewählt, schlicht zu beschreiben und alles Politische nur am Rande zu erwähnen. Der Höhepunkt war, dass im Besprechungszimmer mitgeteilt wurde, dass hier der U-Boot-Krieg beschlossen wurde, der zum Kriegseintritt der USA führte.

    Ich bin relativ schnell durch das Schloss gegangen, habe mir aber nicht nehmen lassen, einiges zu fotografieren, z.B. das Bett von Wilhelm II. Aber ich war froh, als ich wieder draußen war… Als nächstes habe ich die große Kirche gegenüber vom Schloss besichtigt, das ist sinnigerweise die evangelische Kirche des Orts (die Anhalts, Hohenzollern etc. waren ja alle evangelisch). Die katholische Kirche ist in der Nähe, aber deutlich kleiner.

    Dann bin ich nach Wilamowice gefahren, wo ich mich im Museum der Stadt mit Tymoteusz Król, dem wichtigsten Aktivisten für die Kultur und Sprache von Wilamowice, getroffen habe. Wir waren zusammen in der nach wie vor einzigen Gaststätte des Orts (Rogowa) essen und haben uns wie immer gut unterhalten. Dann gingen wir zurück zum Museum, wo einige Leute mit Fahnen standen, kurz darauf sollten nämlich Radfahrer der Tour de Pologne 2026 vorbeikommen. Wie ich erfuhr, liegt der Stadt sehr viel daran, Wilamowice auf diese Weise in der Welt bekannt zu machen. Wie viel die Rennfahrer, wenn sie vorbeirasen, wahrnehmen, sei dahingestellt.

    Gegen 16 Uhr war ich wieder im Hotel, bin noch einmal in einen Ort der Umgebung einkaufen gefahren und habe abends noch einmal Bielany besichtigt. Zum ersten Mal war die Kirche geöffnet, und so kann ich ein Bild von ihr zeigen. Ich schließe mit einer kleinen Anekdote vom Abendessen im Restaurant: Da saß am Nebentisch eine ungarische Familie (Vater, Mutter, eine Tochter, zwei Söhne), die sich mit der Speisekarte ziemlich schwer tat (obwohl die auch auf Englisch vorlag). Aber zuletzt fanden sie doch eine Lösung des Problems: Es wurde einfach Gulasch bestellt!

  • 6.  August 2026: Von Niesky nach Bielany

    6. August 2026: Von Niesky nach Bielany

    An diesem Tag bin ich erst gegen 10 Uhr in Niesky abgefahren, erstens weil ich etwas gemütlicher gefrühstückt habe, zweitens weil ich doch Einkäufe machen wollte (die freilich misslungen sind). Auf der Autobahn habe ich schon bald die Grenze überquert, kurz nach Görlitz, und bin dann in Richtung Breslau/Wrocław gefahren. Leider zog sich diese Strecke viel mehr, als ich erwartet hatte. Es war viel Verkehr und es gab auch mehrere Staus. Erst nach Breslau konnte ich zügiger fahren. Auf der Höhe von Katowice habe ich die Autobahn verlassen und bin auf einer Schnellstraße nach Süden gefahren. Hier war wieder viel Verkehr, und so war ich erst gegen 16 Uhr in Bielany an der Sola, wo ich ein Zimmer im Hotel Przystań nad Solą reserviert hatte.

    Das Zimmer habe ich schnell in Besitz genommen und bin gleich wieder gefahren, denn eigentlich hatte ich an diesem Tag noch etwas besichtigen wollen, einen Ort, den ich noch nicht kenne. Ausgewählt hatte ich die Stadt Pszczyna/Pleß, einen Ort mit Schloss und Schlosspark sowie mit einer hübschen Innenstadt. Die Stadt liegt etwa 25 km von Bielany entfernt, aber ich habe über eine halbe Stunde gebraucht, um dort hinzukommen.

    Ich habe mein Auto geparkt und bin dann zum Hauptplatz gegangen, wo ich einen Kaffee getrunken habe. Und dann habe ich mich in den Schlosspark begeben, für das Schloss hätte die Zeit nicht mehr gereicht (ich habe den Besuch am nächsten Tag nachgeholt).

    Der Schlosspark ist ein schöner Park im englischen Stil, mit Teichen und viel Wald. Gelegentlich stehen auch Gedenksteine oder kleine Bauwerke da, so z.B. der Eiskeller, der aber leider geschlossen war. Am beeindruckendsten fand ich den Friedhof der Familie von Anhalt, der das Schloss von 1765 bis 1847 gehörte. Der Friedhof liegt im Wald und ist sehr schlicht (und evangelisch!).

    Anschließend bin ich noch nach Wilamowice gefahren, einfach um die Stadt zu begrüßen und ein Selfie zu machen. Das Selfie mit dem Stadtheiligen Józef Bilczewski ist aber leider misslungen und kann daher nicht veröffentlicht werden.

    Abends bin ich noch in Bielany spazieren gegangen, wo es außer einer Kirche von 1828 nichts zu sehen gibt. In der Kirche war ich erst am nächsten Tag, aber am Abend des 6. August habe ich immerhin eine Tafel zur Geschichte des Dorfs gefunden, auf der interessante Dinge stehen. So weiß ich jetzt beispielsweise, dass die Brücke über die Soła, an der das Hotel steht und über die ich viele Male gegangen bin, von Häftlingen aus Auschwitz gebaut wurde (das Lager ist nur 12 km vom Ort entfernt). Diese Information hat mich bedrückt gemacht, es war mal wieder so ein Fall, wo die Vergangenheit auf einmal die Wahrnehmung des heutigen Ortes beeinflusst.

     

     

    Den Abend habe ich im Hotel verbracht und bin früh ins Bett gegangen.

  • 5. August 2026: Von Darmstadt bis Niesky

    5. August 2026: Von Darmstadt bis Niesky

    Am 5. August bin ich in der Mittagszeit in Darmstadt losgefahren, und zwar erstmal nach Norden. Ich wollte in diesem Jahr nicht die südliche Strecke nach Wilamowice nehmen, die über Prag führt, sondern die nördliche über Erfurt und Dresden. Dabei war klar, dass ich am ersten Tag nicht bis Wilamowice kommen würde, daher habe ich gleich eine Übernachtung in Niesky eingeplant.

    Niesky liegt zwischen Bautzen und Görlitz, nördlich der Autobahn, und ich war nie wirklich dort. Ich bin nur einmal mit einem Bus durchgefahren… Und damit war die Bedingung, die ich mir gestellt habe, für den ersten Tag schon mal erfüllt.


    In Niesky hatte ich ein Zimmer in einem Hotel gebucht. Ich bin kurz nach 19 Uhr eingetroffen, habe zu Abend gegessen und später noch die Stadt erkundet. Niesky ist eine Gründung der Herrnhuter aus dem Jahr 1742, und zwar wurden dort böhmische Glaubensflüchtlinge angesiedelt. Ob die nun deutsch- oder tschechischsprachig waren, weiß ich nicht. Das ließe sich vermutlich herausfinden, aber darauf verzichte ich erstmal. Wichtig ist mir die Feststellung, dass man nicht per se davon ausgehen kann, dass es um Tschechen ging.

    Mitten in der Stadt liegt der Zinzendorfplatz und an ihm die Kirche (die natürlich geschlossen war). Von der Herrnhuter Vergangenheit zeugen große Gebäude wie das Brüderhaus oder das von der Diakonie betriebene Hospiz. Und an einem Haus stand auch ein Bibelspruch. Wie aktiv die Herrnhuter noch im Stadtleben sind, habe ich aber nicht überprüft.

  • Beginn der Sommerreise 2026

    Heute eröffne ich den Blog zur diesjährigen Sommerreise. Einen solchen Blog habe ich seit 2011 in fast jedem Sommer geführt, und manchmal auch im Frühjahr. Aber im letzten Jahr ist die Berichterstattung im Februar mittendrin abgebrochen, schlicht weil ich nicht mehr so richtig wusste, was ich eigentlich schreiben soll. Ich war nämlich im Wesentlichen an Orten, wo ich schon oft gewesen bin und über die ich mehrfach berichtet habe.
    In diesem Jahr will ich einen neuen Versuch starten. Das ist auch eine Reaktion auf (wenige) Nachfragen, ob ich wieder bloggen würde. Allerdings geht das nur, wenn ich wirklich auch neue Orte besuche. Ich habe mir deshalb (aber nicht nur deshalb) für die Reise in diesem Jahr vorgenommen, dass ich an jedem Tag mindestens einen Ort besuche, wo ich überhaupt noch nie war – oder vor sehr langem.
    Die Reise führt aber ansonsten in bekannte Gegenden. Ich beginne in Wilamowice (wo ich wirklich schon oft war), fahre dann ins Karpatenvorland, dann weiter in die Ostslowakei und dann nach Ungarn. Und ich verspreche interessante Ziele. Die Tschechische Republik spare ich in diesem Jahr völlig aus. Bzw., genauer gesagt, werde ich sie „umrunden“.

  • 21. Februar 2025: Ausflug nach Třanovice und Český Těšín

    Am zweiten Tag unternahm ich von Bielany aus einen Ausflug in den tschechischen Teil Schlesiens, also in das Gebiet, das früher Österreichisch-Schlesien hieß. Es mag verwundern, dass ich, kaum in Polen angekommen, dieses Land schon wieder verlassen habe, aber das lässt sich leicht erklären. In den letzten Jahren habe ich von hier aus fast alles in der Umgebung angeschaut, und jetzt hatte ich keine großen Ideen mehr. Außer, dass ich mir mal die andere Seite der Grenze anschauen wollte, die ja eigentlich eine künstliche Grenze ist, die es erst seit 1919 gibt. Historisch und kulturell gehören beide Seiten der Grenze zusammen. Und es ist kein Zufall, dass auf der tschechischen Seite der Grenze eine polnische Minderheit von etwa 50.000 Menschen lebt.

    Trotzdem bin ich als erstes nach Wilamowice gefahren (das gehört sich einfach) und habe den üblichen Rundgang durch die Stadt gemacht, beginnend beim Denkmal des Hl. Józef Bilczewski, vorbei an dem Traditionsgasthaus Rogowa (wo ich dann am nächsten Tag auch gespeist habe) bis zur Kirche. Beim Fotografieren stellte ich fest, dass mein Handy nicht so wollte wie ich, aus irgendeinem Grund waren die meisten Fotos unscharf und unbrauchbar. Das einzige, was funktionierte, war das „Teleobjektiv“, deshalb sehen die Bilder alle so aus, als hätte ich sie aus der Ferne gemacht. – Zurück in Tübingen war ich im Handyladen, wo mir gesagt wurde, dass ein Teil der Linsen verschmutzt sei. Der nette Herr hat sie gereinigt und jetzt funktioniert alles wieder.

    In Wilamowice war ich dann auch mit einem Problem konfrontiert, das ebenfalls schon Tradition hat. Und zwar habe ich nach einem Geldautomaten gesucht und keinen gefunden. Also fuhr ich schnell nach Kęty, der nächsten etwas größen Stadt (sie heißt auf Deutsch übrigens Liebenwerde, wurde aber offenbar schon sehr früh polonisiert), und habe dort Geld abgehoben. Zum wiederholten Mal habe ich überlegt, ob ich jetzt Kęty besichtigen soll (wo es ein paar Dinge zu sehen gibt), und habe mich zum wiederholten Mal dagegen entschieden. Österreichisch Schlesien war einfach verlockender.

    Mein erstes und wichtigstes Ziel war das Dorf Třanovice (polnisch Trzanowice), wo ich vor vielen Jahren, etwa 1995, schon einmal war, und das mich deshalb interessierte, weil es die Heimat eines großen westslawischen Lutheraners ist, den ich hier Georgius Tranoscius nennen möchte. Er lebte von 1592 bis 1637 und hatte ein interessantes Leben. Er wurde in der Region geboren, auf die sein Familienname hinweist und die damals zum Herzogtum Teschen gehörte. Dieses Herzogtum gehörte damals zum Königreich Böhmen und sein Gebiet bis heute zum tschechischen Staat, wurde aber damals wie heute von Schlesiern bewohnt, die einen polnischen Dialekt sprachen. So hieß er wahrscheinlich Jerzy Trzanowski. Nach dem Studium in Wittenberg wurde er evangelischer Priester, zunächst in Böhmen und Mähren, ab 1627 in Oberungarn, der heutigen Slowakei. Dort wirkte er zuletzt in der Stadt Liptovský Mikuláš und gab auch ein Gesangbuch heraus, die „Cithara sanctorum“, das bis heute bedeutendste tschechische evangelische Gesangbuch. Die Slowaken betrachten ihn als einen der ihren und nennen ihn Juraj Tranovský, aber er schrieb auf Tschechisch und ist deshalb auch unter dem tschechischen Namen Jiří Třanovský bekannt. Und damit gehört er gleich drei westslawischen Völkern an – das muss man erst einmal schaffen!

    Třanovice liegt wenige Kilometer südwestlich von Český Těšín und ist leicht zu erreichen. Zuerst fuhr ich auf der Autobahn von Bielsko-Biała nach Westen, überquerte dann in Cieszyn die Brücke über die Olsa (tschechisch Olše, polnisch Olza) und war bald in dem kleinen Ort, wo ich allerdings etwas länger nach den Sehenswürdigkeiten suchen musste. Im Zentrum gab es nämlich keine, und die evangelische Kirche mit dem Tranoscius-Denkmal stand auf einem Hügel, an dem ich vorbeigefahren war. Irgendwie sah alles ganz anders aus als 1995, denn ich kann mich nicht erinnern, dass es damals einen Hügel gegeben hätte.

    Aber auf diesem Hügel steht die Kirche, davor eine Statue aus dem Jahr 1956, daneben ein Friedhof, an dessen Rand ein Museum steht. Das war natürlich geschlossen und es waren auch keine Menschen unterwegs. So konnte ich nur die zweisprachigen Tafeln bewundern, die es hier gibt. Heute bekennen sich noch etwa 20% der Bevölkerung zur polnischen Muttersprache.

    Dann bin ich nach Teschen zurückgefahren, zuerst in den tschechischen Teil, der heute Český Těšín heißt. Das Herzogtum Teschen fiel nach dem Ersten Weltkrieg größtenteils an Polen, nur die Gebiete südlich der Olsa wurden von den Tschechen besetzt, weil sich dort der Bahnhof befand. Um den Bahnhof herum entstand eine neue Stadt, und die Polen mussten auf der anderen Seite des Flusses einen neuen Bahnhof bauen. Heute sind beide Städte gleich groß, aber die wichtigsten Denkmäler liegen auf der polnischen Seite. Seit 1990 kann man wieder einfach von einer Seite auf die andere gehen, nachdem man lange Zeit nicht rüber durfte.

    Ich bin in der tschechischen und der polnischen Stadt herumgelaufen und habe ein paar Fotos gemacht. Ich habe keine Denkmäler oder das Schloss, wo ich vor einigen Jahren war, gründlicher besucht. Auf dem Rückweg zum Auto habe ich ein veganes Restaurant entdeckt, das leider schon geschlossen war. Ich wäre fast schon zurückgefahren, aber dann bin ich am städtischen Friedhof von Cieszyn vorbeigekommen und habe ihn mir angesehen. Ich habe keine tschechischen Gräber gefunden, aber ein paar deutsche aus der Zeit vor 1918.

    Dann bin ich nach Bielany zurückgefahren, wo ich noch einen interessanten Abend hatte. Als ich im Restaurant des Hotels zu Abend aß, fiel mir auf, dass dort mehr Leute waren als sonst. Ich habe mir dabei nicht viel gedacht. Als ich mit dem Essen fertig war, sprach mich aber jemand an. Und sieh da, das war Frau Prof. Olko, Ethnologin von der Universität Warschau, die auch zum Muttersprachtag angereist war. Sie hat mich an ihren Tisch geführt, wo auch ein paar ihrer Mitarbeiterinnen saßen, die ich schon kannte, und ein paar Kaschuben, die am nächsten Tag dabei sein sollten. Ich habe dann erfahren, dass es am Vormittag eine wissenschaftliche Tagung geben sollte, zu der ich herzlich eingeladen wurde. Mehr dazu berichte ich in meinem nächsten Beitrag.

  • 20. Februar 2025: Aufbruch zur ersten Reise dieses Jahres

    Am 20. Februar bin ich zu meiner ersten Reise in diesem Jahr aufgebrochen. Wie seit 2018 fast in jedem Jahr wollte ich den Muttersprachtag (Müterśpröhtag) in Wilamowice besuchen. Diese Veranstaltung ist gewissermaßen die lokale Variante des Internationalen Tags der Muttersprache, den die UNESCO 2000 ausgerufen hat und der jährlich am 21. Februar begangen wird. In Wilamowice (und sicher auch anderswo) findet die Feier immer an einem Samstag statt, um möglichst vielen Leuten die Teilnahme zu ermöglichen.

    In diesem Jahr fiel die Feier auf den 22. Februar. Weil die Reise lang und nicht unbedingt bequem ist, bin ich aber zwei Tage vorher losgefahren, um mich einen Tag lang erholen zu können. Am 21. Februar habe ich einen Ausflug nach Mährisch-Schlesien gemacht, am 22. Februar war der Muttersprachtag, verbunden mit einer kleinen Tagung, und am 23. Februar ging es schon wieder zurück. Ich wäre zwar gerne noch ein bisschen in der Gegend geblieben, aber Verpflichtungen in Tübingen erzwangen die schnelle Rückreise. Ich werde allerdings am 1. März noch einmal nach Südpolen fahren, dann in die Grafschaft Glatz bzw. Kłodzko.

    Dies war die Einleitung, von der Reise am 20. Februar selbst gibt es aber nichts zu berichten. Ich bin kurz vor 7 Uhr aufgebrochen und leider erst gegen 21 Uhr in Bielany eingetroffen, einem Ort in der Nähe von Wilamowice, wo ich wieder mal im Hotel Przystań nad Solą übernachtet habe. Dass die Reise so lange gedauert hat, lag an diversen Sperrungen und Staus, die mich teilweise zu größeren Umwegen veranlasst haben. Aber ich will nicht jammern, ich bin jedenfalls gut angekommen und bald ins Bett gegangen, wo ich dann wirklich sehr gut geschlafen habe.

  • 29. und 30. August 2024: Rückfahrt nach Tübingen

    Der letzte Beitrag zum diesjährigen Blog kommt mit einiger Verspätung, denn leider habe ich es nach der Rückkehr nach Tübingen nicht geschafft, alles zu Ende zu schreiben. Zu viele andere Dinge brachen über mich herein, ich war bei zwei Tagungen und ansonsten mit der Vorbereitung meines Ruhestands beschäftigt. Aber jetzt, fast einen Monat nach der Heimreise, will ich doch noch ein bisschen über die beiden letzten Tage schreiben, obwohl ich an ihnen fast nur noch im Auto gesessen bin.

    Am Morgen des 29. Augusts bin ich von Sárospatak aufgebrochen, in Richtung Győr (deutsch Raab). Die Strecke ist ungefähr 370 km lang, so hoffte ich, abends auch noch etwas von Győr zu haben, wo ich noch nie gewesen bin. Vor der Abfahrt gab es noch eine kurze Aufregung, weil ein Pumpwagen der Stadtwerke von Sárospatak die Einfahrt versperrte und Arbeiter mit Schläuchen hantierten. Das Ganze war aber so schnell vorbei, dass ich gar nicht viel mitbekommen habe, eher die Gespräche nach der Aktion als die Aktion selbst.

    Ich fuhr dann nach Westen, erst noch auf der Landstraße und ab Miskolc auf der Autobahn. Ich musste auch eine Autobahnvignette kaufen, was ich an einer Tankstelle bewerkstelligt habe. Die Dame, die mir die Vignette verkaufte, wirkte etwas unwirsch, und ganz am Schluss habe ich auch verstanden, warum. Offenbar bedienen die meisten Kunden den Automaten (wo man z.B. das Autokennzeichen eintippen muss) selbst, während ich wie selbstverständlich ausging, dass das jemand für mich macht. Beim nächsten Mal bin ich schlauer…

    Auf der Autobahn bin ich zügig vorangekommen, erst als ich mich Budapest näherte, wurde die Fahrt verlangsamt. Mein Navigator hat mich nämlich durch die Stadt hindurch geführt, das war einerseits ein schönes Besichtigungserlebnis, andererseits aber mit vielen Halten an Ampeln. Ich fuhr jedenfalls durch die Innenstadt und dann über eine Donaubrücke nach Buda und Újbuda, und dann wieder weiter auf der Autobahn.

    Gegen 16 Uhr bin ich in Győr angekommen und habe mein Hotelzimmer bezogen. Dann habe ich einen langen Spaziergang gemacht und bin an der „Kleinen Donau“ (auf Ungarisch heißt sie Mosoni Duna) in einem Restaurant auf einem Schiff gesessen. Abends war ich auch noch in der Altstadt von Győr, wo der Dom allerdings geschlossen war. In ihm war ich dann am folgenden Tag noch mal, bevor ich endgültig nach Tübingen aufgebrochen bin. Den Rest des Tages habe ich dann auf der Autobahn verbracht, erst in Österreich und dann in Deutschland. Kurz nach 20:30 war ich wieder zu Hause.

  • 28. August 2024: Ausflug nach Tokaj und Nyíregyháza

    An diesem Tag wollte ich einen Ausflug in die Umgebung von Sárospatak machen, habe aber lange geschwankt, wo ich genau hinfahre. Wichtig war mir vor allem Nyíregyháza, weil das das Zentrum der russinischen Minderheit in Ungarn ist. Allerdings war ich mir von vornherein unsicher, was man da eigentlich besichtigen kann und ob man sich nicht lange vorher hätte informieren und anmelden sollen. Nyíregyháza liegt im Dreiländereck von Ungarn, der Ukraine und Rumänien, da wären also auch spannende Ausflüge möglich, und wenn schon nicht in die Ukraine, dann doch ins rumänische Satu Mare (deutsch Sathmar). Ich habe mich dagegen entschieden, weil wirklich die Frage ist, was man bei einem solchen Kurzausflug wirklich sieht. Und auch Debrecen und Miskolc, die in Ungarn in Reichweite waren, habe ich verworfen, denn in beiden Städten bin ich schon gewesen, in Miskolc sogar mehrfach.

    So bin ich denn in Richtung Nyíregyháza losgefahren, wie üblich mit Navi, und wurde schon kurz nach Sárospatak darauf hingewiesen, dass ich auf dieser Strecke eine Fähre benutzen müsse. Dazu hatte ich keine Lust, habe eingestellt, dass ich Fähren vermeiden will, und musste dann eine etwas längere Strecke fahren, die mich aber über Tokaj führte. Diesen Ort hatte ich nicht eingeplant, aber wenn ich schon mal vorbeikomme, dann schaue ich ihn mir natürlich an, insbesondere wenn ich schon mal dort war. In Tokaj war ich vor vielen Jahren und kann mich an mehrere Kirche und ein Denkmal des ukrainischen Philosophen Hryhorij Skovoroda erinnern, über das ich ziemlich überrascht war. Aber er ist tatsächlich viel gereist und war 1745 in Tokaj, woran man sich dort offenbar gerne erinnert.

    In Tokaj angekommen, parkte ich vor der großen und offenbar vor kurzem renovierten Synagoge. Sie war aber geschlossen und ich konnte auch nicht herausfinden, als was sie jetzt genutzt wird. Dann ging ich ins Stadtzentrum, wo aber gerade viel gebaut und renoviert wird. Überall waren Zäune und Absperrungen, und die Hauptkirche (bzw. das, was ich für die Stadtkirche hielt) war geschlossen. Auch das Skovoroda-Denkmal habe ich nicht gefunden, vielleicht ist es ja auch gerade im Depot… Die Stadt war auch menschenleer, und so bin ich bald weitergefahren. – Vielleicht fragt sich jemand, ob ich denn keinen Tokajer gekauft habe. Dazu gab es einige Möglichkeiten (übrigens auch schon auf der slowakischen Seite der Grenze), aber ich habe sie nicht wahrgenommen. Erstens verfüge ich seit meiner Abschiedsvorlesung über solche Alkoholvorräte, dass ich gar nicht weiß, wann ich die aufbrauchen soll. Zweitens ist der Tokajer ein süßer Wein und damit nicht einmal als Geschenk besonders geeignet.

    Dann ging es weiter nach Nyíregyháza, wo ich in der Mittagszeit eintraf und erstmal einen Parkplatz suchte. Geparkt habe ich dann in der Nähe der katholischen Kirche, wo gerade die Vorbereitungen für ein Volksfest getroffen wurden. Ich ging zum Hauptplatz, wo ein riesiges Kossuth-Denkmal steht, und lief dann durch die Fußgängerzone, wo es weitere große Bauten des K.u.K.-Stils gibt. Irgendwelche Hinweise auf die Russinen konnte ich aber nicht finden, was mich aber nicht sehr verwundert hat. Nyíregyháza ist eine ziemlich große Stadt (115.000 Einwohner),und die Russinen wohnen wahrscheinlich eher auf dem Land. Wie schon gesagt, hätte ich mich mehr vorbereiten und wohl auch anmelden sollen. Ich habe dann in einem Café ein gutes vegetarisches Essen genossen (eine Avocado-Creme mit Zwiebeln und gerösteter Pizza), so etwas hätte ich hier gar nicht erwartet. Bevor ich zurückgefahren bin, wollte ich unbedingt noch die lutherische Kirche von 1784 anschauen, offenbar das wichtigste Baudenkmal (Nyíregyháza ist erst spät eine Großstadt geworden…). Zu der bin ich mit dem Auto gefahren, weil sie nicht so nah am Zentrum ist, und kann jetzt bestätigen, dass die Kirche imposant ist. Aber natürlich war sie, wie sich für eine anständige lutherische Kirche gehört, geschlossen.

    Auf der Rückfahrt habe ich dann doch noch die Fähre ausprobiert. Mit ihr fährt man über die Theiß, die hier schon ziemlich breit ist. Die Fähre selbst ist ziemlich schlicht, ohne irgendwelche Aufbauten, und sie fährt offenbar ständig zwischen den beiden Ufern hin und her. Ich musste etwa eine Viertelstunde warten, bin dann auf die Fähre hinaufgefahren und nach weniger als zehn Minuten wieder herunter.

    In Sárospatak habe ich dann endlich das Ortsschild in altungarischen Runen fotografiert – was ich schon länger vorhatte. Gegen Abend war ich noch einmal auf dem Reformierten Friedhof und habe den Tag mit einem Abendessen in einer Pizzeria beschlossen. Vorher hatte ich länger nach Gaststätten gesucht, aber es scheint wirklich fast keine zu geben, außer den „Trappisten“ und dieser Pizzeria. Auf dem Rückweg ins Hotel sah ich allerdings noch in Nähe der Burg eine Gaststätte, die unterhalb der Straße lag und in der viele Leute saßen. Sonderbarerweise konnte ich aber nicht sehen, wo man in sie hineinkommt. Das muss ich beim nächsten Besuch in Sárospatak herausfinden.

  • 27. August 2024: Sárospatak

    Diesen Tag habe ich ganz in Sárospatak verbracht, vormittags im Reformierten Kollegium und dessen Umgebung, nachmittags in der Burg. Ich hatte noch am Vorabend festgestellt, dass das Museum im Kollegium um 10 Uhr öffnet, und bemühte mich, um diese Zeit da zu sein. Ich kam aber einige Minuten zu spät und wurde von einem etwas gelangweilt wirkenden jungen Mann an der Kasse darauf verwiesen, dass man das Museum und die Bibliothek nur mit Führung besuchen kann, und Führungen gibt es immer nur zur vollen Stunde. Darüber war ich nicht begeistert, aber der Ärger wurde deutlich dadurch gemindert, dass der junge Mann fantastisch Englisch sprach – das war mir bisher in Ungarn noch nicht begegnet. Allzu verwunderlich war es aber auch wieder nicht, denn das Reformierte Kollegium ist ja eine Art Universität, der auch ein Gymnasium angeschlossen ist. Und genau das besucht der junge Mann, wie sich dann später herausstellte.

    Ich hatte also ungefähr eine Dreiviertelstunde Zeit und befragte als erstes den Herrn an der Kasse, ob er denn wisse, wo die Comenius-Statue steht. Er meinte, dass er noch nie von ihr gehört habe (immerhin wusste er aber, wer Comenius ist), er müsse nachfragen. Er ging kurz zum Gymnasium und kam dann mit der Auskunft zurück, es gebe keine Statue, sondern nur eine Büste. Die habe früher im Eingangsbereich des Gymnasiums gehangen und werde zur Zeit renoviert. Etwas unwahrscheinlich kam mir die Auskunft zwar vor, aber ich musste sie erstmal akzeptieren. In der verbleibenden Zeit habe ich dann noch einmal den Schulgarten besichtigt. Diesmal habe ich auch viele Statuen fotografiert, am Abend zuvor war es davor ein bisschen zu dunkel.

    Als ich zurückkam, war eine weitere Person an der Kasse, eine Dame, die auch gut Englisch sprach, bei ihr habe ich mir die Eintrittskarte für Museum und Bibliothek gekauft – und auch gleich eine Faksimile-Ausgabe der ungarischen Version von Comenius’ Orbis Pictus. Auf Facebook und Instagram habe ich bekanntgegeben, ich würde jetzt anhand dieses Buches Ungarisch lernen. Aber damit habe ich noch nicht begonnen, und es dürfte nicht ganz einfach werden, vor allem wegen der abweichenden Orthografie.

    Um 11 Uhr kam der Direktor des Museums, der mich durch die Räume führen sollte, und das war dann wirklich ein sehr angenehmes Erlebnis. Er konnte natürlich auch sehr gut Englisch, aber vor allem kannte er sich sehr gut aus und konnte auch manche merkwürdige Frage beantworten, die Slavisten halt so stellen. Das Museum hat nur wenige Räume (ca. sieben), aber die Geschichte des Kollegiums wird ausführlich und anschaulich behandelt, beginnend mit den Gebäuden. Das Kollegium wurde nämlich zunächst in Gebäuden untergebracht, die nicht sehr ansehnlich waren, und später wurden immer wieder neue Bauten errichtet, meistens an der Stelle von alten. Die heutige Form des Kollegiums stammt aus dem späten 19. Jahrhundert. Zur Baugeschichte gab es auch einen kleinen Film.

    In den nächsten Räumen ging es um die Geschichte des Kollegiums in der Frühen Neuzeit, mit Informationen über all die Leute, die hier gewirkt hatten (z.B. Comenius), aber auch über die Drucke, die in Sárospatak entstanden sind. Noch ausführlicher waren die Informationen über das 19. und 20. Jahrhundert, u.a. zur Gründung des Gymnasiums und zur Schließung des Kollegiums nach 1945. Leider konnte ich im Museum nicht fotografieren und kann den Text nicht illustrieren.

    Bevor ich mich vom Museumsdirektor verabschiedete, habe ich ihn auch nach der Comenius-Statue gefragt – und er wusste tatsächlich Bescheid. Die Statue stand ursprünglich im oder nahe beim Kollegium, wurde dann aber auf dem Imre-Makovecz-Platz aufgestellt. Der Direktor erzählte mir dann auch noch, dass es mal eine Ausstellung speziell zu Comenius gegeben habe, die aber nicht so gelungen war, weil der Autor Anhänger der These war, dass Comenius ungarische Wurzeln habe. Da habe ich interessiert nachgefragt, weil mir diese These unbekannt war. Aber es ging wohl darum, dass eine Großmutter aus Ungarn stammte (woraus dann offenbar folgt, dass sie Ungarin war usw.).

    Die Statue habe ich erst am Abend gesucht (dazu später), jetzt ging es erstmal weiter in die Bibliothek, wo mich der junge Mann führte, den ich ganz am Anfang kennengelernt hatte. Er machte das souverän, aber auch relativ kurz, d.h., es ging vor allem um den prächtigen Bibliothekssaal und die Anzahl der Bücher, aber weniger um die Bücher selbst. Von denen lagen zwar einige Exemplare in Vitrinen, aber sie waren nicht aufgeschlagen, sodass man eigentlich nur den Einband bewundern konnte.

    Zwei Kolleg_innen, mit denen ich in diesen Tagen per E-Mail korrespondiert habe, fragten mich, ob ich eigentlich auch nach der Biblia szaroszpatacka fahnden würde. Diese Bibel, in Deutschland eher bekannt als Bibel der Königin Sophia, ist bzw. war die älteste Übersetzung der ganzen Bibel ins Altpolnische. Sie wurde in den Jahren 1433 bis 1453 für Zofia Holszańska (1405–1461), die vierte Gattin des Königs Władysław Jagiełło (ca. 1360–1434), angefertigt, übersetzt aus dem Alttschechischen. Die Handschrift bestand ursprünglich aus zwei Bänden, von denen der eine im 17 .Jahrhundert verloren gegangen ist, der zweite befand sich, allerdings auch nicht mehr vollständig, bis zum Zweiten Weltkrieg in der Bibliothek von Sárospatak. Nach Kriegsausbruch wurde die Handschrift zusammen mit anderen wertvollen Büchern in einen Tresor nach Budapest gebracht, und in den Wirren nach Kriegsende ist sie dann verschollen. Mein Führer wusste, als ich ihn nach der Bibel fragte, gleich Bescheid (vermutlich wird danach öfter gefragt) und bestätigte, dass die Handschrift bis 1933 in der Bibliothek gewesen sei. Und nach Kriegsende hätten die Russen sie mitgenommen. – Diese Theorie war mir offengestanden noch nicht bekannt, aber ich habe dann später nachgelesen und auch mit meinem Kölner Kollegen Daniel Bunčić korrespondiert, der mir Literatur zuschickte. Tatsächlich gibt es neuere Forschungen, die wahrscheinlich machen, dass sich die Handschrift irgendwo in der Russischen Föderation befindet. Offizielle Stellen geben aber keine Auskunft, und angesichts der aktuellen Lage wird es wohl noch länger dauern, bis dieses Problem geklärt ist.

    Nach der Besichtigung der Bibliothek machte ich mich wieder auf die Suche nach der Comenius-Statue. Es war gar nicht so einfach, den Imre-Makovecz-Platz zu finden, und als ich ihn gefunden hatte, stand dort auch keine Statue. Ich habe dann (in meiner Unterkunft) noch einmal im Internet nach Angaben gesucht und habe letztlich erfahren, dass die Statue vor Gebäude der staatlichen Universität stehen soll. Diese Universität heißt offiziell „Tokaj-Hegyalja Egyetem“ (Universität Tokaj). Sie wurde 2021 gegründen und ist auf Weinbau und Touristik spezialisiert. Die Gebäude sind aber älter und stammen vermutlich vom Anfang des 20. Jahrhunderts (Genaueres konnte ich bisher nicht feststellen). Die Gebäude werden derzeit restauriert und sind zum Teil abgesperrt. Ja, und hinter einer solchen Absperrung habe ich wirklich die Statue gefunden, bzw. ihren Sockel. Der steht nämlich doch da, während die Statue entfernt wurde, vermutlich um sie während der Bauarbeiten in Sicherheit zu bringen.

     

    In der Mittagszeit war ich noch einmal kurz in der Kirche der Hl. Elisabeth und habe dann im „Elisabeth Café Sárospatak“ einen Kuchen gegessen und Limonade getrunken. Am Nebentisch saß eine größere Familie, die sich lebhaft unterhielt, und ich hatte auf einmal den merkwürdigen Eindruck, als würde ich gelegentlich etwas verstehen. Des Rätsels Lösung bestand dann darin, dass wirklich von Zeit zu Zeit slowakische Wörter oder ganze Sätze fielen… Wahrscheinlich handelte sich um Ungarn aus der Slowakei, aber ich habe nicht nachgefragt.

    Anschließend habe ich das Schloss besichtigt. Die Besichtigung bestand aus zwei Teilen, nämlich dem Besuch im Rákoczi-Museum, in dem man selbständig herumgehen kann, und einer Führung durch den Roten Turm. Im Museum sind die wichtigsten Informationstafeln zweisprachig (ungarisch und englisch), was die Orientierung deutlich erleichtert. Die Führung gibt es nur auf Ungarisch.

    Im Museum wird man ausführlich über die Geschichte der Familie Rákoczi informiert, deren Aufstieg mit Sigismund I. Rákoczi († 1608) begann, der 1607 zum Fürsten von Siebenbürgen gewählt wurde. Er herrschte dort nur kurz, aber sein Georg I. Rákoczi (1593–1648) herrschte dort 18 Jahre lang und baute auch seine Macht in Ungarn deutlich aus. 1645 erhielt die Würde eines Reichsfürsten. Zusammen mit seiner Frau Zsuszanna Lorántffy war er Förderer des Reformierten Kollegiums. Nicht so erfolgreich war sein Sohn Georg II. Rákoczi (1621–1660), der auch zeitweise den siebenbürgischen Thron einbüßte. Er hatte eine Katholikin geheiratet, die nach seinem Tod zum Katholizismus zurückkehrte, deshalb waren die beiden nächsten Vertreter der Familie, Franz I. Rákoczi (1645–1676) und Franz II. Rákoczi (1676–1735), Katholiken. Franz I. war am Magnatenaufstand von 1670/71 beteiligt und entkam nur dank der Mühen seiner Mutter der Hinrichtung. Seine Witwe Helena (1643–1703) heiratete den viel jüngeren Emmerich Thököly (1657–1705), den Anführer des sog. Kuruzen-Aufstands (1677–1687), der sich im Wesentlichen in der heutigen Slowakei abspielte – nach dessen Niederschlagung floh er ins Osmanische Reich, wo er in İzmit/Nicomedia starb und begraben wurde. Sein Stiefsohn Franz II. Rákoczi führte dann den letzten großen Aufstand von 1703 bis 1711 an und besetzte zeitweise große Teile Ungarns. Der Aufstand wurde zwar niedergeschlagen, den Ungarn wurden aber im Frieden von Sathmar viele Zugeständnisse gemacht (u.a. Religionsfreiheit). Franz II. Rákoczi musste aber in die Türkei fliehen, von wo aus er noch mehrere Versuche machte, wieder an die Macht zu kommen. 1735 ist er in der Türkei gestorben und wurde 1906, ebenso wie seine Mutter und sein Stiefvater, nach Ungarn umgebettet. Seine Mutter und er sind im Dom von Košice/Kaschau begraben, sein Stiefvater in der evangelischen Kirche von Kežmarok/Kesmark.

    Die Führung durch den Roten Turm begann sozusagen im Keller, wo man dann auch mehrere Brunnen sehen kann, und führte durch viele Räume und auch eine Kirche. Viel kann ich dazu aber nicht sagen, weil die Führung wie schon gesagt auf Ungarisch war. Ich bin zwar immer wieder angetan davon, wie viele Wörter ich kenne, aber zum Verstehen ganzer Sätze reicht das leider nicht aus. Am Schluss standen wir dann ganz oben auf dem Turm, mit einem schönen Blick auf die Stadt und die Landschaft.

    Abends kündigte sich ein Gewitter an, deshalb wollte ich keine großen Experimente machen und bin wieder in der Trappistengaststätte essen gegangen. Diesmal klappte die Verständigung in einer Mischung aus Englisch und Ungarisch schon ganz gut. Der Kellner stellte mir das Essen auch noch mit dem Wunsch nech sa páči hin – das heißt guten Appetit, und zwar auf Slowakisch. Erst dachte ich, dass er eben ein paar Floskeln in Nachbarsprachen kennt, aber weit gefehlt, er war sogar Slowake! Davon hatte ich freilich nur noch wenig, weil ich ja schon bestellt hatte und es nichts gab, was ich noch hätte klären müssen.