In der Einleitung zu meinem Blog hatte ich geschrieben, dass ich dieses Mal vor allem Orte besuchen will, an denen ich noch nie war, aber auch solche, deren Besuch lange zurückliegt. Der erste solche Besuch fand gestern statt, und zwar habe ich den griechisch-katholischen Wallfahrtsort bei Litmanová aufgesucht, an dem ich schon einmal war, und zwar im August 1995 mit meinen Eltern.
Der damalige Besuch ist mir noch recht gut in Erinnerung. Ich hatte von dieser Wallfahrt ein Jahr vorher gehört, in einem Bauernhausmuseum, in dem ich zusammen mit zwei kroatischen Familien eine Führung mitgemacht habe. Und die Kroaten hatten mich gefragt, ob ich schon mal an dem Wallfahrtsort war. Das war ich nicht, aber im folgenden Jahr wollte ich unbedingt hin. Wir waren mit dem Auto unterwegs, wie ich jetzt auch, und anders wäre der Ort schwer zu erreichen. Denn das Dorf Litmanová liegt im Gebirge, weit ab von der großen Straße, die von Košice in die Zips führt. Und der Wallfahrtsort liegt auch nicht beim Dorf, sondern einige Kilometer weiter ins Gebirge hinein, am Berg Zvir.
Damals war nur ein Teil der Strecke befahrbar, und den Rest sollten die Pilger vermutlich zu Fuß gehen. Darüber habe ich mich hinweggesetzt und bin bis zu einem Busparkplatz gefahren, wo Autos eigentlich nicht stehen durften. Demzufolge fand ich nach der Rückkehr auch einen Strafzettel vor, den ich nie bezahlt habe (1995 konnten mich die slowakischen Behörden auch noch nicht verfolgen).
Die Wallfahrt selbst war relativ jung, denn die Erscheinungen der Muttergottes, auf die sie zurückging, hatten im August 1990 begonnen. Damals erschien Maria zwei jungen Mädchen aus der Region und gab ihnen Botschaften mit. Manchmal wird auch noch ein Junge genannt, der dabei war, aber der ist irgendwie aus der Geschichte verschwunden… Weitere Erscheinungen erfolgten in den nächsten Jahren, die letzte im August 1995, also kurz vor unserem Besuch. Ich glaube aber nicht, dass wir das damals wussten. Der Wallfahrtsort war auch noch nicht offiziell von der Kirche anerkannt, was aber gar nicht verwundert. Die katholische Kirche ist bei neuen Wundern doch relativ vorsichtig, z.B. auch im Falle von Medjugorje.
Als wir oben angekommen waren, sahen wir eine kleine Kapelle und eine Reihe von Pilgerinnen und Pilgern, das war aber alles. An manchen Bäumen hingen Zettel mit den Mitteilungen der Muttergottes. Insgesamt hat der Ort einen großen Eindruck auf uns gemacht, auch wenn wir nicht die Muttergottes verehren und nicht katholisch sind (und schon gar nicht griechisch-katholisch).
Mein Vater meinte damals, es sei eigentlich erstaunlich, um wie schlichte Wahrheiten es ging. Anderswo, z.B. in Fatima, waren die Mitteilungen so brisant, dass die Kirche sie lange geheimgehalten hat. Und das ist auch der Grund, dass ich es für leicht überzogen halte, wenn (heute) manchmal die Wallfahrt am Berg Zvir als „slowakisches Fatima“ bezeichnet wird.
Diesmal war alles deutlich anders als vor 31 Jahren… Ich fuhr wieder auf der Straße ins Gebirge, aber sie führte immer höher. Und erst lange nach dem Parkplatz vom letzten Mal, den ich wiederzuerkennen glaubte, gab es weit oben einen Parkplatz. Der war aber ganz besetzt und so fuhr ich etwas zögernd auf der Straße weiter (das war aber erlaubt). Und noch viel weiter oben, kurz vor der Wallfahrtstätte, war wieder ein Parkplatz, wo ich dann auch mein Auto abgestellt habe. Nach etwa 200 m kam ein Imbiss (wo ich später etwas gegessen habe), und dann begann der Wallfahrtsbezirk, abgegrenzt durch ein (offenes) Tor und mit einem Plakat, dass man ab jetzt möglichst schweigen möge. Dann ging es wieder 200 m und man sah die ersten Kapellen. Wie sich zeigte, ist das Gelände jetzt mit Kapellen übersät, alle voll ausgestattet mit Ikonen, aber auch Sitzbänken. Eine Kapelle heißt Kaplnka zjavenia („Kapelle der Erscheinung“), das dürfte die ursprüngliche sein.
Der Ort hat mir wieder sehr gut gefallen, und ich finde, dass man dort etwas Besonderes spürt, auch wenn man an diese Art von Spiritualität nicht gewöhnt ist. Verglichen mit anderen Wallfahrtsorten finde ich ihn ruhig und überhaupt nicht aufdringlich. Das ändert sich auch nicht dadurch, dass man allmählich merkt, dass es hier alles gibt, was zu einer ordentlichen Wallfahrtsstätte gehört, also eine Quelle mit heiligem Wasser, Devotionalien aller Art, darunter auch Oblaten, und sogar ein Stück Jakobsweg. Wie sich der Hl. Jakob ins slowakische Gebirge verirrt hat, wird allerdings nicht erklärt.
Wie schon erwähnt, handelt es sich hier um einen griechisch-katholischen Wallfahrtsort, ein Heiligtum der mit der katholischen Kirche unierten Griechisch-katholischen Kirche der Slowakei. An verschiedenen Stellen hingen Werbeplakate dieser Kirche, z.B. für das Priesterseminar in Prešov. Erstaunlich fand ich, welche geringe Rolle das Kirchenslavische spielte, das würde ich bei Unierten anders erwarten. Tatsächlich habe ich nur eine kyrillische Inschrift entdeckt, und die war eindeutig russinisch (oder ukrainisch): Я єм непорочнє зачаття („Ich bin die unbefleckte Empfängnis“). Noch erstaunlicher war, dass darunter in Lateinschrift jem neporočna čistota stand, das ist Russinisch in Lateinschrift. Sonst habe ich kyrillische Inschriften nur auf den Ikonen gesehen, aber die kann man ja nur mit einer Spezialausbildung lesen…
Im Devotionalienladen habe ich mir drei Packungen Oblaten gekauft, einen Kräutertee und ein kirchenslavisches Gebetsbuch, ebenfalls in Lateinschrift. Bei dessen Anblick dürften viele Slavisten der älteren Generation in Tränen ausbrechen, deswegen werde ich es unter Verschluss halten.











Dann bin ich in Richtung Sabinov zurückgefahren, aber nur ein Stück, denn ein Wegweiser nach Chmeľnica lud zu einem Abstecher ein. Chmeľnica heißt auf Deutsch Hopgarten und ist ein deutsches Dorf, dessen Einwohner sich 1945/46 der Vertreibung widersetzt haben, mit Hilfe ihrer slowakischen und russinischen Nachbarn. Die dortige Bevölkerung war einige Zeit recht aktiv, hat eine deutsche Grundschule und eine Folkloregruppe, aber die Sprecherzahl geht allmählich zurück. Ich bin dorthin schon öfter abgebogen, habe die Kirche angeschaut (mehr gibt es nicht) und Leute angesprochen. Und nur ein einziges Mal haben ältere Leute mit mir Deutsch gesprochen (und dann gleich angefangen, auf die Roma zu schimpfen). Diesmal waren keine Leute auf der Straße und auf eine Gruppe von Jungen auf Fahrrädern, die mich laut auf Slowakisch grüßten, habe ich leider nicht schnell genug reagiert. Aber ich hatte eine neue Idee, was ich anschauen könnte, und war auf dem Friedhof, der sehr beeindruckend an einem steilen Hang angelegt ist. Ich frage mich ja, wie sie das bei Begräbnissen machen, wenn ältere Leute unter den Trauergästen sind… Leider habe ich nur wenige deutsche Aufschriften gefunden, die meisten am unteren Ende des Friedhofs.






Durch dieses Erlebnis angeregt, war ich gegen Abend auch noch auf dem Friedhof von Sabinov, um nach Gräbern mit nichtslowakischen Inschriften zu suchen. Heute sind fast alle Bewohner_innen von Sabinov Slowaken, es gibt eine Roma-Minderheit (die vermutlich fast alle slowakische Namen haben) und einige Vietnamesen. In der Vergangenheit war das anders, denn ursprünglich war die Stadt mal deutsch, bis ins 17. Jahrhundert. Später dürften hier auch noch Deutsch gelebt haben, in kleinerer Zahl, und natürlich Ungarn.
Der Friedhof ist ziemlich groß und auch den Berg hinauf angelegt und es gibt erstaunlich viele ältere Gräber. Darunter sind mehr ungarische, u.a. an einer markanten Stelle ganz oben am Friedhof, aber auch ein paar deutsche. Am interessantesten sind die gemischten Grabsteine, die z.B. ungarisch anfangen und slowakisch enden. Oder sie fangen ungarisch an und enden deutsch! Die Deutschen in Oberungarn waren für die ungarische Assimilation nämlich anfälliger als die Slowaken, vermutlich weil sie eher zur Oberschicht gehörten. Ähnliches kann man auch in der Zips beobachten (z.B. auf dem Friedhof von Levoča/Leutschau).










