18. August 2026: Tokaj – Bodrogkeresztúr – Rákóczi-Burg

Für den heutigen Tag hatte ich mir einen Ausflug nach Tokaj vorgenommen, also in die Heimat der berühmten (süßen) Weine. Dort war ich zwar schon zweimal, das erste Mal um das Jahr 2000 herum, das zweite Mal vor zwei Jahren. Aber an das erste Mal kann ich mich kaum noch erinnern, und vor zwei Jahren wurde überall gebaut und ich bin schnell wieder geflohen.

Die Fahrt von Sárospatak nach Tokaj verlief gut (die Städte sind etwa 25 km voneinander entfernt). Nur meldete sich unterwegs mein Auto und meinte, ich sollte den Reifendruck überprüfen. Diese Meldung bekomme ich leider in jedem Sommer… Inzwischen kann ich zwar mit den Messgeräten umgehen, aber richtig Spaß macht mir das nicht. Die Meldung hatte jedenfalls die Konsequenz, dass ich den ganzen Weg nach Tankstellen Ausschau hielt, ohne wirklichen Erfolg. Irgendwo war eine Tankstelle angezeigt und ich bin abgebogen. Aber dann war dort niemand zu sehen und die Tankstelle war wohl eher eine für landwirtschaftliche Fahrzeuge… 

So bin ich letztlich bis Tokaj durchgefahren, habe mein Auto (wie letztes Mal) an der früheren Synagoge geparkt und bin in die Stadt gegangen. Dort gibt es einige schöne Gebäude und auch eine wundervolle Statue des Hl. Stephan, auf dessen Kopf ein Wesen sitzt, das ich von unten nicht identifizieren konnte. Aber vor allem wird überall für den Besuch von Weinkellern geworben (auf Ungarisch heißen der Keller pince). Dieser Versuchung konnte ich aber widerstehen, erstens bin ich kein Weintrinker, zweitens mit dem Auto unterwegs.

Von meinem ersten Aufenthalt kann ich mich noch erinnern, dass irgendwo eine Gedenktafel für den großen ukrainischen Philosophen Hryhorij Skvoroda (1722–1794) hing. Die hatte mich damals fasziniert, weil ich mich fragte, wie Skvoroda eigentlich nach Tokaj gekommen ist. Und vor zwei Jahren habe ich sie nicht gefunden. Diesmal war ich glücklicher, weil ich gelesen hatte, sie hänge an der orthodoxen Kirche, und die habe ich schnell gefunden. Die Tafel ist übrigens auf Ukrainisch und Ungarisch. Ich kann mir so richtig vorstellen, wie westliche Touristen an ihr verzweifeln.

Dann war ich im Stadtmuseum, das wirklich wunderschön ist, untergebracht in einem barocken und mit vielen schönen Exponaten. Etwas verwirrend fand ich, dass irgendwo auch ein evangelischer Pfarrer vor mir stand, aus Pappe. Da ging es um Béres Béla, der offenbar auch viele kulturelle Aktivitäten entwickelt hat. Im Speicher gab es eine Ausstellung von moderner Volkskunst, im Keller einen Bericht über den Bergbau. Und im Garten stand ein Sarkophag aus dem 17. Jahrhundert, mit ungarischer Inschrift.

Nach der Besichtigung bin ich essen gegangen und habe dann beschlossen zurückzufahren, weil es ziemlich regnete. Auf der Strecke suchte ich wieder nach einer Tankstelle, ohne eine zu finden. Aber dann fiel mir in einem Ort ein großes Plakat in hebräischer Schrift auf. Das hat mich so fasziniert, dass ich in der Nähe geparkt und das Plakat betrachtet habe. Obwohl ich hebräische Schrift lesen kann, habe ich gar nicht versucht, es zu verstehen, sondern bin einem Wegweiser gefolgt, der mich zu einem kleinen Gehöft führte, wo überall auch Aufschriften in einer hebräischer Schrift waren. Da saß auch ein orthodoxer Jude (ganz in Schwarz, mit Pejes usw.), aber ich hatte nicht den Mut ihn anzusprechen. Kurz darauf kam eine jüngere Frau aus dem Gebäude, und da habe ich mich dann doch getraut, allerdings ohne mit Ungarisch zu experimentieren.

Ich habe sie auf Englisch angesprochen und gefragt, was das für eine Einrichtung sei, und sie gab gerne Auskunft. In diesem Ort (er heißt übrigens Bodrogkeresztúr) habe mal ein berühmter Rabbi gelebt, zu dessen Grab immer noch viele Menschen pilgern. Und die Einrichtung, vor der ich stand, war ein guest house zur Unterbringung der Gäste. Ich fragte, wo das Grab denn sei, und sie beschrieb mir den Weg, gleich mit dem Hinweis, dass man besser mit dem Auto fahre. Ein anderer Mitarbeiter gab mir auch noch einen Plan, wieder alles in hebräischer Schrift, und erklärte mir, wie ich fahren soll.

Ich holte also mein Auto und fuhr den Berg hinauf, erst durch das Dorf, dann vorbei an einem großen christlichen Friedhof. Und irgendwo nach zwei oder drei Kilometern war ein großer Parkplatz, und neben ihm ein Gebäude, in dem sich offenbar das Grab befand. Am vorderen Eingang stand, er sei für Frauen bestimmt, so habe ich den zweiten gewählt und stand sofort vor dem Grab, das über und über mit Zetteln bedeckt war. Und weiter hinten im Raum betete ein orthodoxer Jude laut und in Extase, ähnlich wie ich das mal an der Klagemauer in Jerusalem erlebt habe. Ich habe mich ihm nicht genähert und habe auch nicht fotografiert.

Hinter dem Gebäude war ein Friedhof, auf dem verschiedene Leute waren, auch eine Mutter mit Kindern. Und als ich noch einmal zum Grab ging, betete diese Frau zusammen mit einer anderen auf der Frauenseite. Als ich wieder auf dem Parkplatz war, ging dort ein junger Mann auf und ab und telefonierte laut auf Hebräisch. Kurz darauf kam ein Auto, dem wieder ein orthodoxer Jude entstieg. Und ich bin dann wieder hinuntergefahren.

Weil alles hebräisch beschriftet war, musste ich gewissen Mühen aufwenden, um herauszufinden, um welchen Rabbi es geht. Auf Hebräisch heißt er Reb Shayale, sein bürgerlicher Name war aber Yeshaya Steiner. Er lebte von 1852 bis 1925 und war der Begründer der chassidischen Kerestir-Dynastie. Geboren ist er in der slowakischen Stadt Zborov, aufgewachsen in Bardejov (wo ich letzte Woche war), und ab 1875 lebte er in Bodrogkeresztúr bzw. Kerestir, wo er einen großen chassidischen Hof führte. Er war wegen seiner Freigebigkeit bekannt und vollbrachte viele Wunder, die ich hier nicht aufzählen kann.

Nach seinem Tod wurde erst sein Sohn Nachfolger, dann der Schwiegersohn. Und der wurde mit einem Großteil der jüdischen Bewohner von Bodrogkeresztúr im Holocaust ermordet. Die Überlebenden gingen in die USA, aber in den letzten Jahren ist das chassidische Leben wiederaufgeblüht. Es gibt in dem Ort noch weitere chassidische Einrichtungen, die ich aber nicht mehr aufgesucht habe.

Manches ist mir aber unklar geblieben. Die Texte in hebräischer Schrift sind großenteils nicht hebräisch, sondern jiddisch. Darauf hat mich ein mit mir bekannter israelischer Linguist auf Facebook hingewiesen. Und mir war das ziemlich peinlich, weil ich eigentlich Jiddisch lesen kann. Ich hatte es nur gar nicht versucht…

Gerne hätte ich mich mit jemandem unterhalten, aber das war schwierig. Am Friedhof wollte ich niemanden ansprechen, vor dem Gästehaus saß nur ein junger Mann, der offenkundig orthodoxer Jude war. Ihn habe ich angesprochen und gefragt, ob die Mitglieder der Gemeinschaft in Israel oder in Ungarn wohnten, worauf er mir sagte, er sei aus den USA und komme immer im Sommer für zwei Wochen zum Arbeiten. Mehr konnte ich nicht herausfinden und werde nach meiner Rückkehr ein bisschen im Internet recherchieren, wo die Gemeinschaft aber kaum erwähnt wird.

Dann bin ich nach Sárospatak zurückgefahren, wo ich wirklich eine Möglichkeit fand, meinen Reifendruck zu messen. Die Suche war nicht einfach, weil die erste Tankstelle keine entsprechende Einrichtung hatte. Außerdem konnte ich mir das Wort für „Reifendruck“ (es lautet ‌ abroncsnyomás) nicht merken und habe es zuletzt vom Handy vorgelesen. Aber schließlich durfte ich den Druck messen und in Ordnung bringen, sodass ich für die Heimfahrt keine Sorgen haben muss.

In Sárospatak war ich gegen 16:30 und hatte dann spontan die Idee, ich könnte noch die Burg besichtigen. Wie erwähnt, war ich schon viermal dort, aber ein fünftes Mal kann nicht schaden. Leider habe ich aber die letzte Führung nicht mehr erwischt und konnte nur noch die Ausstellung über die Familie Rákóczi anschauen, aber immerhin mit 0 Forint Eintritt. Anscheinend muss man, wenn man über 70 ist, gar nichts mehr zahlen…