16. August 2026: Von Sabinov nach Sárospatak

An diesem Tag bin ich aus der Slowakei nach Ungarn hinübergefahren, konkret in die Stadt Sárospatak, die ich liebe und in der ich schon mehrfach war. Den Vorsatz, jeden Tag etwas Neues zu besichtigen, konnte ich da nur symbolisch umsetzen. Und das wird auch in den nächsten Tagen ähnlich sein.

Gestern war Sonntag, so habe ich am Vormittag als erstes einen lutherischen Gottesdienst besucht. Er begann um 9:45, die Kirche war voll (ca. 80 Leute) und den Gottesdienst hielt eine dynamische jüngere Pfarrerin. Eigentlich dachte ich ja, ich würde allmählich alle Möglichkeiten, evangelische Gottesdienste abzuhalten, kennen, aber tatsächlich war hier wirklich fast alles anders als gewohnt. Die Pfarrerin kniete zunächst am Altar, später stand sie, und hat die gesamte Einführung bis zur Lesung des Evangeliums gesungen. Sie hatte wohl auch ein Mikrofon (das man von meinem Platz aus nicht sah) – oder sie ist eine ausgebildete Sängerin. Ihr Gesang war jedenfalls beeindruckend.

Zur Predigt stieg sie auf die Kanzel, zu der eine Treppe außerhalb des Kirchenraums führte. Dort hielt sie eine längere Ansprache über den Sinn der Predigt und predigte dann über das Leben des Hl. Petrus, ausgehend von einem kurzen Bibelvers. Nach der Predigt kamen die Abkündigungen, darunter auch ein Aufgebot einer Hochzeit (mit Namen, Geburtsdaten und Adressen sämtlicher Beteiligter) und dann der Bericht über die Spenden für die Renovierung der Orgel. Alle Spenderinnen und Spender wurden namentlich genannt, einschließlich der Spende. Das hat aber wohl vor allem deshalb funktioniert, weil alle den gleichen Betrag gespendet hatten, nämlich 100 €.

So etwas wie Kirchcafé gab es nicht, so bin ich gleich in Richtung der ungarischen Grenze gefahren. Ich hatte mir vorgenommen, keine Autobahn zu benutzen, nicht wegen des Geldes, sondern wegen mäßiger Erfahrungen beim Kauf slowakischer Vignetten (ich habe mich mehrfach mit Verkäufern angelegt). So etwas geht ganz gut, wenn man einen Navi hat, wo man einstellen kann, dass man Mautstraßen vermeiden will. Aber die Fahrt war doch recht abenteuerlich, durch Randbezirke von Prešov und Košice und durch Dörfer mit spannenden Namen.

Eigentlich hätte ich ja auch gerne etwas besichtigt, aber dazu ergab sich die erste Möglichkeit erst kurz vor der Grenze, wo ein Wegweiser zu einem Denkmal führte. Dieses erinnert daran, dass der Ort Skároš am 18. Dezember 1944 von den sowjetischen Truppen befreit wurde, als erster Ort auf dem Gebiet der heutigen Slowakei. Das Denkmal wurde erst 1974 errichtet und ist ein bisschen lieblos (ohne die gewohnten Reliefs). Auf einer Informationstafel stand, dass dort ursprünglich auch ein unbekannter sowjetischer Soldat bestattet war, aber der wurde später nach Košice umgebettet.

Nach kurzer weiterer Fahrt war ich in Ungarn. Die Grenze liegt am Waldrand und ist nur durch eine große Tafel markiert. Das sollte sich Herr Dobrindt mal anschauen, um zu sehen, wie eine richtige Schengen-Grenze aussieht… Nach der Grenze war dann aber wirklich alles anders, und der Ort, aus dem ich kam, hieß auf den Wegweisern auf einmal Eszkáros-Skároš.

Mein Auto hatte mir schon länger vor der Grenze gemeldet, dass ich tanken muss, aber als echter Schwabe wollte ich lieber in Ungarn als in der Slowakei tanken. In Ungarn ist das Benzin nämlich deutlich billiger. Diese Idee war aber nicht so toll, denn mir war nicht klar, wie wenige Tankstellen es in dieser verlassenen Gegend gibt. Im ersten Ort, der sogar im Reiseführer steht und wo traditionell Porzellan produziert wird (Hollóháza), habe ich keine gefunden, und die nächsten Orte waren nur noch kleiner. Irgendwann meldete mein Auto, ich könne noch 0 km fahren… Aber das ist wohl eine Warnung für demente Fahrer und nicht ganz ernst gemeint. Die nächste Tankstelle kam erst nach 15 km, aber es gab sie wenigstens. Ich habe getankt und mein erstes ungarisches Gespräch geführt (das insgesamt aus weniger als zehn Wörtern bestand).

Leider war es sehr heiß, bis zu 35° C, das war ich nach Sabinov gar nicht mehr gewöhnt, wo die Temperaturen selten 25° C überstiegen. So war ich nicht sehr motiviert, nach Orten zu suchen, die ich besichtigen könnte. Außerdem bin ich diese Strecke schon öfter gefahren und „kenne“ das meiste. Irgendwann kam ich nach Széphalom, dem Ort, aus dem Ferenc Kazinczy (1769–1831) stammte. Kazinczy war sozusagen einer der „Erfinder“ des modernen Ungarischen, er hat einiges geschrieben und vor allem das literarische Leben organisiert. In Széphalom hat er die letzten Jahre verbracht und ist dort auch gestorben. Heute kann man sein Herrenhaus besichtigen und das hätte ich vielleicht tun können. Nur war der Parkplatz voll und das Gelände ebenfalls. So bin ich lieber weitergefahren, sah aber bald einen Wegweiser zu einem Museum, dem „Museum der ungarischen Sprache“ (A Magyar Nyelv Múzeuma). Dort war der Parkplatz fast leer – und das Museum, wie sich zeigte, auch.

Als ich ins Museum kam, saß niemand an der Kasse, die Mitarbeiterinnen waren in einer Art Café versammelt, vermutlich mangels Besuchern. Ich bin dort hineingegangen und habe gesagt, dass ich ganz wenig Ungarisch kann, aber das Museum besichtigen will. Die diensthabende Dame ist ziemlich erschrocken und hat mir auf Ungarisch erklärt, dass es hier um ein Museum der ungarischen Sprache gehe, dass alles auf Ungarisch beschriftet ist usw. Aber als ich dann sagte, dass ich jetzt bezahlen will, hat sie das Geld (ca. 2 €) doch in Empfang genommen und ich durfte hinein.

Das Museum besteht aus zwei Teilen, ein Teil ist Ferenc Kazinczy gewidmet, der zweite Sándor Petőfi (1823–1849). Ich habe beide andachtsvoll besucht, manchmal auch einzelne Wörter nachgeschlagen und bin ganz gut klargekommen. Dazwischen kam mal eine andere Mitarbeiterin des Museums zu mir und wollte mich auf Deutsch führen. Sie hat mir aber geglaubt, dass ich weiß, wer Kazinczy war, und hat mich in Ruhe gelassen. Nicht ohne mir noch eine falsche Auskunft zu geben… Ich wollte nämlich wissen, ob er katholisch oder reformiert war, und sie meinte, er sei katholisch gewesen. Was aber nicht stimmt.

Die Ausstellung war informativ, aber brav, und solche Tatsachen wie die, dass Petőfi slowakischer Abstammung war, kamen nicht vor. Ganz zu schweigen von den Theorien, nach denen er gar nicht gefallen ist, sondern nach Russland verschleppt wurde und dort in hohem Alter gestorben sei. Dafür gibt es auch Tafeln zu anderen Problemen, zum Spracherwerb, zu Wolfskindern usw.

Irgendwann habe ich das Museum wieder verlassen und bin weitergefahren. Gegen 15:30 war ich in Sárospatak, bei 35° C. In der Pension war niemand da, also bin ich herumgelaufen und habe versucht, ein Café zu finden – was gar nicht einfach war. Später habe ich die Comenius-Statue besucht, von der es bei meinem letzten Aufenthalt nur den Sockel zu sehen gab, war essen und habe einen langen Spaziergang gemacht. Heute soll es gewittern, mal sehen, wie die Reise weitergeht.