1./2. März 2020: Rückfahrt von Wilamowice – Bardo/Wartha – Kłodzko/Glatz – Pardubice – Tübingen

Am Morgen nach dem Müterśpröhtag gab es noch einmal ein gemeinsames Frühstück bei Familie Król. Dort lernte ich auch jemanden Weiteren kennen, der in der zweiten Nacht in der Pension „Willa Leśna“ übernachtet hatte, und zwar einen jungen Goralen. Er stammt aus einem der Dörfer, die ursprünglich zur Zips gehörten und 1920 an Polen kamen – was die Slowaken nie verwunden haben. Es gibt dort auch eine kleine slowakische Minderheit, zu der er zwar nicht gehört, aber dafür studiert er Slowakisch. Wir wechselten dann gleich zu dem zwischen Tschechen und Slowaken üblichen passiven Bilingualismus, d.h. ich sprach mit ihm Tschechisch, er mit mir Slowakisch.

Ansonsten wurde beim Frühstück vor allem über schlesische Themen diskutiert, u.a. über eine Frage, die gerade auf Facebook heiß diskutiert wird, nämlich ob es möglich sein soll, universitäre Abschlussarbeiten auf Schlesisch zu schreiben. Diese Diskussion hatte sich einige Tage zuvor sehr zugespitzt, was einige der Anwesenden dazu nutzen, grundsätzlich zum Stil der Auseinandersetzung Stellung zu nehmen. – Ja, und zum Abschluss unterhielten wir uns auch noch über das Corona-Virus, das mich damit in Polen einholte, zu einem Zeitpunkt, wo es in Polen noch keinen einzigen Fall gab. Tiömas Mutter (die Ärztin ist) äußerte sich jedenfalls sehr skeptisch über die weitere Entwicklung.

Um 12 Uhr traf ich mich auf dem Hauptplatz mit der Slowakin, die ich am Vorabend kennengelernt hat, und mit ihrem tschechischen Freund. Sie machte noch ein Foto von mir, dann brachte ich sie an den Busbahnhof von Bielsko-Biała. Und fuhr dann von dort aus weiter in Richtung Kłodzko/Glatz. Dieses Gebiet, das wie in eine Halbinsel nach Böhmen hineinreicht, wollte ich nach langer Pause wieder mal besuchen und dort übernachten, bevor ich am nächsten Tag über Pardubice nach Tübingen zurückfahre. Zusätzlich hatte ich die Idee, über die Stadt Bardo/Wartha zu fahren, die an der Grenze von Niederschlesien mit der Grafschaft Glatz liegt. Dort war ich auch schon öfter, habe aber vor allem in letzter Zeit viel mit meiner Mutter über den Ort gesprochen, weil dort die Erzählung Bardo. Die Weihnachtskrippe von Olga Tokarczuk spielt, die sie in dem Literaturkreis, den sie regelmäßig besucht, gelesen hat.

Die Fahrt nach Bardo dauerte ziemlich lange, obwohl ich fast nur auf der Autobahn gefahren bin, erst von Bielsko-Biała nach Norden, dann nach Westen vorbei an Katowice/Kattowitz, Gliwice/Gleiwitz, Opole/Oppeln, und schließlich von dort über Nisa/Neiße nach Bardo. Unterwegs habe ich in einer abenteuerlichen Gaststätte am Rande der Autobahn zu Mittag gegessen, dann wäre ich gerne mal herausgefahren, um etwas anzuschauen, etwa in Nisa das Grab von Joseph von Eichendorff (wo ich freilich auch schon öfter war), aber es zeigte sich dann, dass ich nach Bardo durchfahren musste, um es noch bei Helligkeit zu erreichen.

Kurz vor Bardo habe ich mich auch noch in einem engen Tal verfahren, musste zurück zur großen Straße und war dann gegen 16:30 in Bardo. Die Wallfahrtskirche ist weithin sichtbar, die Stadt war völlig leer (ich glaube, sie füllt sich nur zur Zeit der Wallfahrten) und provinziell. Aber die Kirche hatte geöffnet und ich konnte das Gnadenbild besuchen. Am Eingang stand noch „Achtung Stufe“, ich habe das falsch interpretiert und bin prompt anderthalb Meter weiter (da war nämlich erst die Stufe) gestolpert. Eine ältere Ordensschwester eilte herbei, fragte, ob mir etwas passiert sei, und verwickelt mich in ein Gespräch. Als ich sagte, ich sei aus Deutschland, fragte sie, ob ich „zurückgekommen“ sei, das musste ich nun doch verneinen. Aber ihrer Aussage, ich sei sicher gekommen, um zur Mutter Gottes zu beten, habe ich lieber nicht widersprochen und mir auch noch zwei schöne Postkarten gekauft.

 

 

 

 

Dann fuhr ich weiter, hinein in die Dunkelheit, habe ich mich in der Grafschaft Glatz, die ich eigentlich gut kenne, ziemlich verfahren und war heilfroh, dass ich nach längerer Suche das „Alpenhotel“ (Hotel Alpejski) an der großen Straße zur Grenze fand, wo ich schon öfter gewohnt habe. Ich war offenbar der einzige Gast, wurde sehr gedrängt, schnell zu Abend zu essen (das Essen war aber sehr gut), und beim Frühstück wurde ich von zwei Kellnerinnen und einem Kellner bedient, die sich offenbar freuten, endlich mal wieder Abwechslung zu haben.

Am Abend hörte ich noch im Autoradio von den ersten Corona-Fällen in Tschechien, die mich dann am nächsten Tag begleiteten, als ich mit dem Auto nach Pardubice und später von dort nach Tübingen fuhr. In Pardubice traf ich mich für ein Stündchen mit dem Historiker René Novotný, der sich wie ich für die deutschen Siedlungen in der Nähe von Pardubice interessiert, ging noch kurz in die wunderschöne Innenstadt und fuhr dann zurück – gegen 21 Uhr war ich wieder in Tübingen.

Ein Kommentar

  1. Vielen Dank auch für diesen Abschlussbericht. Schön, dass Du wieder gut zu Hause bist. Wie Du so lange Autofahrten immer überstehst, ist direkt bewundernswert, ich bin spätestens nach 150 Kilometern Fahrtstrecke schon so müde, dass ich pausieren muss oder einschlafe. Glücklicherweise hat ja nun auch unser Sohn den Führerschein, bloß schlafe ich dann nicht, sondern bin hellwach, wenn er fährt… Herzliche Grüße und bis bald beim nächsten Bericht, wenn uns nicht noch weitere Reisebeschränkungen ins Haus stehen.

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