8. August 2020: Aufbruch – Freising – Passau

An diesem Tag ist es mir tatsächlich gelungen, Tübingen zu verlassen und meine Sommerreise anzutreten. Aus den bekannten Gründen habe ich lange nachgedacht, ob ich überhaupt wegfahren kann, und auch die Planung ist noch nicht sehr ausgereift. Die erste Woche ist aber immerhin schon klar, ich treffe mich in Passau mit meiner Mutter, meiner jüngeren Schwester und deren beiden Töchtern – gemeinsam wollen wir die Heimatstadt meiner Mutter (in der ich im Übrigen auch selbst geboren bin) erforschen. Was danach kommt, weiß ich immer noch nicht, vielleicht ein paar Tage Tschechien, vielleicht andere Länder, die von dort aus erreichbar sind. Jedenfalls liegen in meinem Auto auch zwei dicke Wörterbücher der einzigen Sprache der Region bereit, die ich nicht ohne Wörterbuch lesen kann…

Die Abfahrt dauerte etwas länger, weil ich erst noch Dinge in meinem Dienstzimmer gesucht habe und dann mehrfach in meine Wohnung zurückgekehrt bin, aber gegen 11 Uhr war es dann so weit. Ich fuhr von meinem Navigationssystem geleitet über die Schwäbische Alb in Richtung Ulm und habe auch allen Versuchungen, irgendetwas am Wegesrand zu besichtigen, widerstanden. In der Nähe von München boten sich dann andere Möglichkeiten zur Unterbrechung der Reise, denn ich hätte bei Verwandten vorbeischauen können, aber auch das habe ich nicht getan. Erst als ich schon auf der Autobahn in Richtung Deggendorf war, habe ich dann doch mal einen Abstecher gemacht, und zwar nach Freising. Dort war ich schon sehr lange nicht mehr und der Dom lockte mich sehr.

Von der Autobahn nach Freising sind ca. 5 km, und den Dom sieht man von weitem. Ich habe auch schnell ein Parkhaus Wörth/Domberg gefunden und mich dann in die brütende Hitze hinausbegeben. Etwas verwundert war ich, als mir kurz nach dem Parkhaus mehrere Inderinnen und Inder begegneten, ich rätselte darüber, ob Freising ein Zentrum der indischen Minderheiten in Oberbayern ist oder ob sich vielleicht bei diesen Temperaturen nur Inder_innen ins Freie wagen.

Beim Anstieg zum Domberg begegneten mir aber auch Angehörige anderer Volksgruppen, u.a. stürzte wenige Meter vor mir ein Radfahrer mit seinem Mountainbike und jammerte laut über den Weg, in wunderschönem Rheinländisch. Kurz vor dem Hof, an dem der Dom liegt, saß dann aber wieder ein indisches Liebespaar, eng umschlungen, das sich auf Deutsch unterhielt…

Der Hof vor dem Dom war menschenleer, ich sah nur einen Verkaufsstand, bei dem aber unklar war, ob er überhaupt geöffnet hat. Der Dom war offen, aber natürlich auch leer, man konnte aber nur das Hauptschiff betreten, alles Übrige war abgesperrt. Und die Sitzbänke waren mit Klebebändern so markiert, dass man sich nur an manchen Stellen hinsetzen kann. Und es fehlte auch jeder Hinweis auf die Freisinger Denkmäler, die ältesten slavischen Texte, die erhalten sind, die liegen freilich schon sehr lange in der Bayerischen Staatsbibliothek in München. Nachdem ich mir die barocken Fresken angeschaut hatte, ging es wieder zurück, vorbei am indischen Pärchen, und zum Parkplatz. In der Fußgängerzone ist mir noch eine bemerkenswerte Statue aufgefallen, die vermutlich für irgendetwas werben soll. Nur stand das leider nicht dran.

Dann fuhr ich auf der Autobahn weiter und kam bald in die Gegend von Dingolfing. Dort bin ich sicher schon öfter vorbeigefahren, diesmal bin ich erschrocken, weil der Landkreis Dingolfing vor einigen Tagen der einzige Landkreis in Deutschland war, in dem die Corona-Grenzwerte überschritten wurden. Aber wenigstens war die Autobahn befahrbar, ich habe nicht ausprobiert, welches Schicksal einen ereilt, wenn man die Autobahn verlässt… Nach Dingolfing hätte man nach Mamming abbiegen können, wo neulich eine Großmetzgerei geschlossen wurde, auch davon habe ich natürlich Abstand genommen.

Gegen 17 Uhr war ich in Passau, habe länger nach dem Hotel gesucht, das in der (sehr langen) Neuburger Straße liegt, und habe bei der Suche schon festgestellt, dass man vom Hotel bergab zur Passauer Innenstadt kommt. Als das Hotel gefunden war, habe ich erstmal meine Sachen ins Zimmer gebracht und ein bisschen ausgeruht, und abends habe ich noch die Stadt erkundet. Wenn man den Berg hinuntergeht, kommt man nämlich bald zur St.-Antons-Kirche, die vermutlich früher an der Stadtgrenze lag, und dann zur Nibelungenstraße, in der meine Großeltern ab Anfang der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts gelebt haben und wo meine Mutter und ihre Brüder aufgewachsen sind. Diese Straße ist unverändert, aber in der Nachbarschaft hat sich sehr viel getan. Das gesamte Gebiet um den ehemaligen Exerzierplatz wurde im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts komplett umgestaltet, durch das Projekt Neue Mitte Passau, das in der Öffentlichkeit sehr umstritten war.

Ich habe den Abend in einem Biergarten ausklingen lassen, der noch einigermaßen original wirkt, und bin dann ins Hotel zurückgekehrt.

2 Kommentare

  1. Vielen Dank für diesen interessanten Einstieg. Wenn man sich Freising und seine Verbindungen zu Indien genauer ansieht, so gibt es da einige interessante Berührungspunkte, und damit meine ich nicht nur die Missionskongregation vom Heiligsten Sakrament (M.C.B.S.), sondern vor allem die Bollywood-Filme sowie die damit verbundenen, vor Ort offenbar äußerst beliebten Bollywood-Tänze. Es gibt sogar eine eigene Bollywood-Tanzgruppe „Bollymania“ (http://www.sandala.de/sandala) und entsprechende Restaurants.

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