13. August 2015: Ein Tag in Łańcut

Gräber auf dem Friedhof von Markowa

Mein heutiger Bericht beginnt mit einem Nachtrag zu Markowa. Überwältigt durch die Geschichte der Familie Ulma habe ich letztlich nichts dazu geschrieben, dass man auf dem Friedhof sehr viele deutsche Nachnamen finden, bzw. Nachnamen, die in Polen sonst nicht gebräuchlich sind und deutsch klingen. Da gibt es dann Namen wie Kud, Kluz, Balawejder und Blajer – der Verfasser des Artikels, auf den ich gestern verwiesen habe, stammt also wohl auch aus dieser Gegend.

Jetzt zum gestrigen Tag: Ich hatte mir als wesentliche Unternehmung vor allem die Besichtigung des Schlosses vorgenommen, und dann auch weiterer Sehenswürdigkeiten der Stadt wie der Synagoge. Die Besichtigung des Schlosses ist eine größere Aktion, die Führung dauert zwei Stunden (wenn man alles anschauen möchte) und man muss sich wie in den Metropolen eine Eintrittskarte mit Uhrzeit kaufen. Meine Gruppe war um 11:40 an der Reihe und wurde geführt von einem drahtigen älteren Herrn mit Vornamen Adolf (den hat uns er nicht mitgeteilt, sondern er stand auf dem Namensschild). Der Vorname lässt auf ein länger zurückliegendes Geburtsjahr schließen. Und wie ich später anhand von Vor- und Nachnamen recherchiert habe, ist er Jahrgang 1934. Die Führung war aber wirklich sehr gut und man merkte, dass er viel Erfahrung hat. Sehr gefallen hat mir auch, dass er die Kinder nach vorne bat und öfter auch den Kindern etwas gezeigt hat, bevor die Erwachsenen an der Reihe waren (z.B. eine kleine Couch für eine Katze oder einen Hund).

Das Schloss heißt offiziell „Schloss der Lubomirskis und der Potockis“, womit angedeutet werden soll, dass es ab 1629 unter Führung des berühmten Magnaten Stanisław Lubomirski (1583–1649) ausgebaut wurde und dann 1816 in den Besitz der Familie Potocki überging, der es bis 1944 gehörte. Der letzte Besitzer Alfred Potocki (1886-1958) hat das Schloss übrigens erst im Juli 1944 in Richtung Schweiz verlassen, nachdem er vorher 11 Wagenladungen von Kunstgegenständen hatte abtransportieren lassen. Das ist so unglaublich, dass es naheliegt, ihm Nähe zur deutschen Besatzung

Vorderfront des Schlosses

zu unterstellen, aber das stimmt nur teilweise, denn er hat sich auch um die Rettung der Synagoge verdient gemacht und soll versucht haben, Juden zu helfen. Letztlich war er wohl eher ein typischer Repräsentant der internationalen Hocharistokratie, der mit allen Seiten gut konnte, dann aber doch nicht ausprobieren

Portal des Schlosses

wollte, wie es sich unter sowjetischer Besatzung lebt. im Schloss ist er wenig präsent, dafür gibt es gerade eine Sonderausstellung zum berühmtesten Potocki, nämlich Jan Potocki (1761-1815), dem Weltreisenden und Schriftsteller („Die Handschrift von Saragossa“). Ich habe schüchtern nachgefragt, dass ihm das Schloss ja wohl nicht gehört haben kann, wenn es erst ein Jahr später an die Familie kam. Und sieh da, das gab es eine komplizierte Geschichte – seine Schwiegermutter Izabela Lubomirska geb. Czartoryska (1736-1816) hat es seinen Kindern vermacht. Auch sie war aus einer feinen Familie, lebte meist in Paris und Wien und hat u.a. nach der Französischen Revolution Flüchtlinge auf ihrem Schloss aufgenommen.

Das Schloss selbst ist sehr schön, weil man die verschiedenen Epochen gut nachvollziehen kann (es sind auch noch manche Teile im Zustand des 17. Jahrhunderts). Aber es ist ziemlich überladen (darin erinnerte es mich etwas an Schönbrunn), und ich könnte in solchen Räumen nicht wohnen. Und bevor der letzte Schlossherr einen Teil des Inventars hat abtransportieren lassen, müsste es ja noch voller gewesen sein… Die Führung schloss auch die Ställe und eine Sammlung von Wagen ein, z.B. auch einen, mit dem Chopin gefahren sein soll. Irgendwie ist das aber nicht so ganz mein Fall, vor allem weil es um relativ neue Wagen ging (da lobe ich mir doch die deutlich älteren Fahrzeuge im Schloss von Urach).

Auf dem Weg in die Stadt fiel mir ein Plakat auf, das an die Familie Ulma erinnert, es besteht offenbar aus einer Reihe von Originalfotografien (der Vater der Familie hat nämlich selbst fotografiert). Und da sprach mich dann der Schlossführer an, der in derselben Richtung unterwegs

Plakat mit Fotos der Familie Ulma

war wie ich – offenbar war ich durch meine Frage nach Jan Potocki doch aufgefallen. Er gab mir weitere Tipps für die Stadtbesichtigung, die allerdings alle ein bisschen gefärbt waren. Von der Synagoge sagte er, die verwalte jemand in Rzeszów, der immer komme, wenn Juden sie anschauen wollen, während die Polen nicht so leicht hineinkämen. Der jüdische Friedhof werde auch von Besucher/innern aus der ganzen Welt aufgesucht, weil dort ein chassidischer Rabbi begraben sei, es seien aber alle Grabsteine beseitigt und auch keine Mausoleen da. Alle diese Informationen haben sich später als falsch, oder sagen wir lieber, nicht ganz richtig erwiesen. Dann beschrieb er mir genau, wo man in der Stadtkirche patriotische Gedenktafeln aus den zwanziger Jahren besichtigen kann. Und als ich zum Abschluss noch lobte, dass sie ein so schönes Schloss hätten, mit so vielen Besuchern, meinte er nur, die beste Zeit seien die siebziger Jahre gewesen, wo jährlich 400.000 Leute gekommen seien, und heuer seien es nur 100.000. Und alles liegt daran, dass die Polen verarmt seien. Ich habe ihn dann lieber nicht zur aktuellen polnischen Innenpolitik befragt…

Die Synagoge war nur wenige Schritte entfernt – und geöffnet. Ich ging hinein und traf den Verwalter, bezahlte den Eintritt und wurde von ihm geführt. Die fehlende Kippa war wieder kein

Die Synagoge von Łańcut

Problem, denn in der Synagoge befinde sich keine Thorarolle. Ja, und dann war ich völlig überwältigt von diesem Gebäude. Die Synagoge wurde in der Mitte des 18. Jahrhunderts gebaut und ist ganz ausgemalt, teilweise zur Entstehungszeit, teilweise auch später. Einige Zeit lang hat in dieser Synagoge auch Jaakow Jizchak Horowitz (1745–1815), der sog. Seher von Lublin,

Bemalung der Bima, links Abraham und Isaak,
rechts die Arche (ohne Menschen)

gewirkt, der aber dann nach Lublin ging und dort begraben ist. Die Synagoge wurde im September 1939 zwar von den Deutschen angezündet, konnte aber weitgehend gerettet werden, weil Alfred Potocki sie als Eigentum seiner Familie deklarierte. Sie hatte dann ein wechselvolles Schicksal und sollte 1956 abgerissen werden, was ein örtlicher Arzt gerade noch verhindern konnte. Seit 1960 wurde sie renoviert und die Renovierung geht faktisch bis heute weiter. Die Ausmalung betrifft zunächst viele Ornamente, aber man hat auf der Bima (gewissermaßen der Kanzel) auch Szenen aus der Bibel angebracht, wobei die Menschen ohne Köpfe dargestellt sind (weil ja die Abbildung von Gesichtern verboten ist). Es gibt auch eine Darstellung der Tierkreiszeichen (wobei die Zwillinge durch zwei Tauben ersetzt sind) und viele hebräische Texte, vermutlich Zitate aus der Bibel. Die Führung wurde dann immer länger, weil der Verwalter in mir

Teile des Tierkreises

einen Menschen mit gewissen Kenntnissen zum Judentum erkannt hatte, so sprachen wir auch länger über die Genisa (einen Ort zur Aufbewahrung nicht mehr verwendbarer heiliger Schriften). Eine solche Genisa gibt es auf dem Speicher, eine ältere war auch unter der Bima angebracht. Ich weiß nicht, wie lange wir uns weiter

Der Aron Kodesch

unterhalten hätten, wären nicht neue Besucher aufgetaucht, ein Ehepaar. Sie sprachen mit dem Verwalter Englisch, worauf er meinte, sein Englisch sei eher bescheiden, untereinander sprachen sie aber Deutsch. Ich habe sie dann angesprochen, es war ein Pfarrer aus Dresden mit Frau, wie sich später herausstellte, auf der Rückreise von Kiew. Und so habe ich dann die beiden geführt und verzweifelt versucht, möglichst viel von dem, was ich selbst gehört hatte, weiterzugeben. Dabei spielte dann auch eine Rolle, dass der Dresdner Pfarrer noch über deutlich mehr Kenntnisse zum Judentum verfügt als ich, er konnte z.B. auch Texte lesen, während ich ja faktisch nur noch die hebräische Schrift beherrsche und kaum noch hebräische Wörter. Nach einiger Zeit gesellten sich auch noch Israelis zu uns, die wiederum der Verwalter auf Iwrit führte. Sie waren laut und fröhlich und begannen gleich zu fotografieren – da habe ich mich dann auch getraut, nachdem ich mich vorher zurückgehalten hatte. Die Israelis bestiegen auch die Bima und hoben den Vorgang, hinter dem die Thorarolle sein müsste. Dort war auch eine Buchrolle, aber mit den Büchern der Propheten.

Nach Abschluss der Besichtigung habe ich das Dresdner Ehepaar überredet, auch noch mit mir zum jüdischen Friedhof zu gehen. Der Friedhof war schnell gefunden, aber natürlich verschlossen. Da ich aus Nowy Sącz schon Erfahrungen habe, traute ich mich, bei der angegebenen Telefonnummer anzurufen, und die Dame versprach auch, sofort zu kommen. Wir haben dann doch ein wenig warten müssen – und es begann zu regnen. Wir waren kurz davor, den Ort zu verlassen, als der Friedhof von innen geöffnet wurde. Die Friedhofswächterin hat offenbar einen Privateingang von ihrem Haus aus. Grabsteine gab es wirklich keine, die letzten erhaltenen seien in der Synagoge aufgestellt, aber zwei Ohels, in denen chassidische Rabbis liegen. Im größeren liegt Naftali Zwi Horowitz von Ropschitz (1760–1827), der eigentlich in Ropczyce wirkte, aber auf einer Reise durch Łańcut meinte, dass es

Ohel des Rabbis Naftali Zwi Horowitz von Ropschitz

hier nach dem Paradies rieche, an Cholera erkrankte, starb und hier begraben wurde. Das Grab ist wieder mit kwitele übersät und die Friedhofswächterin bot mir auch an, selbst etwas zu schreiben. Darauf habe ich aber verzichtet. Grotesk wurde die Situation dadurch, dass inzwischen ein veritabler Wolkenbruch angefangen hatte und wir faktisch zu viert (die

Ohel des Zwi Elimelech
Schapiro von Dynow

Friedhofswächterin, das Dresdner Ehepaar und ich) in dem Ohel festgehalten waren. Irgendwann entschlossen wir uns, doch hinauszugehen – und wurden unerwartet in den nächsten Ohel geleitet, wo Zwi Elimelech Schapiro von Dynow (1785–1841) liegt, der zeitweise auch Rabbiner von Munkács war. Auch er wird offenbar bis heute von Anhängern verehrt.

Und dann verließen wir den Friedhof, wurden noch völlig durchnässt und verabschiedeten uns in der Nähe des Schlosses, wo die Dresdner ihr Auto geparkt hatten. Ich wiederum habe länger nach meinem Hotel gesucht, das – wie sich zuletzt zeigte – nur etwa 50 Meter von der Synagoge entfernt liegt. Den Rest des Tages habe ich mich dann erholt…

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