13. August 2019: Jasov – Košice

Endlich war der Tag gekommen, an dem ich das Prämonstratenserkloster in Jasov besichtigen konnte. Da es erst ab 10 Uhr geöffnet ist, bin ich etwa um 9:45 angekommen, habe nahe dem Kloster an der Straße geparkt (einen Gästeparkplatz scheint es nicht zu geben) und ging zum Eingang der Kirche. Der war allerdings verschlossen und es gab auch keine Anzeichen dafür, dass es hier eine Führung geben könnte. Gleichzeitig näherten sich von zwei Seiten weitere Leute, die die Kirche besuchen wollten. Zusammen einer älteren Tschechin habe ich nach einem Eingang gesucht, weiter ohne Ergebnis, und um 10 Uhr öffnet sich an einer Stelle der Vorderfront eine Türe, durch die wir – inzwischen sieben Personen – hineingebeten wurden. Durch einen kurzen Gang (unterwegs mussten wir über Kabel hinwegsteigen) kamen wir in ein Büro, wo man Eintrittskarten lösen konnte, für eine Führung von 45 Minuten. Ich fragte nach einer Fotoerlaubnis, erhielt aber die Antwort, dass es die nicht gebe. Später habe ich auf einem Aushang gelesen, dass es sie doch gibt, aber für 30 Euro und nur bei Hochzeiten. Die 30 Euro hätte man notfalls investieren können, aber wie man so schnell eine Hochzeit organisieren sollte, bleibt ein Rätsel…

 

 

 

 

Geführt wurden wir von einem jungen Mann, vermutlich einem Gymnasiasten vom Prämonstratensergymnasium in Košice, zunächst durch die Kirche, dann durch kleine Teile des Klosters. Er gab uns eine Einführung in die wechselhafte Geschichte des Klosters, die mehrfache Unterbrechungen aufweist, in der Zeit der Hussiten, der Türken, nach den josefinischen Reformen und schließlich im 20. Jahrhundert. Einige Details waren ganz nett, etwa dass das Kloster, das in der Türkenzeit verlassen war, aber nie von den Türken besetzt wurde, erst einem „deutschen“ Kloster unterstellt wurde (Pernegg), dass die deutschen Mönche aber nicht mit der Bevölkerung klar kamen, die damals rein ungarisch war. So ging die Zuständigkeit dann an das Kloster Klosterbruck (heute Louka) bei Znajm/Znojmo über (ob die wirklich Ungarisch konnten?).

Die Fresken in der Kirche stammen von dem berühmten Barockmaler Johann Lucas Kracker, der auch die St. Nikolaus auf der Kleinseite ausgemalt hat, und sie sind wirklich beeindruckend, auch durch die teilweise überraschenden Perspektiven. Auch der Figurenschmuck ist sehr schön, der junge Mann erklärte uns jede Statue. Beim Hl. Hermann Joseph meinte er, das sei ein Heiliger der Prämonstratenser, über den man fast nichts wisse, nicht einmal in der Wikipedia fände man Informationen! Dazu ist freilich zu sagen, dass doch nicht so wenig bekannt ist (und beispielsweise auch in der deutschen Wikipedia steht), es fehlt wohl eher an slowakischen Quellen.

Nach der Kirche wurden uns zwei Räume im Flügel des Abts gezeigt und (von außen) der Klostergarten. In den anderen Flügel, der viel einfacher sei, weil dort die Mönche wohnten, wurden wir auch kurz hineingeführt, aber da ist noch fast gar nichts renoviert. Und dann war die Führung auch wieder zu Ende. Insgesamt ist das Kloster genauso wie die Kirche ein großartiges Gebäude, die Renovierung schreitet aber sehr langsam voran. Das mag bis zu einem gewissen Grade daran liegen, dass die Prämonstratenser nach 1990 bewusst ihre bisherige Mission fortsetzen wollen, d.h. sie betreiben das Kloster als Kloster und als Schule, wobei es gleichzeitig in der ganzen Slowakei zwölf Mönche gibt, davon vier in Jasov. Die Langsamkeit der Unternehmung hat auch die anderen Besucher*innen beschäftigt, die dazu mehrfach nachfragten. Möglicherweise werden hier wirklich nicht alle Geldquellen angezapft, die es theoretisch gäbe.

Für den Nachmittag war Regen angesagt, also habe ich mich entschlossen, in eine größere Stadt zu fahren, konkret nach Košice (ungarisch Kassá, deutsch Kaschau), in die zweitgrößte Stadt der Slowakei. Unterwegs machte ich in einen kleinen Abstecher in das Dorf Debraď (ungarisch Debrőd) mit einer kleinen Kirche – dort soll es auch einen Hain des Hl. Ladislav geben, aber den habe ich nicht gefunden.

Und dann ging es weiter nach Košice, wo ich schon öfter war, allein wegen des gotischen Doms, in dessen Krypta Franz II. Rákóczi begraben ist. An meine erste Besichtigung dieses Doms kann ich mich übrigens noch gut erinnern. Im Juni 1978 habe ich von Prag aus an einer Exkursion der Abteilung für Ukrainistik in die Ostslowakei teilgenommen. Das hauptsächliche Ziel waren die Russinen (die man damals noch Ukrainer nennen musste), aber wir fuhren zunächst mit dem Nachtzug von Prag nach Košice. Im Morgengrauen fragte mich einer der drei Exkursionsleiter, der Russist und „Kulturwissenschaftler“ Václav Huňáček, über mein Leben aus – und begann dann seine Führung vor dem Hauptportal des Doms mit einem großartigen Bogen von Passau bis Košice. Leider ist es mir nie gelungen, die von einem hergestellte Verbindung (es ging um irgendwelche dynastischen Beziehungen) zu rekonstruieren…

Im Dom ging es recht lebhaft zu, neben alten Altären gibt es hier auch solche für neue, slowakische Heilige oder solche, die es werden sollen (darunter eine Nonne, die 1944 wegen des Versteckens von Juden ermordet wurde). Den Eingang zur Krypta habe ich lange gesucht, weil es keinerlei Hinweisschilder gab. Und als ich unten war, wo gerade eine slowakische Führung stattfand, begann mich die Führerin wild zu beschimpfen, weil ich keine Eintrittskarte hätte. Ich habe ihr versichert, dass ich nichts lieber tun würde, als eine Karte zu lösen, ging wieder hinaus und suchte länger nach der Kasse, die sich verborgen in einer Ecke des Gebäudes befindet. Dort kaufte ich eine Karte und schloss mich der nächsten „Gruppe“ an, die aus einem ungarischen Ehepaar bestand, das natürlich auf Ungarisch geführt werden sollte. Ich versicherte der neuen Führerin, dass mir das nichts ausmacht, weil ich ohnehin die Geschichte der Rákóczis kenne und auch ein bisschen Ungarisch kann, beides wollte sie mir nicht glauben. In der Krypta hat sie erst mit maschinengewehrartiger Geschwindigkeit erzählt, wer in den vier Särgen liegt (im größten liegt sinnigerweise Franz II. Rákóczi mit Mutter und Sohn), dann hat sie viel kürzer (und genauso schnell) auf Slowakisch zusammengefasst. Franz II. Rákóczi war übrigens nach seiner Niederlage zunächst im Exil in Frankreich und später in der Türkei, von wo seine Überreste (sowie die seiner Verwandten und Gefolgsleute) 1903 im Triumphzug nach „Oberungarn“ zurückgebracht worden. Sein (evangelischer) Stiefvater Emmerich Thököly wurde bei der gleichen Gelegenheit zurückgebracht, liegt aber in der Neuen Evangelischen Kirche in Kesmark, wo ich ihm auch schon öfter die Aufwartung gemacht habe (einmal wurde ich übrigens wegen übermäßigen Interesses für seine Person für einen Ungarn gehalten).

 

 

 

Danach lief ich weiter in der Altstadt herum und sah eher zufällig Hinweisschilder zum „Mikluš-Gefängnis“ (Miklušova väznica). Davon hatte ich noch nicht gehört und wollte das unbedingt anschauen – und war angenehm überrascht. Es geht hier einerseits um gotische Gebäude, die zum Teil in die Stadtbefestigung hineingebaut waren, dort war im Mittelalter das städtische Gefängnis (und die Wohnung des Henkers), andererseits um ein relativ neues Rákóczi-Museum. Ein freundlicher Ungar war bereit, mich vor der Statue von Franz II. Rákóczi zu fotografieren, dann habe ich auch beide Museen besucht. Das Rákóczi-Museum gibt einen guten, mit audiovisuellen Materialien aufbereiteten Überblick über sein Leben, u.a. kann man einen langen Film über die Wiederbeisetzung im Jahr 1903 anschauen. Und dann kommt ein wirkliches Kleinod, und zwar Rákóczis Haus aus der Türkei! Er hat dort in einem Dorf, das auf Slowakisch Rodošto heißt (auf Ungarisch Rodostó, auf Türkisch früher Rodosçuk und heute Tekirdağ) in einem Holzpalast gelebt, der dreihundert Jahre später immer noch vorhanden war und den ungarische Verehrer 1904 abgebaut und nach Košice gebracht haben. Dort wurde er erst einmal eingelagert und viel später wiederaufgebaut (bzw. wohl eher rekonstruiert). Und so bekommt man einen wunderschönen Einblick in türkische Kunst vom Anfang des 18. Jahrhunderts.

 

 

 

 

Unterwegs bin ich noch am Prämonstratensergymnasium vorbeigekommen (warum dort – auf dem gelben Schild – auch Haarschnitte angeboten werden, bleibt ein Rätsel) und an einer Gedenktafel, die an die Deportation der ostslowakischen Juden im Herbst 1944 erinnert. Die Nachfrage eines Kollegen, ob ich auch die Synagogen besucht hätte, kam zu spät, da war ich nämlich schon im Parkhaus und bei der Abfahrt nach Moldava. Es hatte nämlich tatsächlich zu regnen angefangen, gegen 15 Uhr.

Ein Kommentar

  1. Unser Kloster Pernegg, das so nahe an der tschechischen Sprachgrenze liegt, dass es sogar ein Exonym Pernek gibt, als „deutsch“ zu bezeichnen, sagt viel über die bewusste Wahrnehmung von Österreich im Osten der Slowakei. (•‿•) Vielen Dank jedenfalls für diesen sehr spannenden Bericht und die schönen Bilder!

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