14. August 2019: Moldava – Sárospatak – Széphalom – Moldava

Für diesen Tag hatte ich mir einen langen Ausflug nach Ungarn vorgenommen. Als Ziel habe ich letztlich Sárospatak ausgewählt, weil mein letzter „richtiger“ Ausflug dorthin sehr lange zurückliegt (mindestens 15 Jahre). Ich war zwar auch 2015 kurz dort, habe aber keine Unterkunft gefunden und bin dann in die Slowakei zurückgefahren. Dieses Problem drohte heuer aber bei einem Tagesausflug von der Slowakei aus nicht.

Als ich losfuhr, regnete es in Strömen, und der Regen dauerte die ganze Fahrt über an. Und da es offenbar auch die ganze Nacht geregnet hatte, war sehr viel Wasser auf den Straßen. Im Normalfall konnte man den Pfützen ausweichen oder sie waren nicht so tief, aber irgendwo auf dem Weg zur Grenze, kurz vor dem Dorf Haniska, stand das Wasser unter einer Brücke so tief, dass die Autos nicht durchfahren konnte. Wie die anderen auch habe ich gewendet und anderswo mein Glück versucht, was meinem Navi allerdings nicht gefiel. Ich musste ihn letztlich ausschalten und es anhand des Autoatlasses versuchen, mit Erfolg. Kurz nach 10 Uhr habe ich die ungarische Grenze überquert, habe unterwegs verschiedenen Versuchungen widerstanden, so etwa dem Besuch eines russinischen Dorfes (mit zweisprachiger Ortstafel) und dem „Museum der ungarischen Sprache“ („A Magyar Nyelv Múzeuma“), auf das ein Wegweister hinwies (was da wohl ausgestellt ist?). Gegen 11 Uhr war ich dann in Sárospatak, begrüßt u.a. von einem Straßenschild in altungarischen Runen (hier bleibt einem wirklich gar nichts erspart).

 

 

 

 

 

Die Stadt war nahezu menschenleer, was aber wohl hauptsächlich am Regen lag, und nachdem ich mich wieder ein bisschen orientiert hatte, war es auch einfach, einen Parkplatz im Stadtzentrum zu finden. Ich habe übrigens keine Parkplätze gesehen, wo man bezahlen muss, will das aber nicht für Ungarn verallgemeinern, vielleicht gibt es das nur in der Provinz. Und vom Parkplatz machte ich mich auf zur ersten Sehenswürdigkeit, der Kirche der Hl. Elisabeth von Thüringen, die nämlich eine ungarische Königstochter war. Auch wenn sie den größeren Teil ihres kurzen Lebens (sie ist nur 24 Jahre alt geworden) in Deutschland verbracht hat, war sie jedenfalls als Tochter von Andreas II. in Ungarn geboren, entweder in Sárospatak oder möglicherweise auch in Pressburg. Und für Sárospatak spielt sie eine wichtige Rolle.

Auf dem Weg zur Kirche überholte ich eine Familie, die aus Eltern und drei Söhnen bestand, und alle drei Söhne trugen weiße Hemden und schwarze Krawatten. Ich habe mir dann allen Ernstes darüber Gedanken gemacht, ob der ungarische Nationalismus solche Blüten treibt, dass man nationale Heiligtümer nur noch mit Krawatte besuchen darf, aber als ich dann in der Kirche war, fand sich schnell eine Erklärung: Dort versammelte sich gerade eine Trauergemeinde… Ich habe die Kirche, einen prächtigen gotischen Bau, der leicht unter der Erde liegt (vermutlich weil im Laufe der Jahrhunderte außenherum viel aufgeschüttet wurde), nur kurz besichtigt und verließ sie an einem Nebenausgang – wo der weitere Weg durch eine riesige Pfütze versperrt war. Ich war etwas ratlos, wie ich weiter verfahren soll, folgte dann aber dem Vorbild zweier älterer Ungarn, die auf einer Mäuerchen kletterten und auch durch ein gepflegtes Blumenbeet.

Neben der Kirche gibt es ein Haus der Hl. Elisabeth, das der katholischen Kirche gehört. Ein Plakat in der Kirche (das sogar auf Englisch war) hatte ich so verstanden, dass man unbedingt auch die Ausstellung in diesem Haus besichtigen solle, also bin ich dort hineingegangen und habe meine erste Frage auf Ungarisch gestellt, nämlich ob ich die Ausstellung sehen könne. Die Dame an der Kasse bejahte das, freilich auf Englisch, wies mir den Weg und verschwand. Wie ich später sah, aß sie in einem Nebenzimmer mit ihren Kindern zu Mittag. Und Eintritt musste ich keinen zahlen, auch wenn das auf dem Plakat in der Kirche anders gestanden hatte. Allerdings entpuppte sich die „Ausstellung“ als eine Ausstellung moderner christlicher Kunst aus Ungarn, also nicht unbedingt als das, was ich erwartet hatte. Die Hl. Elisabeth kam in der Ausstellung gar nicht vor… Möglicherweise gibt es eine weitere Ausstellung im ersten Stock o.Ä., aber auf die habe ich verzichtet, weil ich niemanden beim Mittagessen stören wollte.

 

 

 

 

Dann machte ich mich auf den Weg zur Burg, diesmal zur Abwechslung nur in leichtem Regen. Die Burg wird auch als Rákóczi-Burg bezeichnet, weil sie ab 1611 viele Jahre Sitz dieser Familie war, allerdings hat Franz II. Rákóczi, den ich in Košice besucht habe, die Burg nicht bewohnt. Sie war der Sitz seines Urgroßvaters (Georg I. Rákóczi) und seines Großvaters (Georg I. Rákóczi), sein Vater gab sie nach der gescheiterten Adelsverschwörung um 1670 auf, und sie wurde später nicht als Wohnung genutzt. Heute kann man den sog. Roten Turm besichtigen, einen Wohnturm mit mehreren Stockwerken, der 1534 errichtet wurde, außerdem ein etwas später erbautes Palais, in dem sich heute eine Ausstellung über Franz II. Rákóczi befindet.

An der Kasse links vom Eingang zum Hof habe ich zunächst erfahren, dass die nächste Führung um 13 Uhr stattfinden würde, ich hatte also mehr als eine halbe Stunde Zeit, mich für eine Führung zu entscheiden und dies auf Ungarisch zu verhandeln. Ganz einfach war das nicht, weil es ungefähr zehn verschiedene Formen von Besichtigung gibt, darunter auch welche mit fremdsprachlicher Führung (auf Deutsch, Englisch oder Slowakisch), Besuch des Roten Turms oder des Palais, kombinierte Formen usw. Eine fremdsprachliche Führung wollte ich natürlich vermeiden, aber da drohte gar nichts, denn solche Führungen kommen nur zustande, wenn mindestens sieben Personen da sind. Und so bildete ich den schönen Satz „Kann ich mit der ungarischen Gruppe gehen?“, der dann auch bejaht wurde. Ich wählte die kombinierte Form und bezahlte auch für das Fotografieren, trank dann noch einen Kaffee im Burgcafé (auch hier musste ich Ungarisch reden, aber die Situation war nicht besonders komplex) und bin dann um 13 Uhr zur Burgführung angetreten, auf dem Schlosshof. Da hörte sogar für kurze Zeit der Regen auf.

Wir haben dann den Wohnturm vom Keller (mit Brunnen etc.) bis zur Dachterrasse besichtigt. Von der ungarischen Führung habe ich natürlich relativ wenig verstanden, obwohl die Führerin gar nicht so schnell sprach. Aber der Text war syntaktisch komplex (vermutlich teilweise auswendig gelernt), und das Vokabular auch nicht das, das in Lehrbüchern als erstes eingeführt wird. Manchmal habe ich Wörter nachgeschaut, manchmal Namen identifizieren können. Und ansonsten habe ich mich eben auf das konzentriert, was wir zu sehen bekamen, im Wesentlichen Gemäuer mit interessanten Details (z.B. einer Toilette, aber auch mit Verzierungen), weiter oben mit einer Kapelle und schließlich mit einem wunderschönen Blick auf die Stadt von der Dachterrasse (natürlich im Regen…). Gegen Ende der Führung fragte mich die Führerin auf Englisch, wie ich denn so klarkäme, da wollte ich dann sagen, dass ich wenigstens die Geschichte kenne, äußerte einen Satz, den sie korrigierte und ich brav wiederholte. Und später wurde mir klar, dass ich gerade gesagt hatte, ich sei Geschichtslehrer. Na ja, wenigstens war kein Historiker dabei, vor dem ich schamrot hätte werden können.

 

 

 

 

 

 

 

Dann ging es weiter in die Ausstellung, nun ohne Führung, es gab nur in jedem Raum eine ältere Dame, die darauf achtete, dass man nicht die Vitrinen beschädigt oder Möbel umwirft. Mit der Ausstellung konnte ich mehr anfangen, erstens konnte ich da ja die Texte lesen, zweitens gab es gelegentlich auch deutsche und englische Texte. Dafür war die Ausstellung sehr ausführlich und ich bin relativ schnell durchgelaufen. In einem Raum bremste mich die dort zuständige ältere Dame und drängte mich zu einem Erker, mit einem Wortschwall, in dem immer wieder das Wort subróza vorkam. Anhand der englischen Erklärung habe ich dann verstanden, dass das der Erker ist, in dem sich 1666 die Teilnehmer der Magnatenverschwörung getroffen haben, und zwar „sub rosa“. Die Rose war sogar gut zu erkennen.

 

 

 

 

Auf dem Rückweg von der Burg in die Stadt habe ich in einem kleinen Restaurant zu Mittag gegessen, sogar vegetarisch (panierte Pilze). Hier hätte ich kein Ungarisch gebraucht, auch wenn die Bedienung nur sehr schlecht Englisch konnte (schlechter als ich Ungarisch, und das will etwas heißen). Aber ich musste ja eigentlich nur „Menü A“ und „Mineralwasser“ sagen.

Danach bin ich etwas in der Stadt herumgelaufen, u.a. zum Reformierten Kollegium, wo sogar mal Comenius unterrichtet hat (von 1650–1654) und an dem Ludolf Müller studiert hat (1937), und in einen nahegelegenen Park, in dem ungarische Geistesgrößen durch Statuen vertreten sind. Dann habe ich irgendwann gegen 16 Uhr die Rückfahrt angetreten. Inzwischen regnete es nicht mehr und ich kam besser voran, aber irgendwann wurde wieder zum „Museum der ungarischen Sprache“ eingeladen, und ich beschloss, mir anzuschauen, worum es hier geht (wegen der Tageszeit war nicht zu erwarten, dass es noch geöffnet ist).

 

 

 

 

Nach kleinen Mühen kam ich zu einem Parkplatz neben einem großen Park, mit einem Wegweiser zum „Mausoleum“. Ich frage mich schon, ob das das Mausoleum der ungarischen Sprache ist, aber nein, es geht um das Mausoleum von Ferenc Kazinczy (1759–1831), einem Schriftsteller und Sprachreformer, bzw. wenn man es etwas salopp formuliert, einem der Erfinder des modernen Ungarischen. Denn seine Verdienste liegen (außer der ersten Übersetzung des Hamlet ins Ungarische u.a.m.) vor allem in der Erweiterung des Wortschatzes.

Mausoleum und Museum liegen vermutlich im Park, denn ich habe beide nicht finden können, dafür einen großen Kinderspielplatz und eine Pension. Beider Dienste habe ich aber nicht in Anspruch genommen, sondern bin weiter in die Slowakei gefahren.

 

 

 

 

Kurz nach der Grenze kam ich wieder an die Stelle, wo am Morgen die Straße überschwemmt gewesen war, und war mit einer Straßensperrung konfrontiert, d.h. die Überschwemmung dauerte wohl an. Eine Umleitung gab es nicht, also durfte ich wieder mit dem Autoatlas navigieren, teilweise auf unaussprechlich schlechten Straßen. Aber wenigstens ist dieses Mal nichts passiert.

Den Abend habe ich wieder im Restaurant „Ferdinand“ verbracht und hatte dort noch ein nettes Erlebnis. Und zwar hörte ich von einem der Nachbartische, wo zwei Herren saßen und sich leise unterhielten, eine zunächst unverständliche Sprache – die mich natürlich sofort interessiert hat. Beim weiteren Lauschen hörte ich dann das Wort USB-Stick, dachte noch, dass es das wohl nur im Deutschen gibt, und sieh da, die unbekannte Sprache war schwäbisch. Dort saßen nämlich zwei Ingenieure aus Nürtingen, die dienstlich in einem Werk in der Nähe von Košice tätig sind, mit ihnen habe ich mich dann länger über Land und Leute und über ihre Erfahrungen unterhalten. Am interessantesten war dabei, dass sie sagten, ihre slowakischen Gesprächspartner könnten alle relativ gut Deutsch – was sie wohl selbst überraschte. Und dann sagte der eine der beiden, der schon öfter da waren, die Leute, mit denen er zu tun habe, stammten fast alle aus einem Ort namens Medzev. Da können also wohl Angehörige der deutschen Minderheit ihre Sprachkenntnisse nutzbringend verwenden, was für das weitere Bestehen der Minderheit eine wichtige Rolle spielen könnte (das sollte man fast mal untersuchen).

Ein Kommentar

  1. Vielen Dank für den sehr schönen und informativen Bericht und herzlichen Glückwunsch zum tapferen Ungarischsprechen, gratulálok a sikerhez! Noch einmal aus Westböhmen eine gute Nacht und eine gute Heimreise auch für Dich.

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