15. August 2021: Białystok und Kruszyniany

 

Für den gestrigen Tag hatte ich mir zwei Dinge vorgenommen. Vormittags wollte ich den evangelischen Gottesdienst in Białystok besuchen, nachmittags eines der beiden tatarischen Dörfer, in denen noch Moscheen stehen. Die Besichtigung irgendwelcher polnischen Städte war faktisch ausgeschlossen, weil gestern Mariä Himmelfahrt war, und da steht in Polen das Leben still. Da ich das aus leidvoller Erfahrung weiß, bemühe ich mich seit vielen Jahren bei meinen Sommerreisen, am 15. August nicht in Polen zu sein – dies war das erste Mal seit langem. Und mit einer gewissen Verwunderung habe ich dann festgestellt, dass der „Tag der Polnischen Armee“ (Święto Wojska Polskiego), der ebenfalls am 15. August gefeiert wird, inzwischen Mariä Himmelfahrt überlagert hat. Die Zentrale Feier wurde im polnischen Rundfunk übertragen (und ich habe sie mir teilweise angehört). Und wie gestern schon berichtet, gibt es auch den Protestanten Gottesdienste aus diesem Anlass (wenn schon nicht zu Mariä Himmelfahrt…).

Morgens bin ich rechtzeitig losgefahren und war dann auch pünktlich um 9:50 Uhr bei der Kapelle. Ich parkte mein Auto und ging auf den Hof, wo mich ein junger Soldat in einer prächtigen Ausgangsuniform begrüßte. Kurz nach mir ging er ebenfalls in den Kirchenraum und setzte sich in die erste Reihe, er, ich und eine ältere Dame, die neben ihm saß, waren bis kurz nach 10 Uhr die einzigen. Es kamen zwar immer wieder Leute in den Raum, verließen aber ihn gleich wieder. Und im Nebenraum versammelten sich Kinder, zum Kindergottesdienst oder etwas Ähnlichem.

Die Dame vor mir unterhielt sich mit dem Soldaten darüber, dass immer mehr Leute vom Land nach Białystok ziehen und wie schrecklich das ist, weil sie alle ungebildet sind. Der Soldat meinte begütigend, das sei doch in Warschau genauso, worauf die Dame sagte, nach Warschau zögen vor allem gebildete Menschen, mit intellektuellen Sprüchen usw. Ich versuchte verzweifelt, nicht alles zu hören, und inspizierte den Kirchenraum, der auch ziemlich interessant war. Insgesamt hat er die Größe eines Wohnzimmers. Es gab vier Bankreihen mit je fünf Plätzen, und eine weitere rechts im Raum, auf der Seite. Vorne stand der Altar, auf dem eine alte Bibel (aus dem 18. Jahrhundert) lag, rechts vom Altar stand ein Mikrofon – und das war dann schon alles. Es gibt keine Kanzel, keine Orgel, kein Klavier.

Einige Minuten nach 10 Uhr kam der Pfarrer herein, im vollen Ornat, und der Gottesdienst begann. Es huschten dann auch noch einige Leute herein, sodass es letztlich elf Teilnehmer_innen waren (vorne die Dame und der Soldat, vorne rechts zwei weitere Damen, neben mir zwei Jugendliche und ein Erwachsener und in der letzten Reihe ein Ehepaar mit Tochter). Der Pfarrer begrüßte alle herzlich, insbesondere den Soldaten, bei dem es sich nämlich um den Kommandanten der Garnison von Białystok handelte, dann den Gast aus dem westlichen Nachbarland und schließlich die drei in der letzten Reihe, die nämlich in Norwegen leben (aber aus Białystok stammen).

Der Gottesdienst wurde nach der klassischen lutherischen Liturgie abgehalten, d.h. die Liturgie war recht umfangreich und wurde zum Teil gesungen. Man könnte sich fragen, wie das ohne Orgel gehen soll, aber auf dem Altar stand ein kleiner Laptop, auf dem der Pfarrer jeweils etwas antippte, und dann ertönte die Musik aus einem Lautsprecher. Und alle haben mitgesungen, zur Qualität äußere ich mich nicht.

Etwas ungewöhnlich fand ich, dass es drei Lesungen gab, aus dem Alten Testament (die Geschichte von David und Nathan), aus den Evangelien und aus einem Paulusbrief. Und die Predigt beschäftigte sich mit allen drei Texten und hat mir gut gefallen. Das polnische Heer kam zwar vor, die Erwähnung wirkte aber nicht aufdringlich.

Es gab auch Abendmahl, und zwar in der Form, dass alle Anwesenden einen Pappbecher erhielten, in dem ein Stück Oblate war. Den Wein (ja, es gab wirklich Wein!) bekam man erst, wenn man die Oblate gegessen hatte. Und das Ganze lief weitgehend kontaktfrei ab. Bei den Fürbitten bat der Pfarrer um Vorschläge, und die kamen auch von einem Teil der Anwesenden – da ging es um konkrete Gemeindemitglieder, die krank sind oder Arbeit suchen. Die Fürbitten für sie wurden dann in das Gebet integriert.

Nach all dem war das Ende des Gottesdienstes etwas merkwürdig bzw. unscharf. Denn auf einmal sprang der Soldat auf und verabschiedete sich, und der Pfarrer kündigte verschiedene Dinge an. Aber wenn ich mich nicht täusche, gab es keinen Segen zum Abschluss. Der junge Mann neben mir (es handelte sich um den Sohn des Pfarrers) riss mir das Gesangbuch aus der und verschwand mit den eingesammelten Gesangbüchern im Hintergrund. Und dann war der Gottesdienst offenbar vorbei, und es folgte das gemeinsame Kaffeetrinken, zu dem ich auch noch geblieben bin.

Beim Kaffee waren außer dem Pfarrer und mir nur noch das Ehepaar aus Norwegen und ein weiterer Mann dabei. Außerdem gesellte sich die Frau des Pfarrers zu uns, die bisher nicht dabei war – sie hatte offenbar den Kindergottesdienst abgehalten. Das Gespräch drehte sich vor allem um Themen der Gemeinde, z.B. um die Konfirmation. Wie ich staunend zur Kenntnis nehmen musste, ist die Gemeinde so klein, dass es nicht jedes Jahr Konfirmation gibt, sondern nur alle paar Jahre, wenn wieder ein paar Konfirmand_innen zusammengekommen sind. Und der Kirchengemeinderat trifft sich einmal im Jahr, alles Übrige erledigt der Pfarrer in individueller Absprache mit Mitglieder des Rats.

Gegen 11:30 habe ich mich von der Gesellschaft verabschiedet und bin noch mal in die Innenstadt gefahren, um die ehemalige evangelische Kirche anzuschauen. Das ist ein prächtiges Gebäude vom Anfang des 20. Jahrhunderts – zum Glück war gerade kein Gottesdienst und ich konnte auch in die Kirche hineingehen. Der evangelische Pfarrer hatte am Vortag noch gescherzt, er wisse gar nicht, ob in der Kirche irgendwo steht, dass sie mal evangelisch war. Das ist tatsächlich der Fall, auch wenn mich etwas wunderte, dass an drei Stellen drei verschieden lange Texte hängen. In den beiden längeren wird die Vorgeschichte erwähnt, in dem kürzesten nicht. Im längsten Text steht auch, dass die katholische Kirche das Gebäude gekauft hat, im mittleren Text ist nur davon die Rede, dass es ihr „übergeben“ wurde.

 

 

 

 

Und dann habe ich Białystok verlassen und bin nach Kruszyniany gefahren, zu einem der beiden tatarischen Dörfer. 2017 war ich in dem anderen Dorf, das Bohoniki heißt, das habe ich diesmal links liegen lassen. Interessanterweise sind die beiden Dörfer ca. 40 km voneinander entfernt. – Die Straße von Białystok nach Kruszyniany führt nahe an der belarussischen Grenze vorbei, und mit Erstaunen habe ich gesehen, dass dort ganze Kolonnen von belarussischen Lastwagen am Straßenrand standen, vielleicht wegen einer durch den Sonntag erzwungenen Pause. Einen Lastwagen habe ich vom Auto aus fotografiert, irgendwie habe ich mich nicht getraut auszusteigen und die Lastwagenfahrer anzusprechen.

Kurz vor einem Grenzübergang ging es dann nach links in die Wälder hinein, auf einer nichtasphaltierten Straße bis Kruszyniany. Der Ort ist so klein, dass man die Moschee kaum verfehlen kann, und tatsächlich fand ich sie schnell, und neben ihr einen Parkplatz mit unendlich vielen Autos. Ich war offenbar nicht der Einzige, der vor Mariä Himmelfahrt zu den Muslimen geflüchtet ist… Aber immerhin gab es so viele Parkplätze, dass man nicht lange suchen musste, das ist ja nicht selbstverständlich.

Als erstes habe ich die Moschee besichtigt. Man musste einen kleinen Eintritt bezahlen (5 Złoty) und die Schuhe ausziehen, dann durfte man hinein. Und es gab eine kurzweilige Führung durch einen leibhaftigen Tataren, den ich zum Glück besser verstand als den Mönch am Vortag. Er erzählte uns die Geschichte der Tataren, die gegen Ende des 17. Jahrhunderts in die Gegend gekommen sind, erklärte uns den Aufbau der Moschee und ging dann länger auf die Besonderheiten des Islams ein. Interessant fand ich, dass die Tataren ihre Knaben nicht beschneiden (das sagte er jedenfalls), aber alle anderen Feste werden begangen, und sie pilgern auch gelegentlich nach Mekka. Am Schluss ging es noch um ihr Selbstbewusstsein, und da sagte er, dass er auf die Frage, ob er sich Pole fühle, mit Nein antworte, er fühle sich nicht als Pole, sondern er sei Pole. Die Integration in die polnische Gesellschaft ist offenbar gelungen…

 

 

 

Von der Moschee ging ich zum Restaurant, das sich auf einem Gelände mit Verkaufsständen befindet. Ich musste etwas anstehen, bekam dann aber allein einen Tisch und konnte einen sehr guten Kartoffelauflauf mit Pilzen essen. Danach habe ich an einem Verkaufsstand örtliche Süßigkeiten gekauft (ich glaube, es sind eher polnische als tatarische) sowie ukrainisches Halwa. Auf das bin ich schon richtig gespannt, öffne es aber erst zu Hause.

Zuletzt war ich auf dem Friedhof, der recht groß ist und ins 17. Jahrhundert zurückreichen soll. Die ältesten Gräber, die ich gesehen habe, sind aber aus dem 19. Jahrhundert und waren teils polnisch, teils russisch beschriftet. Die neuesten Gräber sind dann polnischen Gräbern sehr ähnlich und unterscheiden sich nur noch ornamentartige arabische Schriftzüge.

 

 

 

 

Damit war der Ausflug beendet und ich bin nach Supraśl zurückgefahren und habe abends nichts mehr unternommen.

2 Kommentare

  1. Ein echtes Highlight zu Mariä Himmelfahrt. Leider habe ich beim ehemaligen Forsthaus von Fürst Metternich in Plaß feststellen müssen, dass ich zu Hause meinen Adapter habe liegen lassen. Ich muss also bis Freitag mit diesem einen Akku auskommen. Herzliche Grüße und eine schöne neue Woche!

    1. Das tut mir natürlich sehr leid, und ich hoffe, Du kommst mit der Situation klar. Und natürlich musste Du mir in dieser Zeit nicht schreiben 🙂

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