15. August: Kęty – Jablunkov/Jabłonków – Hodslavice – Pardubice

Dieser Tag war mehr oder weniger der letzte eigentliche Urlaubstag. Ich bin an ihm von Wilamowice nach Pardubice gefahren, wo ich ein Hotelzimmer reserviert hatte und zwei Tage in Ruhe arbeiten wollte, und am Freitag ging es dann über Prag zurück nach Tübingen. Wo ich seither bin und wo ich auch diesen Text schreibe. Bei den Leserinnen und Lesern des Blogs muss ich mich geradezu entschuldigen, dass das Ende so schleppend kommt. Aber zu Hause wartet eben immer einige Arbeit auf mich…
Am Morgen habe ich der Versuchung widerstanden, noch einmal nach Wilamowice hineinzufahren, sondern fuhr direkt von Kęty in Richtung Grenze, vorbei an Bielsko-Biała und Cieszyn. Mein erstes Ziel war die kleine Stadt Jablunkov/Jabłonków, in der eine polnische Minderheit lebt und die in letzter Zeit etwas häufiger in den Medien vorkommt, weil sie die Heimat des tschechischen Präsidentschaftskandidaten Jiří Drahoš ist, der dort auch seinen Wahlkampf eröffnet hat. Drahoš ist von Beruf physikalischer Chemiker, war von 2009 bis 2017 Präsident der Akademie der Wissenschaften und ist Umfragen zufolge der einzige Kandidat, der eine Chance hat, den derzeitigen Präsidenten Miloš Zeman zu schlagen.
Die Grenze nach Tschechien habe ich bei Cieszyn/Teschen überquert, ohne die Stadt zu betreten, in der ich schon öfter gewesen bin (noch öfter in ihrem tschechischen Teil Český Těšín ), und fuhr dann weiter auf der Schnellstraße, vorbei an Třinec/Trzyniec und Vendryně/Wędrynia. All das sind Orte, wo auch eine polnische Minderheit siedelt, mit Minderheitsrechten, eigenen Schulen usw. Interessant fand ich die zweisprachigen Ortsschilder, auf denen nämlich beide Sprachen gleich groß geschrieben sind – das kenne ich von anderswo nicht. In Polen und der Slowakei ist der Ortsname in der Staatssprache größer geschrieben.
In Jablunkov/Jabłonków bin ich dann ungefähr eine Stunde geblieben und bin durch die Stadt gelaufen, vor allem interessiert an den Formen der Zweisprachigkeit. Es gibt auch eine Barockkirche und einen netten Platz, aber ich fand die Aufschriften viel interessanter. Offizielle Verlautbarungen sind immer zweisprachig, egal ob es um die Namen von Behörden geht oder um Infotafeln zu Baudenkmälern. Dabei fand ich amüsant, dass das omnipräsente Englische wegfällt, weil offenbar kein Platz für drei Aufschriften ist (in Wilamowice geht das bekanntlich problemlos). An Geschäften findet man nur selten zweisprachige Aufschriften, hier ist meistens alles nur auf Tschechisch. Und in der Kirche habe ich Texte in beiden Sprachen nebeneinander gefunden, die aber nur zum Teil Paralleltexte darstellten.
Auf der Straße habe ich fast nur Tschechisch gehört, nur zwei- oder dreimal Polnisch. Wobei das Polnische so standardsprachlich war, dass ich fast vermute, dass es um Besucher_innen aus Polen ging. Ob die Dominanz des Tschechischen daran liegt, dass Jablunkov eine Stadt ist (und kein Dorf), oder daran, dass das Polnische zu einer Art Familiensprache geworden ist, kann ich nicht entscheiden. Nach offiziellen Zahlen (Volkszählung von 2001) sollen die Pol_innen 20,7% der Stadtbevölkerung ausmachen, aber das ist sicher zu wenig. Ganz abgesehen davon, dass man sich bei der Volkszählung auch als Mährer oder Schlesier deklarieren konnte.
Zuletzt war ich auf dem Stadtfriedhof, wo die Gräber gemischt sind, aber doch mit einem leichten Übergewicht polnischer Gräber. Besonders beeindruckend war hier das gemeinsame Grab der Stadtpfarrer, mit Latein als Metasprache und wechselnden Familiennamen (eindeutig tschechisch sind hier aber nur Hrubec, Hanzelka, Orel und Hanzlík, andere wie Motyka und Panekkönnten in beiden Sprachen vorkommen, Eisner und Pscheidl sind deutsch, und die restlichen Namen wohl eher polnisch).
Dann ging es weiter in Richtung Pardubice. Weil an der Schnellstraße die Gedenkstätte für František Palacký (1798–1876) in Hodslaviceangekündigt war, entschloss ich mich spontan zu einem Kurzbesuch in diesem Ort, wo der große Historiker geboren ist. Dieser Ausflug endete allerdings in einem kleinen Desaster… Erstmal bin ich fast verzweifelt, ob in Hodslavice überhaupt noch ein Hinweis auf die Gedenkstätte kommt (Hodslavice ist wie viele Dörfer der Region ein Straßendorf…), dann war ich wieder leicht verwirrt, weil neben der Gedenkstätte eine Holzkirche steht, die aber katholisch ist – dabei war Palacký Protestant. Ja, und dann war die Gedenkstätte geschlossen, obwohl ich während der Öffnungszeiten da war. In der Mittagshitze fehlte mir die Energie, jetzt herumzutelefonieren, am Rathaus Sturm zu klingeln o. Ä. Ich habe in einer Dorfgaststätte zu Mittag gegessen und bin dann nach Pardubice weitergefahren, wo ich kurz nach 17 Uhr eintraf. Mit Pardubice und Umgebung soll sich dann der letzte Bericht befassen, den ich hoffentlich auch noch heute schreibe.
Stadtplatz von Jablunkov
Zweisprachige Aufschrift am „Haus der Kinder und der Jugend“
Tschechisch-polnische Infotafel am Stadtplatz
Tschechische Aufschriften an Läden
Tschechische und polnische Bekanntmachungen in der Kirche
Zweisprachiger Friedhof
Grabstätte der Stadtpfarrer
Hodslavice
Denkmal von František Palacký
Katholische Holzkirche
Geschlossene Gedenkstätte

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