14. August: Wilamowice

Am Morgen des 14. August habe ich als erstes die Entscheidung getroffen, noch eine Nacht im Hotel Relax zu bleiben und den ganzen Tag in Wilamowice zu verbringen. Die Entscheidung wurde auch dadurch befördert, dass die Gruppe von Jugendlichen kurz nach dem Frühstück abreiste. Was ich nicht wusste, war, dass im Laufe des Tages die nächste Gruppe anreiste, von etwas älteren Jugendlichen aus Chorzów – aber das hätte an meiner Entscheidung nichts geändert. Ich fuhr dann auch nach Wilamowice und besichtigte die Stadt noch einmal gründlicher. Auf dem Hauptplatz fand ich weitere Informationstafeln, u.a. über die Geschichte der Stadt, und einen Plan, auf dem die wilmesauerischen Namen von Straßen und Ortsteilen standen.
Als nächstes besuchte ich den Friedhof, auf dem wirklich die Häufung mancher Nachnamen auffällt (u. a. Foks, Biba und Nycz), beeindruckend und merkwürdig fand ich aber auch den sowjetischen Kriegsgräberfriedhof, der in den großen Friedhof integriert ist und neben dem ein Schild steht, auf dem man auf Polnisch und Russisch lesen kann, im Bürgermeisteramt gebe es eine Liste aller hier Begrabenen. So einen Service erlebt man selten…
Dann bin ich mit dem Auto herumgefahren, war kurz in den Nachbarorten und habe schließlich das Kulturhaus gefunden, in dem ich 2008 schon war und von wo ich damals zu Tymek weitergeschickt wurde. Das Gebäude schien auf den ersten Blick völlig ausgestorben, aber im ersten Stock fand ich dann doch ein Büro und eine Dame, die bereit war, mit mir zu sprechen. Dass es hier je eine Ausstellung gegeben habe, bestritt sie, und als ich sagte, ich hätte damals mit einem jungen Mann gesprochen usw., schrieb sie die Handynummer von Tymoteusz Król auf einen Zettel und drückte mir diesen in die Hand. Ganz offensichtlich hatte sie nicht viel Zeit für Gespräche mit mir, weil gerade ihr Sohn aus der Schule gekommen war und vor dem Büro stand.
Ich habe mich herzlich bedankt, bin wieder auf den Hauptplatz gefahren und habe lange darüber nachgedacht, ob ich Herrn Król wirklich anrufe. Es ist ja schon ein merkwürdiges Gefühl, wenn man jemanden nach neun Jahren einfach so wieder überfällt, ohne überhaupt zu wissen, was der Betreffende vom damaligen Treffen meint, wie es ihm jetzt geht usw. Aber schließlich habe ich doch angerufen, er war auch gleich am Telefon, wusste, wer ich bin (d.h. er erinnerte sich an das Treffen), und sagte, er sei gerne bereit mich zu treffen. Im Moment sei er allerdings noch auf dem Weg nach Wilamowice, wo er in zwei Stunden eintreffe. Und er schlug vor, dass wir uns um 17 Uhr auf dem Hauptplatz treffen, was ich insofern präzisierte, dass ich die Statue des Hl. Józef Bilczewski als Treffpunkt vorschlug.
Ich bin dann in die Gaststätte am Hauptplatz gegangen, die übrigens Rogowa heißt (das heißt „Eckkneipe“), und habe zu Mittag gegessen. Das Angebot war nicht sehr groß und umfasste vor allem Fleischspeisen, aber ich habe Piroggen mit Pilzen bestellt und war sehr zufrieden. Danach fuhr ich ins Hotel, um mich auszuruhen und ein bisschen vorzubereiten. Denn inzwischen war ich auch im Internet auf so manches Neue gestoßen, u.a. eine Webseite der Universität Warschau zur Revitalisierung von Sprachen, wo es um das Wilmesauerische (hier als Wymysiöeryś bezeichnet) geht, aber auch um Lemkisch und Nahuatl. Dort gibt es kleine Filme und Lernmaterialien, z.B. zum wilmesauerischen Verbum – sehr zu empfehlen!
Ja, und dann war es so weit. Ich fuhr mit dem Auto wieder von Kęty nach Wilamowice, stellte das Auto am Hauptplatz ab und wartete vor der Statue des Heiligen. Und kurz nach fünf kam ein junger Mann auf mich zu und sprach mich auf Deutsch an. Er schlug vor, zu ihm nach Hause zu fahren, und geleitete mich in einen Teil von Wilamowice, der mir bisher entgangen war, in eine kleine Siedlung von Einfamilienhäusern, die, wie er mir sagte, in der Nazizeit gebaut wurden und die zu einem Flugplatz gehörten, der dann aber doch nicht eingerichtet wurde.
Wir haben uns mehr als zwei Stunden lang hervorragend unterhalten, teilweise unter Beteiligung seiner Eltern. Das Gespräch führten wir überwiegend auf Deutsch, was er wirklich sehr gut kann, nur für die Eltern „switchten“ wir dann immer wieder ins Polnische. Tymoteusz Król alias Tiöma (so nennt er sich auf Wilmesauerisch, u.a. bei Facebook) ist inzwischen 24 Jahre alt, hat in Krakau einen Bachelor in Germanistik und interdisziplinären Studien (die genaue Bezeichnung habe ich mir nicht gemerkt) gemacht und ist jetzt im Masterstudium der Ethnologie in Warschau. Daneben entfaltet er vielfältige Aktivitäten für das Wilmesauerische, gibt Sprachkurse, schreibt wissenschaftliche Texte und solche für die Öffentlichkeit und ist auch der Mitautor einer Fibel (mit dem schönen Namen Heći-Peći) und einer wissenschaftlichen Grammatik. Wie sich herausstellte, hatte ich großes Glück, ihn überhaupt anzutreffen, denn er wollte am nächsten Tag zu einer Summer School über Revitalisierung nach Mexiko fliegen, von dort nach Wien usw.
Von dem langen Gespräch kann ich nur auszugsweise berichten. Ich erhielt jedenfalls einen sehr detaillierten Bericht über die konkrete Situation der Sprache, die zwar auf höherer Ebene viel Unterstützung findet, vor Ort aber eher wenig, was auch daran liegt, dass im Gemeinderat die polnischen Gemeinden der Umgebung die Mehrheit haben. Die Anerkennung als Regionalsprache war in Reichweite, ist aber gescheitert, weil der neue Präsident das entsprechende Gesetz der vorherigen Regierung nicht mehr unterschrieben hat. Die Fördermaßnahmen der EU, durch die u.a. die Informationstafeln finanziert wurden, haben alle gerne in Anspruch genommen, doch ist dann nicht mehr viel nachgekommen. Die Zukunft wird zeigen, wie lange der Enthusiasmus des Vereins Wilamowianie und seiner jugendlichen Mitglieder durchhält und zu welchen Ergebnissen er führt.
Tymoteusz Król ist aber auch eine hervorragende Quelle zur Geschichte des Orts und von allem, was damit zusammenhängt. So konnte er mir erkälren, warum der Hl. Józef Bilczewski einen so polnischen Nachnamen hat – er hieß eigentlich Józef Biba, hat den Namen aber schon im Seminar geändert, wegen peinlicher Anklänge an lateinisch bibere. Er kennt auch die Geschichte der sowjetischen Kriegsgräber und weiß, dass daneben deutsche Soldaten liegen, an die bisher nicht erinnert wird (entsprechende Bemühungen sind aber im Gange). Und er hat mir Einblick in seine Familiengeschichte gegeben: Beide Eltern sind nicht aus Wilamowice, sondern Oberschlesier, mit all den biografischen Besonderheiten, wie sie für Oberschlesier typisch sind.
Ich bekam auch ein Abendessen und bin dann nach 19:30 ins Hotel gefahren, nachdem ich mich noch für die Gelegenheit zu einem Gespräch bedankt hatte. Diesmal haben wir auch Adressen ausgetauscht und fest abgesprochen, dass wir in Kontakt bleiben.
Informationstafel am Friedhof

Blick auf den Friedhof

Sowjetische Kriegsgräber

Grab einer Familie Fox

Kulturhaus

Informationstafel am Rathaus

Ein Kommentar

  1. Hetschipetschi, das ist ja wunderbar. Das Wort ist ja in einem Riesenareal verbreitet. Manche behaupten es käme aus der Jägersprache und dort aus dem Englischen, anderen volksetymologisieren sich um Kopf und Kragen "Fast jeder erinnert sich noch, an den alten Kinderscherz, mit denen man Freunde und Bekannte überraschte,indem man ihnen die Hagebutte als Juckpulver in den Pullover steckte? Von daher haben sie auch den Namen wie Aschkitzl oder Hetschipetschi." (Marlen Dürrschnabel) Bei uns gibt es darüber hinaus noch die Varianten Hetschenbetschen, Hetschenpetschen [hεεdschebεεdsch(en)], Hetschepetsch [hεεdschebεεdsch], Hetscherl [hεεdschal], Hetscherln [hεεdschaln], Hetschhiven [hεεdschhivan].

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