19. August 2020: Pannonhalma

Am 19. August wollte ich nun endlich das Kloster Pannonhalma besichtigen. So bin ich von Pápa mit dem Auto dorthin gefahren und war kurz vor 11 Uhr dort. Allerdings benötigte ich dann eine gewisse Zeit für die Parkplatzsuche. Ein Parkplatz liegt etwa 400 m unterhalb des Klosters, wenn man vom Ort aus hinauffährt, ein weiterer auf der Rückseite des Bergs. Der war mir aber zu weit weg, also habe ich letztlich auf dem ersten Parkplatz geparkt (kostenlos) und bin zur Klosterpforte gewandert, wo ich etwa um 11:15 Uhr war. Und voller Schrecken musste ich feststellen, dass es an diesem Tag zwei Klosterführungen gab, eine um 11 Uhr (die hatte natürlich schon begonnen) und eine weitere um 15 Uhr. So stellte sich nun die Frage: Wie verbringt man 4 Stunden in der ungarischen Provinz?

Zunächst hatte ich die Idee, andere Orte in der Umgebung zu besuchen. Aber mein Reiseführer nannte keine weitere Sehenswürdigkeit in der Nähe… Ich bin dann auf gut Glück losgefahren und habe in einem Dorf namens Nyúl gehalten, um die Kirche und den Friedhof zu besichtigen. Ort und Kirche waren ganz nett, und fasziniert hat mich, dass ein Ort „Hase“ heißen kann (das ist nämlich die Übersetzung des Worts nyúl). Aber nach 20 Minuten wusste ich nicht, was ich weiter in Nyúl unternehmen sollte.

So bin ich doch wieder zum Kloster hinaufgefahren, habe mein Auto geparkt und bin zur Klosterpforte gegangen, um zu erkunden, was es dort oben noch so gibt. Und sieh da, es gibt beispielsweise ein Milleniumsdenkmal aus dem Jahr 1896, das der ungarischen Landnahme im Jahr 896 gedenken soll. Es handelt sich um eine Kirche, die als griechischer Tempel stilisiert ist. Und die man derzeit nicht betreten kann. Gegründet wurde das Kloster im Übrigen erst im Jahr 996, vom Fürsten Géza I., dem Vater des Hl. Stephans.

Auf dem Rückweg habe ich ein paar Fotos vom Kloster gemacht und bin dann um das Kloster herumgelaufen. Sehr interessant fand ich den Fußballplatz auf der Rückseite der Klosteranlage, in dessen Nähe gab es auch einen kleinen Verkaufsstand mit Getränken und Brezeln. Da habe ich ein bescheidenes Mahl verzehrt und habe dann eine Ausstellung auf Tafeln angeschaut, die über die Geschichte des Bergs, des Klosters und der Umgebung berichtet. Am beeindruckendsten fand ich die Grafik, die Darstellung, wie die Bevölkerung Ungarns nach 1918 zurückgegangen ist, nach dem Frieden von Trianon. Dass hier nicht Ungarn in Massen umgebracht wurden, sondern einfach zu Staatsbürgern von Nachbarstaaten wurden, weiß hoffentlich jedes ungarische Schulkind. Aber ich bin skeptisch, ob jeder ausländische Besucher das richtig versteht…

Irgendwann waren die vier Stunden fast um, um 14:40 habe ich mich dann in eine Schlange vor der Klosterpforte gestellt. Ich wollte unbedingt vermeiden, dass ich womöglich keine Eintrittskarte bekomme, gehörte dann aber zur ersten Gruppe und kam hinein. Wie viele Gruppen eingelassen wurden, habe ich nicht gesehen, weil ich ja schon drin war, ich hoffe, das Kloster ist da nicht zu restriktiv.

An der Kasse fragte ich nach einem Audioguide, aber den haben sie nicht. Als die Dame noch erklärte, man werde uns immer genau sagen, was man fotografieren darf und was nicht, fragte ich, ob das denn auch auf Englisch angesagt würde. Mir wurde versichert, unsere Führerin spreche ausgezeichnetes Englisch, das mag ja sein, aber englische Ansagen gab es im Weiteren nicht.

Kurz bevor meine Gruppe eingelassen wurde, stürmte noch eine Gruppe jugendlicher Fußballspielen mit Fußbällen bewaffnet aus dem Klosterhof heraus – Pannonhalma scheint also wirklich eine besondere Beziehung zum Fußball zu haben.

Aber dann ging es wirklich los, in einer Gruppe von etwa 30 Leuten, alle maskiert, und mit einer wunderschönen ungarischen Führung, bei der ich gelegentlich einzelne Wörter verstand. Die Führung begann, nachdem wir den Klosterhof überquert hatten, auf eine großen Terrasse vor dem Eingang in die Klosterkirche, mit einem großen Mosaik aus dem 19. Jahrhundert, auf dem alle an der Gründung Beteiligten einschließlich des Hl. Benedikt (480–547) abgebildet sind. Die Klosterkirche selbst ist beeindruckend, aber wie in Ungarn üblich, eine Mischung von alten Bauteilen und Erneuerung im 18. und 19. Jahrhundert. Die Einrichtung ist eher bescheiden.

In der Krypta liegt Kronprinzessin Stefanie, die Frau des Kronprinzen Rudolf begraben, die in zweiter Ehe mit einem ungarischen Adligen verheiratet war (der ebenfalls dort begraben ist). Die Gräber sieht man nicht sehr gut, bzw. man kann nicht nahe zu ihnen hingehen. Was man gut sieht, ist der Grabstein mit der Aufschrift OTTO, unter dem das Herz Ottos von Habsburg begraben ist (alles Übrige liegt in der Kapuzinergruft).

Zum Abschluss kamen wir in die berühmte Bibliothek, den Stolz des Klosters, wo viele alte Handschriften und Inkunabeln aufbewahrt werden. Aber auch diese sind natürlich nicht aus dem Mittelalter überliefert, sondern die Bibliothek wurde 1825 neu gegründet und durch Aufkäufe von Handschriften aus aufgelassenen Klöstern bestückt… Interessant sind die Bücher trotzdem, so lag in einer Vitrine ein Übersetzung der Bibel ins Arabische aus dem 16. Jahrhundert, was es nicht alles gibt.

Ganz in der Mitte liegen dann unter Glas Facsimilia von zwei der ältesten ungarischen Urkunden, eine Urkunde, die der Hl. Stefan dem Kloster ausgestellt hat (mit Originalunterschrift), und die Gründungsurkunde des Kloster Tihány, in der erstmals ungarische Wörter belegt sind. Beide Urkunden sind sehr beeindruckend, aber dann war die Führung auch schon wieder vorbei.

Vom Rest des Tages gibt es nichts mehr zu berichten. Ich bin nach Pápa zurückgefahren und habe mich von den Strapazen des Tages erholt.

Ein Kommentar

  1. Vielen Dank für diesen anschaulichen Bericht aus der Erzabtei Martinsberg. Super, dass Du bis zum Millenniumsdenkmal (Millenniumi emlékmű) gelaufen bist. Von den Kollegen der Ungarischen Akademie der Wissenschaften habe ich gehört, dass jetzt auch das Konferenzzentrum fertig und schön sei (https://pannonhalmifoapatsag.hu/wp-content/uploads/2019/02/Pannonhalma_mice_2019.pdf). Wir wollten dort eigentlich schon kommende Woche ab Donnerstag bis zum Wochenende die bilaterale Tagung 2020 unseres Literatur- und kulturwissenschaftlichen Komitees der Österreichischen und Ungarischen Akademie der Wissenschaften (https://www.oeaw.ac.at/ikt/das-institut/komitee/) abhalten, aber wegen Covid-19 kam es nicht dazu. Bist Du dann auch noch bis zum neuen Baumkronenweg (Lombkorona Tanösvény, https://www.youtube.com/watch?v=F_4b8OOMGJU) vorgelaufen? Auch der soll ganz toll sein. Herzliche Grüße und schönes Wochenende!

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