18. August 2020: Unterwegs in Pápa

Am nächsten Morgen ging ich zum Frühstück, wo erfreulicherweise die deutsch sprechende Dame im Einsatz war, mit der ich am Vorabend telefoniert hatte. Mit ihr habe ich gleich besprochen, dass ich vier Nächte bleiben will, dann habe ich gefrühstückt. Ich war offensichtlich der einzige Gast, und der für mich hergerichtete riesige Tisch hat mich eher in Schrecken versetzt, auch deswegen, weil man offenbar davon ausgeht, dass bei einem Frühstück möglichst viel Wurst dabei sein muss. Wie sich das damit verträgt, dass das gleiche Hotel ein veganes Restaurant betreibt, sei dahingestellt… Immerhin wurde mir versichert, dass ich nicht alles aufessen muss.

Nach dem Frühstück machte ich mich auf den Weg zum Schloss, das bis 1945 der Familie Eszterházy gehört hat. Es wurde im 18. Jahrhundert an der Stelle älterer Gebäude errichtet, die in den Türkenkriegen zerstört worden waren. Das Schloss ist eine prächtige Anlage, mit einem großen Hof, an dessen Eingang man von zwei freundlichen Löwen begrüßt wird. Als ich hineinging, wurde ich wiederum von freundlichen maskierten Damen begrüßt, die gut englisch und teilweise auch deutsch sprachen, ein für Ungarn eher untypisches Erlebnis. Ich habe mich dann für die nächste Führung angemeldet und bekam auch einen deutschen Audioguide, der zwar nicht völlig mit der realen Führung synchronisiert war, aber mir doch erlaubt, dieser zu folgen.

Das Schloss verfügt über die üblichen Räume (Schlosskapelle, Herrensalon, Esszimmer usw.), die Ausstattung ist eher bescheiden, aber sehr schön. Bei der Führung wurde aber nicht sehr viel über sie erzählt, da standen andere Attraktionen im Vordergrund. Denn in manchen Räumen saßen Damen in barocker Tracht, mit Fächern usw. Einmal wurde auch getanzt und es erschien ein junger Mann mit Zopf, der eine Arie sang. Ganz am Ende wurde auch noch ein langes Gedicht rezitiert, vermutlich von einem berühmten Dichter. Aber diese Informationen habe ich natürlich alle nicht verstanden.

Nach dem Schloss besichtigte ich die große katholische Kirche am Hauptplatz. Sie ist sehr schön ausgemalt, mit Fresken von Franz Anton Maulpertsch, ansonsten leider ein bisschen heruntergekommen (bzw. schon länger nicht mehr renoviert). Etwas befremdlich fand ich zwei Plakate an der Fassade, auf denen mit dem Spruch Találkozz Jézussal Budapesten („Triff Jesus in Budapest“) für eine große Veranstaltung in Budapest geworben wird. Theologisch erscheint mir das fragwürdig, Jesus kann man doch überall begegnen und muss nicht unbedingt deswegen nach Budapest fahren…

Da die katholische Kirche den Hauptplatz dominiert und da es auch weitere kleinere katholischen Kirchen gibt, mag man den Eindruck gewinnen, man sei in einer katholischen Stadt. Tatsächlich ist Pápa aber auch ein wichtiges Zentrum der ungarischen Kalvinisten, seit 1531. Die Gebäude der Kalvinisten sind aber alle viel jünger, das riesige Reformierte Kollegium stammt vom Ende des 19. Jahrhunderts, die reformierte Kirche wurde sogar erst 1941 erbaut. Die vorherige „Alte Kirche“ ist aber auch noch erhalten, in ihr befindet sich heute ein Museum. Und dieses Museum der reformierten Kirchengeschichte (Református Egyháztörténeti Múzeum) musste ich natürlich unbedingt besuchen. Es war mir schon am Abend vorher aufgefallen und liegt ganz in der Nähe des Hotels.

Als ich das Museum betrat, saßen an der Kasse eine Dame mittleren Alters und ein junger Mann im Alter von 16 oder 17 Jahren. Mein Versuch zur Kommunikation auf Ungarisch scheiterte sofort, was in diesem Fall allerdings daran lag, dass mir das Wort für lesen nicht einfiel und ich es schnell nachschauen musste – das hat das Vertrauen in mein Ungarisch nicht gerade gestärkt. Also verhandelte die Dame mit mir auf Englisch und fragte, ob ich die Kirche oder die Mumie anschauen wollte (the church or the mummy). Das klingt jetzt etwas mysteriös, aber ich hatte zum Glück schon davon gelesen, dass es in Pápa auch eine echte ägyptische Mumie gibt, also sagte ich, ich wollte beides anschauen.

Der junge Mann, der, wie sich herausstellte, der Sohn des Pfarrers war, hat mich dann durch die Kirche und durch eine Ausstellung auf der Empore geführt. Das war ein schwieriges und anstrengendes Unternehmen, denn er konnte zwar irgendwie Englisch, bildete fröhlich kurze und korrekte Sätze, aber sein Wortschatz war sehr bescheiden. Und wenn es um theologische oder kirchliche Terminologie ging, wurde es noch schlimmer. So haben wir dann in einer Mischung aus Englisch und Ungarisch verhandelt und ich konnte ihn dazu bringen, Wörter, die er auf Englisch nicht wusste, auf Ungarisch zu sagen. Wenn ich aber etwas auf Ungarisch sagte, fing er gleich an, mit mir auf Ungarisch zu sprechen, und das hat natürlich auch nicht richtig funktioniert.

Thema der Ausstellung war die Geschichte der reformierten Kirche von Transdanubien (deren Hauptort Pápa ist), mit sehr vielen historischen Details. Alles begann mit dem Heidelbergi káté, dem Heidelberger Katechismus von 1563, der schon 1577 in Pápa ins Ungarische übersetzt wurde, den konnte man auch in die Hand nehmen, und die ersten Fragen standen auf großen Plakaten. Und dann wurde das gesamte Kirchenjahr plus Taufe, Hochzeit und Begräbnis behandelt, alles mit vielen Dokumenten und Bildern. Es gab Schieber, die man herausziehen konnte und in denen z.B. Stickereien ausgestellt waren, und es gab Knöpfe, auf die man drücken konnte, mit dem Effekt, dass dann ein Kirchenlied ertönte. Ich hätte nicht alles sehen und hören müssen, aber mein Führer war unerbittlich, zeigte mir jeden Schieber und jeden Knopf und setzte immer wieder zu weitschweifigen Erklärungen aus, bei denen ihm dann der Wortschatz fehlte. Ohne eine gewisse protestantische Allgemeinbildung hätte ich das vermutlich nicht ausgehalten…

Nach der Ausstellung ging’s zur Mumie, die allerdings nicht ungarischen Ursprungs ist. Ein ungarischer Kaufmann hat sie 1884 aus Ägypten mitgebracht und den Reformierten geschenkt. Inzwischen ist sie vielfach untersucht, geröntgt usw. Man weiß jetzt auch, dass die Mumie und der Sarg nicht zueinander gehören, d.h. der Sarg ist jünger und die Mumie älter (oder umgekehrt, ich habe es schon wieder vergessen). Und auf Schautafeln kann man sich auch noch über viele Aspekte der altägyptischen Kultur informieren.

Den Abend habe ich wieder im veganen Restaurant verbracht, um Kräfte zu sammeln – denn am nächsten Morgen sollte es endlich nach Pannonhalma gehen. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Chicken Nuggets gegessen (aber natürlich in der veganen Version…

2 Kommentare

  1. Sehr schön, das war richtig herrlich jetzt, vielen Dank! Auf die Führung im Museum war ich ja schon gespannt, aber besonders überrascht hat mich die Schlossführung. Das ist ja ein Riesenaufwand, wenn da so viele Leute in historischen Kostümen rumsitzen und auch noch singen, tanzen und rezitieren. War das ein besonderer Tag oder ist das dort immer so? Muss ja auch für die Schauspieler selbst sehr mühsam sein. Herzliche Grüße und einen guten Start in den Mittwoch!

  2. Ich habe mich auch gewundert, wie viele Leute da arbeiten, und ich vermute, dass das nur im Sommer ist. Die jüngeren Frauen waren vermutlich Studentinnen, auch der Sänger ist vielleicht Student (oder Schauspieler). Die etwas ältere Dame macht es vielleicht zum Vergnügen oder als Nebenbeschäftigung.
    Man könnte auch einen Zusammenhang mit dem Nationalfeiertag vermuten. Der war zwar erst zwei Tage später, aber mit großem Programm. Aber vielleicht hatte das Programm schon am 18. August begonnen und ich hatte es nur nicht gemerkt.

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