23. August 2012: Kula – Ruski Kerestur – Mohács

Nach dem Frühstück von Kula und der Abfassung des Blogs, die diesmal durch eine schlechte Internetverbindung behindert war, bin ich gegen 10 Uhr wieder nach Ruski Kerestur gefahren. Zunächst habe ich einige Aufschriften fotografiert, die am Vortag wegen der Lichtverhältnisse schlecht zu sehen waren, darunter auch ein Tito-Gedicht, dessen Text hier sicherheitshalber auch wiedergegeben sei: Друже Тито, ми ти пришагаме, же на твоєй драги оставаме. Und dann habe ich überlegt, wie ich nun wohl am besten an interessante Gesprächspartner komme. Schließlich entschloss ich mich, in die Redaktion des Ruske slovo zu gehen, die im gleichen Gebäude wie das Café Mala oaza untergebracht ist. Und das war genau die richtige Entscheidung, aus mehreren Gründen.

Im zweiten Stock des Gebäudes fand ich einen Journalisten vor, der sich mir als Mihajlo Zazuljak vorstellte. Er ist gewissermaßen der für Ruski Kerestur zuständige Redakteur, die Zentrale der Zeitung befindet sich in Novi Sad (у Новом Садзе). Herr Zazuljak war sehr freundlich und auch durchaus an mir interessiert, meinte aber, er müsse dringend einen Artikel zu Ende schreiben und verabredete sich für 12 Uhr mit mir im Café. Fünf Nummern des Ruske slovo drückte er mir gleich in die Hand, redete dann auch gleich weiter und hatte schließlich die Idee, ich könnte ja schon mal die Kirche besichtigen. Zu diesem Zweck rief er den Pfarrer an, der auch da war und meinte, ich solle doch gleich vorbeikommen.

Auf dem Weg habe ich mich verirrt und bin erst ins Gymnasium geraten, was mir ermöglichte, dort noch schnell die Bilder dreier Abiturjahrgänge zu fotografieren. Eine ältere Dame brachte mich dann zur Pfarrei, wo ich nicht nur den Pfarrer, sondern gleich drei geistliche Herren antraf. Es waren dies der Ortspfarrer Vater Mihajlo Režak, sein Vorgänger Vater Julijan Rac, derzeit Pfarrer in Verbas und Lehrer für Latein und Italienisch am Gymnasium, und Vater Roman Kandrač, der auch aus dieser Gegend stammt, aber schon seit längerem in Lemberg als Mönch tätig ist.

Wir traten schnell in ein freundliches Gespräch (bei Kaffee und Mineralwasser) über viele Fragen ein, vom Status des Lateinischen in der heutigen Gesellschaft über das Altkirchenslavische (für das sich besonders Vater Kandrač interessiert, dem ich aus Deutschland auch Literaturtipps schicken werde) bis hin zum Russinischen früher und heute. Meine Gesprächspartner sprachen auf meine Bitte nur Russinisch (wie auch schon Herr Zazuljak), sodass ich mich in diese wunder- und sonderbare Sprache einhören konnte. Besonders auffällig ist der strikte Pänultimaakzent (es war öfter von Maríja Terezíja die Rede), aber auch die Einheitsendung -och im Genitiv Plural, die zu harten Sibilanten gewordenen palatalisierten Dentale (‘Verzeihung‘ heißt beispielsweise пребаце) u.a.m. Alle drei Herren sind sehr gebildet und kennen sich in der Welt, aber auch in der Wissenschaft aus, dies wurde beispielsweise erkennbar, als mich Vater Rac dazu befragte, ob ich das Russinische eher dem Ost- oder dem Westslavischen zurechne. Letztlich gefällt ihnen allen (auch Herrn Zazuljak und dem fünften späteren Gesprächspartner) die Idee, dass es sich um ein slavisches Esperanto handle, am besten. Ich mag diese Bezeichnung nicht so, aber sie trifft doch so manches, etwa auch die ausgeglichene Nominalmorphologie.

Vater Režak führte mich ins Pfarrarchiv, wo Unterlagen seit 1774 lagern und auch eine große Bibliothek vorhanden ist, die sie glücklicherweise gerade katalogisieren. Die beiden Priester berichteten mir auch vom geistlichen Leben – besonders stolz sind sie, dass sie seit dem Zerfall Jugoslawiens einen eigenen Bischof („Exarchen“) in Novi Sad haben (vorher gehörten sie zu einer kroatischen Diözese). Und es gibt 17 griechisch-katholische Pfarreien. Etwas zusammengezuckt bin ich, als davon die Rede war, dass eine bestimmte Pfarrei, deren Pfarrer gerade verstorben ist, an den Sohn gehe – ich hatte freilich ganz vergessen, dass griechisch-katholische Priester heiraten dürfen.

Von links nach rechts: Kandrač, Zazuljak, Režak, Rac

Auch in der globalisierten Welt kennen sich diese Vertreter der intellektuellen Oberschicht der Russinen bestens aus. Und so war ich auch nur mäßig überrascht, dass Vater Rac und Vater Kandrač bald digitale Fotoapparate zückten, um mich zu fotografieren. Ein Bild machten wir dann auch noch, als Herr Zazuljak dazu gestoßen war, der etwas verwundert feststellte, dass wir noch lange nicht in die Kirche gegangen waren. Dorthin begaben wir uns also zu fünft, nachdem Vater Režak mir noch drei Nummern der Kirchenzeitung Dzvoni und ein von ihm herausgegebenes Gebetbuch geschenkt hatte.

Die Kirche wurde 1784 im spätbarocken Stil gebaut. Wie Vater Režak sagte, erhielt die Gemeinde damals einen Bauplan aus Wien, an den sie sich freilich nicht gehalten hat. Die Kirche ist deshalb größer als die Kathedrale in Novi Sad. Da Vater Kandrač fröhlich fotografierte, habe ich mich auch getraut, ein paar Fotos zu machen, sogar in der Krypta, wo die bisherigen Bischöfe begraben sind. Über eine Grabinschrift, wo statt des russinischen ґ ein mazedonisches ѓ steht, haben wir länger diskutiert. Insbesondere Vater Kandrač war darüber ziemlich empört, die anderen deutlich weniger.

Dann verabschiedete ich mich von den Priestern und wurde von Herrn Zazuljak in die Zentrale des Weltbunds der Russinen und Lemken gebracht, zu dessen Vorsitzenden mit den wunderschönen Namen Đura Papuga (Дюра Папуґа). Das ist ein sehr fröhlicher Mensch, bei dem man nicht wegkommt, ohne ein Gläschen Schnaps getrunken zu haben. Er erzählte mir bereitwillig von seiner Organisation (deren Vorsitzender er seit ein paar Jahren ist, als Nachfolger des auch unter Slavisten Bekannte Pavlo Robert Mágocsi). Besonders beschwingt war er davon, dass in der Ukraine offenbar im Zuge des neuen Sprachengesetzes (über das im Westen nur im Zusammenhang mit der Höherstufung des Russischen berichtet wird) das Russinische als Regionalsprache anerkannt worden ist. Als nächstes gehe es nun darum zu erreichen, dass man sich auch bei der Volkszählung im nächsten Jahr als Russine bzw. Russinin deklarieren kann. Das alles möchte ich aber noch einmal nachlesen, wenn ich wieder zu Hause bin, weil ich nicht weiß, wie stark die russinische Optik nicht vielleicht Dinge anders sieht, als sie in Wirklichkeit sind. Was die Höherstufung des Russischen angeht, so meinte Herr Papuga nämlich, dieses sei jetzt auch Regionalsprache, und zwar in der Ostukraine, aber sicher nicht Staatssprache… Auch Herr Papuga beschenkte mich zum abschied, und zwar mit zwei Nummern der Zeitschrift Holos Rusina – und einem Bändchen Erotica Ruthenica, in das er auch gleich eine Widmung hineinschrieb. Wer jetzt schreckliches befürchtet, sei gleich beruhigt, es geht vor allem um volkstümliche Schwänke.

Herr Zazuljak brachte mich dann mit dem Auto zurück zur Mala oaza, wobei er mich noch mit damit entzückte, dass er mich ausdrücklich aufforderte, mich nicht anzuschnallen (so etwas gibt es vermutlich wirklich nur noch in Serbien). In der Mala oaza führte er dann ein Interview mit mir, das im Ruske slovo erscheinen soll. Ich habe sicherheitshalber noch nachgefragt und gebeten, die Aufzeichnung nicht im Radio zu senden, denn ich redete inzwischen in einem solchen panslavischen Pidgin (und nicht Esperanto), dass ich mich selbst schämte. Aber beim Switchen zwischen Slowakisch und Ukrainisch bin ich immer wieder ins Polnische verfallen, dazu verleiten der Pänultimaakzent und die vielen Sibilanten. Bald verabschiedete er sich wieder, ich habe noch ein alkoholfreies Bier getrunken und mich mit der Wirtin unterhalten, die fließend Deutsch spricht.Sie war zweimal kürzer in Deutschland arbeiten, um die Grundlagen für ihren Betrieb zu finanzieren. Einen schönen Abschluss des Besuchs in Ruski Kerestur bildete das Gespräch mit dem Tankwart der Tankstelle, der zu mir, als ich stotternd nach einer Sprache suchte, mit dem gesamten Selbstbewusstsein einer wohletablierten Minderheit може руски? (vielleicht auf Russisch/Russinisch?) reagierte.

Durch die Mittagshitze (in Ruski Kerestur hatte es 41°, unterwegs wurde es kühler) bin ich über Sombor an die serbisch-ungarische Grenze gefahren und von dort weiter nach Mohács. Der Versuchung, auch noch einen Kurzbesuch in Kroatien zu machen, habe ich widerstanden – das wäre die sechste Währung gewesen und womöglich auch die fünfte Autobahnvignette. In Mohács bin ich mit einer Fähre über die hier sehr breite Donau gefahren, habe mich im Luxushotel gleich neben der Fähre einquartiert und einen schönen Abend genossen. Morgen geht es weiter in Richtung Pécs – und Tübingen.

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