25./26. August 2022: Gnesen/Gniezno

Am Mittwochnachmittag bin ich gegen 17 Uhr in Gnesen eingetroffen und habe zunächst mein Hotel gesucht. Das lag am Hauptplatz, und ich war mir gar nicht sicher, wie nahe ich mit dem Auto zum Hotel komme. Nach einigen Irrfahrten stellte sich aber heraus, dass man sogar mit dem Auto über den Platz fahren darf und dass es nahe beim Hauptplatz Parkplätze gibt, zu denen man aber aus anderer Richtung kommt. Nach einigem Hin und Her hatte ich dann jedenfalls einen Parkplatz gefunden und begab mich zum Hotel, dessen Rezeption aber geschlossen war. Ich hätte zwar eine Telefonnummer anrufen können, statt dessen habe ich mich in ein Café auf dem Platz gesetzt und habe ein alkoholfreies Bier bestellt. Das gab es hier nur in aromatisierter Form, und zwar mit „Wassermelone und Minze“ (arbuz z miętą). Es schmeckte eigentlich ganz gut, nur nicht nach Bier… Dann erklärte mir die Kellnerin im Café, dass sich die Rezeption tagsüber in einer Bar befindet. Und dort habe ich mich dann gemeldet und mein Zimmer erhalten. Kurz darauf machte ich mich schon auf den Weg zur Kathedrale, die ich am gleichen Tag kurz besichtigen wollte, um dann am nächsten Tag das volle Programm zu absolvieren.

Nun sollte ich kurz erklären, warum ich diese Reise mit einem Besuch in Gnesen beginne – man könnte ja meinen, dass ich hier schon öfter war und die Kathedrale gut kenne. Aber leider ist das nicht der Fall. Ich war zwar vor vielen Jahren (ich glaube, 1978, aber ganz sicher ist das nicht) hier, aber bei mindestens zwei weiteren Besuchen hatte ich Pech und bin nicht in die Kathedrale gelangt, einmal weil ich zu spät abends, und einmal weil ich zu früh morgens da war (und am nächsten morgen bzw. gleich wieder fahren musste). Und meine Erinnerungen von dem ersten Besuch sind eher vage… Umso gespannter war ich auf die Kathedrale, in die ich kurz nach 18 Uhr eingedrungen bin, eingedrungen deshalb, weil gerade ein Gottesdienst stattfand. Früher wäre ich da wieder gegangen, diesmal habe ich mich in den Gottesdienst integriert, d.h., ich habe mich ganz hinten hingesetzt und am Gottesdienst teilgenommen, ja sogar mitgesungen (ein Teil der Lieder wurde an eine Säule projiziert).

Während dem allen habe ich die Kirche in Ruhe betrachtet und war gleich über drei Punkte erstaunt. Erstens hatte ich die Kirche als viel größer in Erinnerung, zweitens hatte ich in Erinnerung, die Wände seien ganz weiß, und drittens glaubte ich mich zu erinnern, dass eine silberne Statue des Hl. Wojciech (alias Vojtěch alias Adalbert) in der Höhe geschwebt habe. Zum ersten Punkt ist nicht viel zu sagen, so etwas kommt ja öfter vor. Der zweite Punkt war schon merkwürdiger, auch nicht so entscheidend, denn das Gewölbe ist wirklich weiß, und es geht nur um die Teile darunter. Der dritte Punkt ist aber tatsächlich sehr peinlich, vor allem weil ich Generationen von Studierenden von dem schwebenden Heiligen erzählt habe…

Ratlos verließ ich die Kirche und war entschlossen, diesen Punkten am nächsten Tag bei der Führung durch die Kirche nachzugehen. Ich war dann noch indisch essen und bin bald ins Bett gegangen. Am nächsten Morgen war ich pünktlich zur Öffnung der Kasse, wo man die Eintrittskarten kaufen kann, vor Ort und habe mir das volle „Paket“ gekauft, bestehend aus einem Besuch des Dommuseums, einer Besichtigung der Gnesener Türen aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, einer Besichtigung der unterirdischen Teile der Kirche („podziemie“) und einer Besteigung der Aussichtsplattform, die ersten drei Zeiten mit konkreten Zeiten (9:00, 9:45, 10.00). Auf die Besteigung der Aussichtsplattform wollte ich freilich sowieso verzichten (und später zeigte sich, dass die Plattform ohnehin geschlossen war). Eine Führung durch die Kirche selbst gab es aber nicht, da zeichnete sich schon ab, dass ich keine Antworten auf meine Fragen erhalten würde.

Ich hatte nicht geahnt, dass die Führung ohne Führerin bzw. Führer stattfindet, sondern durch ein Gerät, an das Kopfhörer anschließt. Gerät und Kopfhörer wurden mir beim Eingang ins Museum ausgehändigt (gegen Quittung), das freundliche Angebot, sie hätten auch andere Sprachen als Polnisch vorrätig, habe ich mutig abgelehnt. Das war auch die richtige Entscheidung, denn der Text war sehr gut verständlich (und die paar Wörter, die mir fehlten, konnte ich nachschlagen).

Das Museum besitzt, wie bei solchen Museen üblich, im Wesentlichen liturgische Gefäße und Gewänder. Darunter waren auch interessante Stücke, z.B. der Kelch, den der Hl. Wojciech in Händen hielt, als er von den heidnischen Prussen ermordet wurde. Dieser Kelch wird, wie es heißt, nur bei sehr feierlichen Anlässen verwendet, beispielsweise wenn der Papst kommt. Von den vielen anderen Dingen, die ich da gesehen habe, will ich nur noch die Vitrine erwähnen, in der Zeichnungen eines Malers ausgestellt wurden, der (den Namen habe ich leider vergessen) im Laufe seines Lebens immer wieder den leidenden Christus mit seinen eigenen Zügen dargestellt hat. Ich glaube, so etwas gibt es nur in Polen…

In einem eigenen Raum im Untergeschoss befindet sich eine Kopie der Erztüre, zu der ich mir dann eine lange Erläuterung angehört habe. Ich fand es auch praktisch, dass man die Kopie aus der Nähe fotografieren kann, allerdings ist das beim Original genauso möglich (man kommt nur nicht ganz so nahe hin). Die Türe, die ich wohl zum ersten Mal gesehen habe (?), ist sehr beeindruckend, weil sie – weniger als zwei Jahrhunderte nach dem Tod des Heiligen (997) – sein Leben in zwölf Szenen schildert. Etwas verwirrend finde ich freilich, dass die Darstellung mit der Beisetzung in der Kathedrale von Gnesen endet, denn nach der ist ja noch einiges passiert. Denn 1038 entführte der böhmische Herzog Břetislav I. die Reliquien nach Prag, wo sie sich nach tschechischer Meinung auch immer noch befinden (inklusive Schädel!). Trotzdem ist man in Polen davon überzeugt, auch einiges zu haben, u.a. geht es um einen Arm des Heiligen, der kurz nach seinem Tod der Basilica di San Bartolomeo all’Isola in Rom übergeben worden war. Diese Reliquien kamen 1928 auf Bitten der polnischen Kirche zurück nach Gnesen. Aber es gibt auch weitere Reliquien, etwa in Aachen und in Kleve – die dortige Kirche bekam ein kleines Stückchen als Dank dafür, dass ein aus Kleve stammender Soldat im Zweiten Weltkrieg geholfen hat, die Reliquien vor den deutschen Besatzern zu verstecken.

Aber zurück zur Besichtigung. Vom Museum ging ich in die Kathedrale, wo sich sofort eine Frau auf mich stürzte, die mich ins Untergeschoss führen wollte. Ich habe sie darauf aufmerksam gemacht, dass ich erst um 10:00 ins Untergeschoss darf, und habe statt dessen die Kirche besichtigt, d.h., vor allem den Altar, zu dem ich am Vorabend nicht hingehen konnte. Auf dem Altar steht ein silberner Sarkophag, in dem sich die Reliquien befinden, und so wie er aussieht, ist zu bezweifeln, dass er je in der Höhe geschwebt hat – das bilde ich mir also nur ein. Den Sarkophag kann man auch durch Einwurf von Münzen beleuchten, mit einer wunderschönen Anleitung, die ich schon auf Facebook gezeigt habe und auch hier wieder anfüge. Ich habe auch tatsächlich zwei Złoty eingeworfen, was aber angesichts des Tageslichts eher überflüssig war.

Dann ging es weiter zur Besichtigung der Türen. Mit einer kleinen Gruppe wurde ich den Vorraum geführt und stand ganz nahe vor der Türe – wo dann allerdings genau derselbe Text ertönte, den ich schon im Museum gehört hatte. Und die Türe sah auch genauso aus wie vorher, nur der gotischen Bogen, der sie bekrönt, war neu.

Abschließend war ich im unterirdischen Teil der Kirche, d.h., in der Krypta, wo eine Reihe von Gnesener Erzbischöfen begraben ist, sowie der Hl. Gaudentius, der erste Bischof von Gnesen, übrigens genauso wie der Hl. Wojciech ein Tscheche aus dem Geschlecht der Slavnikiden, genauer gesagt ein Halbbruder von diesem. In der Krypta gibt es ansonsten noch schöne Fußböden, die in der Führung eine große Rolle spielen und Grundrisse aller Kirchen an dieser Stelle. Mehr gibt es nicht zu berichten.

Gegen 11:30 habe ich Gnesen verlassen und bin auf Autobahnen und Kleinstraßen in mein nächstes Quartier gefahren, in Kielce. Von dort aus wollte ich an den nächsten Tagen die Umgebung, konkret das Heiligkreuzgebirge und ehemals protestantische Orte besuchen.

Ein Kommentar

  1. Vielen herzlichen Dank für diesen so ausführlichen und genauen Bericht sowie das ausgezeichnete Bildmaterial. Da habe ich mir praktisch schon die wichtigsten Punkte der Führung vorab ansehen können. Gute Weiterreise!

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