29. Februar 2020, Vormittag: Wilamowice – Halcnów/Alzen – Lipnik/Kunzendorf – Czaniec

Am Morgen des 29. Februar war ich bei Familie Król zum Frühstück eingeladen, zusammen mit anderen Teilnehmer_innen des Müterśpröhtags. Dies waren vier Leute aus Warschau, von denen einer später auch bei der Podiumsdiskussion auftrat, außerdem der schon erwähnte Bohemist und einige Leute von der Warschauer Fakultät Artes Liberales, an der Tymoteusz Król studiert hat und die sich sehr für Minderheiten engagiert. Das Frühstück war vorzüglich und vielfältig, so gab es beispielsweise süßen Haferbrei mit Früchten, Omelett und Pfannkuchen (naleśniki). Und das Gespräch war weitgehend durch Tiöma dominiert, der uns viele Vorkommnisse aus der neueren Geschichte von Wilamowice erzählte, teilweise mit einem kritischen Unterton.

Mehrere Anwesende hatten auch Bücher dabei, die gerade erschienen sind, und zeigten diese den anderen. Und es ging auch ein Exemplar der ersten Übersetzung des Neuen Testaments ins Schlesische herum – das hat mich natürlich besonders interessiert. Ich bekam das Buch sogar geschenkt, weil der Besitzer mehrere Exemplare besitzt, und fing gleich an, darin zu lesen. Die dort verwendete Orthografie orientiert sich stark im Polnischen, sodass man beim ersten Hinsehen gar nicht gleich merkt, dass der Text nicht in Standardpolnisch abgefasst ist, aber tatsächlich weist er doch die wesentlichen Merkmale auf, die man in einem schlesischen Text erwartet (beispielsweise das prothetische ł, häufiges o statt a u.a.m.). Aufgefallen ist mir beispielsweise die Schreibung przijdzie (statt polnisch przyjdzie), und mich interessierte, wie wohl der zweite Konsonant lautet (ist das ein palatalisierter Sibilant oder vielleicht sogar ein ř?). Also fragte ich, ob jemand von den Anwesenden (die meisten kannte ich ja nicht) Schlesierin oder Schlesier sei. Die am Tisch Sitzenden verneinten, aber Tiöma verwies auf seine Mutter – die dann aus dem Hintergrund zu uns stieß, meine Frage beantwortete (es geht um einen palatalisierten Sibilanten) und uns gleich auch noch ihre Lebensgeschichte als Schlesierin erzählte…

Nach dem Frühstück wollte Tiöma die Gäste durch Wilamowice führen. Aber da ich eine solche Führung schon zweimal genossen habe (und natürlich auch durch ihn!), habe ich mich von der Gruppe abgesetzt und habe einen kleinen Ausflug mit dem Auto gemacht, und zwar zunächst in das Dorf Hałcnów/Alzen, das heute einen Stadtteil von Bielsko-Biała bildet. Warum genau dorthin, muss ich etwas genauer erklären.

Wie ich in meinem Blog 2017 erläutert habe, ist das Sprachgebiet des Wymysiöeryś eine Sprachinsel inmitten polnischer Dialekte, aber doch recht nahe einer anderen, größeren Sprachinsel, nämlich der sog. Bielitzer Sprachinsel (poln. Bielsko-bialska wyspa językowa). Die dortigen Sprecher sahen sich als Deutsche an und verwendet Deutsch als Schriftsprache. 1945 wurden sie zum größten Teil vertrieben. Und im Nordosten der Sprachinsel lag das Dorf Alzen, dessen Dialekt am nächsten am Wymysiöeryś war, dessen Sprecher aber keine eigene Identität entwickelten. Erst nach der Vertreibung verfasste der Schriftsteller Karl Olma (1914–2001) unter dem Pseudonym Michael Zöllner eine Reihe von Texten in diesem Dialekt, mit dem sich dann in den letzten Jahren einige polnischer Forscher beschäftigten (vor allem Marek Dolatowski). Und 2019 war das Alznerische (das auch als Päuersch bezeichnet wird) auch Thema einer Diskussion auf dem Müterśpröhtag.

Diesen Ort wollte ich unbedingt besuchen, auch wenn mir natürlich klar war, dass ich dort keine Sprecherinnen und Sprecher mehr antreffe… Aber ich wollte mir die Kirche und den Friedhof ansehen, und ein bisschen auch das Dorf. Die spätbarocke katholische Kirche stammt vom Ende des 18. Jahrhunderts und macht einen stattlichen Eindruck, den Kirchenraum konnte ich leider nicht betreten (das ist in dieser Gegend üblich). Im 17. Jahrhundert soll es hier auch Kalvinisten gegeben haben, aber die haben keine Spuren hinterlassen. – Der Friedhof ist sehr groß und wird von einer Straße durchschnitten. Dort habe ich keine Grabsteine mit deutschen Aufschriften gefunden, aber ein paar mit polnischen Aufschriften aus der Zeit vor 1945. Vermutlich wurden die deutschen Grabsteine nach dem Krieg beseitigt… Trotzdem gibt es natürlich auch Namen, deren deutsche Herkunft unverkennbar ist. Auffällig fand ich schließlich auch eine Tafel, auf der eines Priesters namens Władysław Goryl gedacht wurde (so würde ich nicht mit Nachnamen heißen wollen).

  

 

 

 

Als nächstes bin ich in das Dorf Lipnik/Kunzendorf gefahren, das Nachbardorf, das offenbar noch deutlicher deutsch war. Der Ort (der ebenso wie Alzen längst in Bielsko-Biała aufgegangen ist) war schwer zu finden, ich entdeckte ihn dann schließlich direkt an der riesigen Umgehungsstraße, die heute an Bielsko-Biała vorbeiführt. Die Kirche, die direkt hinter einer Straßenbrücke steht, ist etwas neuer, das Wichtigste an ihr ist heute, dass dort 1879 Karol Wojtyła, der Vater von Papst Johannes Paul II., getauft wurde. Daran erinnert eine Gedenktafel in der Kirche, vor der Kirche findet man auf einer Schautafel einen riesigen Stammbaum des Papstes. Seine Familie gehörten offenkundig zu den polnischen Bewohnern des Dorfs (die ungefähr ein Drittel der Bevölkerung ausmachten).

Von der Kirche bin ich zum Friedhof gelaufen, es war ziemlich kalt und windig. Unterwegs begegnete mir ein Mann, der mich gleich ansprach, sagte, dass es schon ziemlich kalt sei, und mir berichtete, er hätte gerade seine Eltern auf dem Friedhof besucht, das müsse man machen, wenn es stark weht. Auf dem Friedhof gab es wieder keine Gräber mit deutschen Grabsteinen, dafür einige Wojtyłas (Verwandtschaftsgrad unbekannt).

 

 

 

 

Wo ich schon mal in der Gegend war, wollte ich schließlich auch noch in den Ort, aus dem die Wojtyłas eigentlich stammen. Das ist das Dorf Czaniec, das nun ganz im ursprünglichen Sprachgebiet liegt, auch wenn es ursprünglich zur Pfarrei von Kęty, der Nachbarstadt von Wilamowice, gehörte. Dort habe ich aber nur die Kirche besucht, die aus dem 20. Jahrhundert stammt und vor der ein riesiges Papstdenkmal steht. Das am Parkplatz hängende Plakat, die bolschewistischen „Henker“ der Nachkriegszeit auflistet und in Juden, Polen und Ukrainer einteilt, habe ich zwar fotografiert, werde es aber nicht hier veröffentlichen.

Ein Kommentar

  1. Vielen Dank! Diese Besuche in „Altösterreich“ sind immer eine Freude, alles sieht auf den Bildern sehr vertraut aus. Bielitz und Biala waren ja neben Brünn und Reichenberg ein Zentrum der Textilindustrie der Habsburgermonarchie, manche hofften dort nach dem Ende des Ersten Weltkriegs sogar auf einen Verbleib bei Deutschösterreich… immerhin kommen Studierende aus dieser Region gerne nach Wien, die Verbundenheit besteht bis heute.

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