8. August 2011: Anlässlich des Todes von Andrzej Lepper

Eigentlich habe ich diesen Blog ja nur eingerichtet, um von meinen Reisen zu berichten. Aber bevor ich überhaupt zu meiner diesjährigen Sommerreise aufgebrochen bin, werde ich diesem Vorsatz bereits untreu… Allerdings hat das Thema, über das ich schreiben will, durchaus etwas mit meinen Reisen zu tun.

Als ich am Freitag auf der Internetseite der Gazeta Wyborcza las, dass der Vorsitzende der Partei Samoobrona und frühere Stellvertretende Ministerpräsident Andrzej Lepper Selbstmord begangen hat, bin ich erschrocken und habe das Leben dieser kontroversen Person Revue passieren lassen. Ich habe auch ein paar Artikel über ihn gelesen und bin dann über seinen Geburtsort Stowięcino gestolpert – wo der liegt, wollte ich schon früher mal nachschauen, habe es aber nicht getan. Diesmal habe ich nachgeschaut und bin erstarrt, denn die Gegend, wo Stowięcino liegt, kenne ich ganz gut, vielleicht sogar besser als viele Polen. Stowięcino liegt in Ostpommern, hieß bis 1945 Stojentin und gehört zur Großgemeinde Główczyce/Glowitz.

Genau dort war ich 2008 und 2009 unterwegs, auf der Spur der zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgestorbenen Slowinzen. Heute ist das eine gottverlassene Gegend, mit kleinen Dörfern und Einzelgehöften, wenig besiedelt und ärmlich. Nur in den Touristenorten sieht es etwas besser aus. Glowitz war im 19. Jahrhundert ein blühender großer Ort, das Zentrum der Kaschuben südlich des Leba-Sees (die teilweise unter dem Namen Kabatken bekannt waren) und bekannt als das „kaschubische Jerusalem“. 1886 wurde dort der Gottesdienst in kaschubischer Sprache eingestellt, die kaschubische Minderheit assimilierte sich in den folgenden Jahren schnell. Heute ist ein verschlafener Ort daraus geworden, immer noch mit einer imposanten neugotischen Kirche, um die herum die Reste eines Friedhofs erkennbar sind, der offenbar nach 1945 beseitigt wurde. 2008 habe ich im Ort sonst nichts Bemerkenswertes finden können, 2009 immerhin ein Restaurant, in dem ich gut zu Mittag gegessen habe. Aber als die Besitzerin mir dann ihre Visitenkarte überreichte und mich bat, das Restaurant Bekannten zu empfehlen, war ich doch ratlos. Ich habe schlicht keine Bekannten, die manchmal nach Główczyce kommen…

Und aus dieser Gegend – Stowięcino liegt 10 km südöstlich von Główczyce – stammt Andrzej Lepper! Sofort habe ich mir die Frage gestellt, was das nun für die nationale Zuordnung seiner Familie bedeutet. Er selbst ist 1954 geboren und sicher als Pole erzogen worden. Aber wie sah das mit seinen Eltern aus? Im Prinzip gibt es zwei Möglichkeiten: Die wahrscheinlichere ist die, dass sie aus den polnischen Ostgebieten stammten und nach 1945 hier angesiedelt wurden, speziell in dieser Gegend kamen viele Neusiedler aus dem Umland von Wilna. Die zweite Möglichkeit wäre, dass es sich um „Autochthone“ handelte, die nach dem Krieg bleiben durften, weil sie sich zu ihrer slavischen Abstammung bekannten. Solche Fälle sind relativ selten, aber mit etwas Glück kann man sie kennenlernen.

Als nächstes habe ich mich im Internet auf die Suche nach Angaben über Leppers Eltern gemacht. Bemerkenswerterweise erfährt man über sie nirgends etwas, sie kommen in keinem Lebenslauf vor. Verbirgt sich hier vielleicht wirklich etwas Ungewöhnliches oder war ihm, der sich als Underdog und Selfmademan stilisierte, die Herkunft nicht wichtig? Die engere Familie war jedenfalls nicht tabu, über  die chronische Krankheit seines Sohnes oder die Hochzeit seiner jüngsten Tochter im August 2010 berichtete jedenfalls die polnische Boulevardpresse.

Am liebsten hätte ich meinen Beitrag unter die Überschrift „War Andrzej Lepper Slowinze?“ gestellt. Leider fehlen mir dafür die Argumente und ich muss auf interessante Parallelen, etwa zu Donald Tusk, der ja aus einer kaschubischen Familie stammen soll, oder gar zu Lech Wałęsa, der ebenfalls aus der Kaschubei kommt, verzichten. Aber man kann vielleicht trotzdem festhalten, dass Lepper mit hoher Wahrscheinlichkeit aus einer entwurzelten Familie stammt, für die das Bekenntnis zum Polentum eine besondere Rolle spielte.

PS: Zuletzt habe ich doch noch einen Text gefunden, die sich mit Leppers Abstammung beschäftigt. Er wurde in der satirischen Wochenzeitung Nie veröffentlicht, unter dem Titel „Lepper udaje chłopa“ (Lepper spielt einen Bauern). Hier wird ein fiktiver Stammtbaum konstruiert, der die Familie auf Brandenburgischen Adel zurückführt, bis ins 13. Jahrhundert. Das Thema scheint also auch noch andere Menschen als mich beschäftigt zu haben…

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