8. August 2021: Beginn der diesjährigen Sommerreise, von Tübingen bis Česká Lípa

Gestern habe ich tatsächlich geschafft, Tübingen zu verlassen und in den Sommerurlaub aufzubrechen. So ganz sicher war das nicht, weil ich mir mit der Planung ziemlich schwer getan habe. Ich kann mich nicht richtig entscheiden, wohin ich fahre und welche Route ich dann wähle. Und natürlich ist auch alles technisch schwieriger als in anderen Jahren.

Zumindest die Richtung steht jetzt aber fest. Es geht in den Norden von Ostmitteleuropa (sprich Polen und ein bisschen Tschechien) und nicht in den Süden (sprich Ungarn und Slowakei). Gestern bin ich bis Česká Lípa / Böhmisch Leipa gefahren, morgen geht es von hier nach Niederschlesien weiter und dann irgendwie in den Osten.

Was die technischen Fragen angeht, so bin ich zweimal geimpft und kann daher einigermaßen frei reisen, ohne in Quarantäne gehen zu müssen. Die entsprechenden Bescheinigungen habe ich auch dabei, auf Papier und auf dem Handy. Aber mir ist auch klar geworden, dass mein übliches Verfahren, immer spontan vor Ort nach einem Hotel zu suchen, in diesem Jahr doch nicht so sinnvoll ist. So habe ich mich am Freitag entschieden, das erste Hotel über Booking.com zu buchen, und das trotz der vielen Vorbehalte, die ich gegen diese Firma habe. Wie ich im Weiteren berichten werde, hat der weitere Verlauf der Ereignisse diese Vorbehalte eher bestätigt, ich werde aber trotzdem weiter so verfahren. – Erst in letzter Minute ist mir auch noch eingefallen, dass man sich vor der Einreise in die Tschechische Republik elektronisch registrieren muss. Damit habe ich dann vorgestern viel Zeit verbracht, weil die Registrieriung einfach nicht klappen wollte, jedenfalls nicht mit meiner Passnummer. Mit der Nummer des Personalausweises ging es dann aber reibungslos, und so konnte ich die entsprechende Bescheinigung ausdrucken und mit auf die Reise nehmen. Dass bisher niemand die Bescheinigung sehen wollte, hat mich freilich nicht besonders überrascht.

Gestern morgen um 9 Uhr bin ich wirklich losgefahren. Die Fahrt verlief gut, es war zwar etwas mehr Verkehr, aber keine Staus. Unterwegs sah ich dann, als ich an einer Raststätte einen Kaffee trank, dass ich ein E-Mail von Booking.com bekommen hatte, in dem ein gewisser Alfred mich aufforderte, einzuchecken. Das habe ich erstmal ignoriert, weil ich hoffte, Alfred vor Ort persönlich kennenzulernen.

Gegen 13 Uhr war ich an der Grenze, wo es keinerlei Kontrollen gab. Ich musste mir nur eine neue Autobahnvignette kaufen, das ging aber auch recht schnell. Gewöhnungsbedürftig ist nur, dass es jetzt auch in Tschechien eine elektronische Vignette gibt, d.h. man klebt gar nichts mehr an die Windschutzscheibe, sondern hat nur eine Quittung. Angeblich werden die Kennzeichen irgendwie „gescannt“ und mit der Datenbank abgeglichen. Ich will hoffen, dass das wirklich funktioniert, insbesondere bei meinem Kennzeichen. Denn der Herr an der Kasse war von der Buchstabenfolge TÜ überfordert und fragte, ob er TU eingeben darf. Was ich ihm schlecht versagen konnte.

In Tschechien bin ich zügig weitergefahren, erst um Prag herum war dann mehr Verkehr. Und ich habe endlich mal wieder eine tschechische Rundfunksendung gehört, über Tschechen im Ausland. Da ging es um ein Ehepaar, das nach Bali ausgewandert ist und dort eine Pension betreibt, und zwar nur für Tschechen und Slowaken (das haben sie damit begründet, dass sie so schlecht Englisch können). Und um eine tschechoslowakische Gaststätte in den Bergen von Zypern, die eine Slowakin mit ihrem zypriotischen Ehemann betreibt. Den hat sie in Prag kennengelernt, wo er studierte, deshalb redet sie mit ihm Slowakisch und er mit ihr Tschechisch. Da sollte man fast mal hinfahren und das neugriechische Super- und Substrat studieren…

Um 17:30 war ich dann in Česká Lípa und habe auch schnell das Hotel gefunden, das in einer Sackgasse liegt, sehr schön ruhig und sozusagen am Ende der Welt. Das einzige Problem bestand darin, dass niemand da war. Die Rezeption war geschlossen, das Restaurant war zu (am Sonntagabend in Tschechien nichts besonders Überraschendes), und eine Dame, die im selben Hotel untergebracht war, meinte, der Zimmerschlüssel sei einem kleinen Safe, zu dem ich sicher den Zugangscode bekommen hätte. Also erinnerte ich mich an Alfred, rief das E-Mail erneut auf und stellte fest, dass ich mich bei einer Webseite namens alfred.cz anmelden sollte. Das habe ich getan, bekam dann auch mehrere E-Mails, die mir dankten und mir die Nummer meiner Registrierung mitteilten, nur leider ohne Zugangscode.

Restaurant (und Hotel) Stará Lípa

Dann habe ich erstmal gewartet und mich mit verschiedenen Gästen unterhalten, dann habe ich alle Telefonnummern angerufen, die an der Türe standen, ohne Erfolg. Nach einer Stunde kam ein Gast, der sich länger mit mir unterhielt und auch von dem Safe redete, er war, wie sich dann herausstellte, der Gatte der Dame, die mir auch schon davon erzählt hatte. Er kannte den Zugangscode und meinte, ich sollte mir den Schlüssel einfach nehmen. Das erschien mir etwas gewagt, also habe ich das erst nicht gemacht, sondern habe wieder versucht, Telefonnummern anzurufen, habe die Seite von Booking.com aufgerufen und mich weiteren Gästen unterhalten, darunter auch einigen Deutschen.

Nach einer weiteren halben Stunde habe ich den Safe doch geöffnet – und fand in ihm gleich vier Zimmerschlüssel vor. Ermutigt von anderen, die gerade vorbeikamen (es herrschte wirklich einiger Betrieb), habe ich dann alle Zimmer geöffnet und in ihnen nach Hinweisen gesucht, ob sie schon belegt sind oder vielleicht für mich reserviert. Aber drei der vier Zimmer sahen völlig gleich aus, das vierte war etwas kleiner.

Eine weitere Dame hat mir dann erzählt, die Zimmernummer stehe auf der Buchungsreservierung, und zeigte mir ihre. Das war ein Dokument, das mir noch nicht untergekommen war, also habe ich mich wieder bei Booking.com eingeloggt und gesucht, wie man an die Reservierung kommt. Und sieh da, es gab sie, und ich konnte sogar zwischen einer deutschen und einer tschechischen Version wählen. Dort stand dann allerdings unter „Zimmer“ eine Eins, unter „Nächte“ eine Zwei, was man ja am ehesten so interpretiert, dass es um ein Zimmer geht. Ein netter deutscher Gast empfahl die Lesart, dass es um Zimmer 1 gehe. Der Schlüssel zu diesem Zimmer war auch im Kasten, aber vor der Realisierung bin ich zurückgeschreckt.

Ja, und dann sah ich, dass mich jemand zurückgerufen hatte. Ich rief dort an, es war der Besitzer des Hotels, dem alles sehr peinlich war und der schnell nachschaute – für mich war tatsächlich Zimmer 1 reserviert. Nach einem kleinen Zwischenspiel (der Schlüsselkasten war nach dem häufigen Öffnen und Schließen verklemmt und ließ sich zunächst nicht aufmachen) war ich dann wirklich in meinem Zimmer, das sehr schön ist und nach hinten hinaus (d.h. statt Autos hört man Hühner!).

Ich bin dann noch in die Innenstadt gefahren und habe zu Abend gegessen, am Nebentisch saßen zwei deutsche Ehepaare aus dem Hotel… Auf den eigentlichen geplanten Abendspaziergang habe ich aber verzichtet, weil es anfing zu regnen. Das wird dann heute nachgeholt.

Marktplatz von Česká Lípa

Noch einmal zurück zu Booking.com und Alfred: Wenn man sich auf solche Firmen einlässt, muss man wohl auch mit deren Verfahren leben. Und ich bin ja auch lernfähig und mutig, deshalb habe ich das nächste Hotel (ab morgen und irgendwo in Niederschlesien) auch so gebucht.

 

 

3 Kommentare

  1. Lieber Tilman, das war doch mal gleich ein spannender Einstieg. Nicht auszudenken, wen Du aller in den Zimmern hättest vorfinden können. Bei uns verlief der Tag auch sehr abenteuerlich, dazu aber brieflich mehr. Herzliche Grüße und einen schönen Aufenthalt!

  2. Ja, das mit den Adhoc-Mails von booking ist wohl üblich geworden und von vermietungsseitigen Interessen getrieben. Niemand vor Ort, der Gast ist sein eigener Pförtner. Ich werde über die kapitalismusbedingten Zusammenhänge dazu morgen im Karl-Marx-Haus in Trier nachdenken, für heute herzliche Grüße von der „Johann Strauss“ moselaufwärts.

    1. Interessant, woran die Menschen denken, wenn sie das lesen. Du denkst an den Kapitalismus, ich dachte eher an Künstliche Intelligenz. Wobei für die Kapitalismusthese spricht, dass ich Ähnliches (nämlich Pensionen, wo niemand vor Ort ist) in Tschechien schon vor 15 Jahren erlebt habe…

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