11. August 2015: Krosno und Umgebung

Gestern morgen bin ich nach dem Frühstück in das Dorf Haczów gefahren, wo die größte gotische Holzkirche überhaupt steht, das mich aber auch deshalb interessiert, weil es ursprünglich als deutsche

Die Holzkirche von Haczów

Siedlung gegründet wurde. Es soll 1388 von deutschen Kolonisten nach Magdeburger Recht unter dem Namen Hanshoff angelegt worden sein, die Belege für deutsche Bewohner enden dann am Anfang des 17. Jahrhunderts, in Kirchenbüchern. Wenn ich mich mal seriös mit der Thematik beschäftigen möchte, muss ich natürlich an die Urkunden und die Kirchenbücher gehen und auch die nicht ganz vernachlässigbare wissenschaftliche Literatur sichten. Die Frage ist aber, was man bei einem solchen kurzen Besuch überhaupt tun kann – und dazu hatte ich durchaus eine Idee. Ich wollte nämlich die Aufsicht in der Holzkirche dazu befragen, was ihr über die Vergangenheit des Dorfs bekannt ist, und dann vielleicht auch etwas über die örtlichen Traditionen erfahren.

In Haczów angekommen, musste ich bald feststellen, dass diese Absicht nicht in die Tat umzusetzen war. Das Dorf war nämlich menschenleer und die alte Kirche (vor der man in den dreißiger Jahren

Inneres der Holzkirche

des 20. Jahrhunderts eine neue gebaut hat) ebenfalls. D.h. man konnte in die Kirche hineingehen, fand dort auch einen Tisch mit Broschüren und Eintrittskarten vor – aber nirgends eine Menschenseele. Am Eingang stand, man dürfe nur ohne Blitz fotografieren, weiter drinnen stand, man dürfe überhaupt nicht fotografieren, aber da ja keine Zeugen da waren, habe ich eben doch ein bisschen fotografiert. Die Kirche ist absolut beeindruckend, nicht nur durch ihre Größe, sondern auch die Ausstattung. Man hat nämlich in den fünfziger Jahren auch Bemalung entdeckt (die inzwischen übertüncht worden war), diese stammt aus dem späten 14. oder 15. Jahrhundert. Und auch sonst ist die Kirche schön eingerichtet, mit barocken Elementen u.a.m.

Während ich die Kirche besichtigte, kamen auch andere Besucher vorbei, aber immer noch keine Aufsicht. So habe ich statt lebender Informant/innen die Schilder am Eingang studiert, die auch sehr aussagekräftig waren. Dass in der Stadt irgendwann mal Deutschen gewesen sein könnten, kam

Bemalung (Hl. Christophorus)

natürlich nicht vor (die Schilder sind auch schon etwas älter), aber ich habe zumindest erfahren, dass es eine Legende gibt, nach der die Kirche von der Hl. Jadwiga gestiftet wurde. Die kam nämlich mal in der Nähe des Ortes mit ihrem Wagen vom Weg ab und hat den Dorfbewohnern, die sie aus dem Sumpf zogen, dann einen Wald geschenkt, aus dessen Erlös die Kirche gebaut wurde. Und Kasimir der Große habe später der Familie Ekiert ein Privileg erteilt, die sich lange Zeit um die Kirche gekümmert habe. So ist von der ganzen Oral History nur die Familie

Denkmal zur Erinnerung
an Marcin Tomaka

Ekiert übergeblieben, die es vermutlich auch noch gibt. Denn nachmittags habe ich im Museum von Krosno Bilder des Malers Jan Ekiert (1907-1993), der aus Kombornia stammte. Das liegt ganz in der Nähe und soll ursprünglich Kaltborn geheißen haben.

Ich habe noch einen kurzen Blick in die neue Kirche geworfen, deren Erbauer, der örtliche Priester Marcin Tomaka, übrigens 1942 in Dachau ums Leben gekommen ist. Dort waren Bauarbeiter tätig,
die ich dann doch nicht angesprochen habe. Ich fuhr statt dessen nach Krosno zurück und habe die Stadt genauer besichtigt.

Wie schon gestern erwähnt, liegt auch hier die Altstadt auf einem Hügel, mit einem großen Platz in der Mitte und mit einigen interessanten Kirchen. Die älteste Kirche ist die Pfarrkirche, in der die gotischen Elemente noch gut sichtbar sind, dann folgt die Franziskanerkirche mit einigen interessanten Grabkapellen und schließlich die erst im 18. Jahrhundert errichtete Kapuzinerkirche. Überall wurde auch gegrabenn und es sind Fundamente

Gedenktafeln an der Kapuzinerkirche
Inneres der Stadtkirche

älterer Bauten oder Fundstücke zu sehen. Am beeindruckendsten ist die Grabkapelle der Familie Oświęcim, die ein Bruder für seine früh verstorbene Schwester errichtet hat (und in der auch selbst begraben ist).

Nach einem Mittagessen am Markt (Placky po Węgiersku, also Kartoffelpuffer auf ungarische Art) war ich dann im Muzeum Podkarpackie, das in verschiedener Hinsicht ein großes Erlebnis war. Zunächst auch dadurch, dass ich hier wieder der einzige Besucher war. Ein junger Mann wurde abgestellt, um mich von Ausstellung zu Ausstellung zu geleiten. Glücklicherweise hat er mich nicht geführt, sondern ich durfte die Texte lesen, er redete nämlich sehr schnell und ich habe ihn öfter nicht verstanden. Schon an der Kasse war ich gefragt worden, ob ich alle Ausstellungen besichtigen will, und ich hatte das todesmutig bejaht. Dabei war mir schon klar,

Altarbild in der Kapelle
der Familie Oświęcim

dass es einige sein würden, aber die Vielzahl hat mich dann doch überrascht – mir war bislang nicht klar gewesen, was für eine bedeutende Stadt Krosno war oder gewesen zu sein glaubt… Das Goldene Zeitalter von Krosno war offenbar das 16. Jahrhundert, in dieser Zeit residierte zeitweise auch der Bischof von Przemysł in der Stadt. Das Museum ist deshalb auch im ehemaligen Bischofspalast untergebracht.

Der Rundgang begann mit drei großen Räumen zur Geschichte von Krosno, ab der Frühzeit, wo der Hügel auch schon besiedelt war, übers Mittelalter und die Frühe Neuzeit bis heute. Über das Mittelalter weiß man sehr viel, u.a. durch Grabungen auf dem Hauptplatz, in dessen Mitte nämlich bis Ende des 19. Jahrhunderts das Rathaus stand. Es wurde nach einem Brand abgerissen, aber die Fundamente sind noch da und man hat dort viel gefunden. Die Rolle deutscher Siedler kam nicht vor, sie wurden nur einmal kurz erwähnt. Und die ausgestellten Urkunden waren natürlich alle auf Latein. Vermisst habe ich die Satzung der Metzgerzunft von Krosno aus dem Jahr 1403, die wird nämlich öfter erwähnt und auch im Museum – aber ausgestellt ist sie nicht. Wer weiß, vielleicht ist sie ja auf Kirchenslavisch oder in einer Sprache, die nicht ins Konzept passt.

Nach den Ausstellungen zur Geschichte folgte weitere. Eine mit Malern aus Krosno und Umgebung, die eher das Übliche bot. Ich muss gestehen, dass mich vor allem die Familiennamen der Maler interessierten, so habe ich mich z.B. gefragt, wie man zu dem Namen Seweryn Bieszczad kommt (die Bieszczady sind ein Teil der Beskiden). Dann folgte, nun schon viel interessanter, eine Ausstellung über die Geschichte der Beleuchtung. Ignacy Łukasiewicz, der Erfinder der Petroleumlampe, stammte nämlich aus Krosno, auch wenn er dort nur kurz gewohnt hat. Und das ist nun Anlass für eine große und lehrreiche Ausstellung über Beleuchtungen, von der Kerze bis zur Elektrolampe. Und man sieht vor allem riesige Mengen von Petroleumlampen aus aller Herren Länder. Dann gab es noch eine Ausstellung über huzulische Pferde und eine über die Glasproduktion, da bin ich nur noch schnell durchgegangen (es gibt übrigens auch ein getrenntes „Glass Heritage Centre“, das ich mir gespart habe). Das abschließende Highlight war eine Gastausstellung des Museums von Miskolc in Ungarn (polnisch Miszkolc) über die Geheimnisse des Lebens in der Bronzezeit in Nordostungarn. Die Funde waren ganz nett, aber nicht unbedingt so, dass man wegen ihnen unbedingt nach Krosno kommen müsste, absolut phänomenal war aber die Beschriftung der Ausstellung, parallel auf Polnisch und Ungarisch. Die Globalisierung ist also in Krosno noch nicht ganz angekommen. Und irgendwie wäre ich gerne dabei, wenn mal deutsche oder amerikanische Tourist/innen hier her verschlagen werden…

Damit war mein Tagesprogramm zu Ende. Ich habe noch etwas gearbeitet und war abends in einer sehr guten Pizzeria, wo man freilich das Essen kaum sah, denn die Beleuchtung bestand aus einem Teelicht pro Tisch. Aber das hat dem Genuss keinen Abbruch getan.


Ein Kommentar

  1. Lieber Tilman, auch für diesen Bericht vielen herzlichen Dank. Während des Ausstellungsbesuchs ließ mich immer noch nicht der Name Ropa ruhen. Ich habe mir auf YouTube dazu auch ein Video angesehen: "To co pozostało z przemysłu naftowego w Krośnie, kilka smutnych trzeszczących kiwonów…". Dass der Erfinder der Petroleumlampe Ignacy Łukasiewicz von Krosno stammt, ist natürlich kein Zufall. Warum sollte also der Fluss "Ropa" dort zufällig keltischen Ursprungs sein? Endlich habe ich im "Otwarty Przewodnik Krajoznawczy" sogar folgenden interessanten Artikel gefunden:
    "Gorlice. Dzieje ropy nad rzeką Ropą (autor: Anna Ochremiak): Plamy na ziemi były tu zawsze. Czasem rozrastały kształt śmierdzących małych sadzawek. Ludzie szukali w nich właściwości leczniczych, zauważyli, że czarny płyn konserwuje drewniane konstrukcje. Gęsta maź doskonale nadawała się do smarowania piast w kołach wozów. W oleju skalnym było coś…" Der Artikel ist wirklich lehrreich und auch Ignacy Łukasiewicz kommt wieder vor. Außerdem fiel mir auf, dass Du ja nicht nur nach Medzilaborce nicht mehr weit hast, sondern auch nach Solina und dem Jezioro Solińskie.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.