11. August: Vom Vyšehrad bis nach Zipser Neudorf

Gestern morgen war das Wetter deutlich besser, insbesondere hat es nicht geregnet, und ich habe mich entschlossen, den über Nitrianske Pravno liegenden Vyšehrad zu besteigen. Der liegt zwar nur 830 über dem Meer, aber hoch genug über der Ebene, um einen guten Blick zu bieten. Und er ist auch historisch interessant, weil dort lange eine Burg stand, wohl schon in vorchristlicher Zeit, dann in der großmährischen Epoche und zuletzt im 15. Jahrhundert.
Ich fuhr also mit dem Auto zum Vyšehrader Sattel (Vyšehradské sedlo), von dem aus man am besten
Demonstrationsaufruf am Straßenrand

hinaufsteigt. Dort wird mit einem großen Plakat für

Heuballen am Wegesrand

Demonstrationen in Bratislava geworben, für welche Zielgruppe? Der Weg war dann zwar voller Pfützen, aber gut zu begehen, und schon bald war ich am Fuß des Bergs, wo ein kleiner Bauernhof steht. Apart fand ich die Abdeckung der Heuballen, es gab auch

Blick auf den Vyšehrad

Pferde und etwas weiter weg Schafe, nur keine Menschen. Erst als ich schon im Gehen war, fuhr ein Auto vor, dem ein einzelner Mann entstieg.

Der Aufstieg war nur kurze Zeit steil, dann war ich auf der Hochfläche, die mit Gras bewachsen ist, an den Rändern stehen Bäume. Sie ist recht groß und für eine Burg geeignet, Felsen gibt es erst ganz am Ende, da wo man in die Tiefebene hinunterschaut. Hier steht auch ein Kreuz von 1998. Alles war sehr eindrucksvoll,

Hochebene

das Einzige, was ich nicht gesehen habe, sind Ruinen. Auch die Hinweistafeln halfen da nicht viel weiter. Sie informieren über Flora und Fauna und erwähnen die Grabungen, aber wo man etwas anschauen kann, steht nicht da. Ich will nicht so weit gehen, die grandiose Vergangenheit des Berg anzuzweifeln, aber wahrscheinlich kann man sich über sie nur in wissenschaftlicher Literatur bilden. Zu diesem Eindruck passt auch, dass der Berg menschenleer war. Beim Abstieg ist mir dann ein zweiter Mann begegnet, aber auch der ziemlich weit unten.

Blick ins Tal
Nachdem ich wieder abgestiegen war (ohne auszurutschen), fuhr ich weiter in den östlichen Teil des Hauerlands, zunächst nach Handlová/Krickerhau. Das ist heute die größte der ehemals deutschen Städte, eine Industriestadt mit wenigen Sehenswürdigkeiten. Am interessantesten fand ich noch den Hare-Krishna-Anhänger, der vor einem Asia-Imbiss die Leute
Hare Krishna in Handlová

ansprach. Ich selbst habe aber schnell die Straßenseite gewechselt.

In Handlová hatte ich kein Restaurant gesehen, das mich gelockt hätte, so fuhr ich weiter und fand dann an der Straße die Gaststätte Dérerov Mlýn, die damit wirbt, dass sie Portionen wie für Bergleute anbietet. Die Portion war wirklich groß, ob sie einem Bergmann genügt hätte, sei dahingestellt. Und das Essen war gut, das Restaurant trotzdem fast leer. Auf dem Parkplatz
Dérerov Mlýn

habe ich das erste ausländische Auto seit langem gesehen, mit Schweizer Kennzeichen. Aber angesichts der Gäste nehme ich fast an, dass es einem in der Schweiz lebenden Slowaken gehört.

Weiter ging es nach Norden, in Richtung Kremnica. Diese schöne alte Stadt mit ehemaliger Münze habe ich schon zweimal besucht und war unsicher, ob ich hineinfahren soll, aber die Entscheidung blieb mir angesichts grotesker Umleitungen durch Randgebiete Vítajte auch Willkommen…
Ortseingang von Sklené / Glaserhau

der Stadt und bewaldetes Gebirge erspart. Ich fuhr dann doch direkt zum nächsten Ziel, hinauf ins Gebirge nach Glaserhau / Sklené, einem bis 1944 überwiegend deutsch besiedelten Ort, wo am 21. September 1944 ein Massaker an Karpatendeutschen stattgefunden hat. Davon hatte ich zufällig im Internet gelesen, die Tatsache scheint wenig bekannt zu sein, obwohl es 187 Tote gab. Aber man hat immerhin vor ein paar Jahren an der Hinrichtungsstelle am Waldrand ein

Denkmal in Glaserhau

Denkmal aufgestellt. Außer dem Friedhof und der Kirche gibt es sonst kaum noch Spuren der früheren Bevölkerung, nur am Ortseingang steht neben

Die letzte Station im Hauerland sollte Kunešov/Kuneschhau sein, ein Ort, wo die Deutschen noch 18% der Bevölkerung ausmachen (von ca. 240 Bewohnern). Das liegt wohl daran, dass dort auch Deutsche im Widerstand gegen den Slowakischen Staat waren, diese wurden dann nach dem Krieg nicht vertrieben. – Auch dieser Ort liegt im Gebirge, gar nicht so weit von Sklené, aber man muss erst wieder ein Stück herunterfahren und dann wieder hinaus. In Kuneschhau ist das Deutsche auch tatsächlich sichtbarer, es gibt sogar ein zweisprachiges Ortsschild. Ansonsten waren kaum Leute auf der Straße, sodass ich weder lauschen noch jemand ansprechen konnte. Wie üblich fuhr ich dann zur Kirche und traf dort auf ein Begräbnis, das gerade im Gange war. Als ich kam,
Ortseingang von Kuneschhau

traten schwarzgekleidete Männer mit großen dunklen Kirchenfahnen aus der Kirche, darauf folgte der weißgekleidete Priester und eine riesige Trauergemeinde. In dieser Situation war ich nicht in der Lage, auf den Friedhof zu gehen, ich blieb auf der Straße stehen und beobachtete alles aus der Ferne, habe auch nicht fotografiert. Ich habe zwar schon mal scherzhaft die Entstehung einer Friedhofslinguistik gefordert (als weitere Bindestrich-Linguistik) und betreibe die ja eigentlich schon seit Jahren. Aber doch nur an Grabsteinen und Inschriften, nicht bei Begräbnissen – das wäre pietätlos. Das Begräbnis verlief übrigens ganz auf Slowakisch, was auch nicht weiter verwundert, nur unter den Trauergästen war mit Sicherheit einige, die noch das Kriegsende miterlebt haben, entweder als deutsche Einwohner oder als später hinzugekommenen Slowaken.

Restaurantwerbung in Zipser Neudorf

Von Kuneschhau bin ich dann mit Auto ein großes Stück nach Osten gefahren. Es hat zwar nicht ganz in die Unterzips gereicht, wo ich eigentlich hinfahren wollte (und heute hinfahre), aber zumindest bin ich bis Zipser Neudorf gekommen, das auf Slowakisch Spišská Nová Ves heißt und auf Ungarisch Igló. Dieser Name hat mich schon immer fasziniert, vor allem weil er klar slavisch ist (angeblich zu *Iglovъ, igla ‘Nadel’), jetzt habe ich hier zum ersten Mal übernachtet. Im Hotel gibt es übrigens jede Menge Ausländer/innen, allerdings sind es alles Tschech/innen… Interessant hier die Namen der Restaurants. Ich bin lieber nicht in die Pizzeria Hladomorňa gegangen (das heißt nämlich ‘Hungerturm’), sondern lieber ins Restaurant Zbrojnoš (das ist wenigstens nur ein ‘Waffenträger’).

4 Kommentare

  1. Vielen Dank für den Aufstieg auf den Vyšehrad. Da habe ich mich natürlich gleich in der wissenschaftlichen Literatur gebildet: Der Grund, warum man von der Burg heute nichts mehr sieht, ist wohl der, dass sie schon 1277 als nicht mehr existent erwähnt wurde und eine Burg aus Holz war. Die Glanzzeit liegt in der Bronzezeit als wichtige Siedlung der Lausitzer Kultur (1 200 – 700 v. Chr.) und in der Eisenzeit, vor allem der Latènezeit, als hier ein Stützpunkt der kelto-dakischen Bevölkerung war. Aus diesen beiden Epochen gibt es auch viele archäologische Fundstücke, aber eben Nadeln, Ringe und Keramikreste. Von der Burg ist nichts mehr zu sehen, dafür gibt es dort angeblich seltene Insektenarten.

  2. Möglicherweise war die Burg gar nicht von so großer Bedeutung, wie bislang immer behauptet wurde. Den Artikel "Vyšehrad – centrálne hradisko?" von Jozef Šebest (http://scriptorius.sk/sk/blog/2014/03/08/vysehrad-centralne-hradisko) hast Du wohl ohnehin gelesen. Was die Bratríci angeht, so steht in der slowakischen Wikipedia dazu: "V 15. storočí sa časť bratríkov, prenasledovaných kráľovskými vojskami, uchýlila aj na Vyšehrade." Das passt eigentlich sehr gut zu dem Bericht von Jozef Šebest, dass sich der Ort eher als "refúgium (útočište)" denn als Burg eignet.

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