11. August 2018: Zurück nach Orava

Der Herr von der Autowerkstatt, mit dem ich mich am Vorabend verabredet hatte, meldete sich bereits kurz vor 8 Uhr. Er packte uns in sein Auto und fuhr uns zu der Weihnachtskrippe, wo ein Angestellter und er das Reserverad einsetzten – dann musste ich ihm schnell folgen und wir fuhren zur Werkstatt. Die große Eile rührte daher, dass wir Rájecká Lesná dringend bis 8:30 verlassen mussten, denn zu diesem Zeitpunkt wurde der ganze Ort wegen eines Marathonlaufs für mehrere Stunden abgesperrt. Irgendwie finde ich es faszinierend, wie ich immer wieder in solche Situationen hineinschlittere, die man sich nicht ausdenken könnte.

Während wir auf die Reparatur warteten, gesellte sich noch ein jüngerer Mann zu uns, den der Herr von der Autowerkstatt offenbar kannte. Er erkundigte sich, was passiert ist, und ich berichtete von der Reifenpanne, ergänzt um den Hinweis, dass die Panne nichts mit der Weihnachtskrippe zu tun hatte. Dann fragte er, ob wir die Krippe denn besichtigt hätten, und ich sagte, dass ich zwar drinnen war, mir der Kopf aber nicht nach solchen Dingen stand. Dann stellte sich heraus, dass es sich bei meinem Gesprächspartner um den örtlichen Pfarrer handelte… Das Thema wechselte dann schnell, weil er auch aus der Region Orava stammt, und Marián unterhielt sich mit ihm über das Dorf, aus dem er stammt. Aber den Besitzer der Autowerkstatt scheine ich sehr beeindruckt zu haben, denn er meinte später amüsiert, ich hätte zum Pfarrer gesagt, ich interessierte mich nicht für Weihnachtskrippen (že betlémy nemusíte) – ganz so harsch hatte ich es allerdings nicht formuliert.

Die Autowerkstatt war nicht in Rájec, wie ich vermutet hatte, sondern noch etwas weiter weg, in Rajecké Teplice, einem kleinen Kurort mit langer Tradition. Man sagte mir, die Reparatur werde zwei oder drei Stunden dauern, so machten Marián und ich uns auf, den Ort zu besichtigen. Glücklicherweise ging die Reparatur aber viel schneller (etwa eine Stunde), das war gut, denn in Rajecké Teplice gibt es nichts zu sehen außer einem riesigen Hotel namens Aphrodite, das man zum Glück nicht besichtigen kann. Eine Tafel erinnert daran, dass dort Ende der dreißiger Jahren die böhmischen Kronjuwelen in einem Tresor versteckt waren – mit dieser Geschichte sollte man sich direkt mal näher beschäftigen.

Als das Auto fertig war, fuhren wir zügig von Rajecké Teplice nach Tvrdošín zurück und bekamen ein Mittagessen serviert. Und dann drängte Marián trotz strömenden Regens auf einen weiteren Ausflug, zu einer Rundfahrt auf dem Orava-Stausee. Dort war ich vor vielen Jahren schon einmal und fand das ganz beeindruckend, auch den Besuch auf einer der beiden Inseln des Stausees, dem Überrest eines der fünf Dörfer, die in der Flut untergegangen sind.

Der Regen hörte dazwischen auf und fing wieder an, was dann dazu führte, dass wir das Auto trocken verließen und an der Schiffsablegestelle völlig durchnässt ankamen. Aber wenigstens war es nicht kalt, und so haben wir untergestellt ausgehalten, bis das Schiff kam.

Die Fahrt dauerte anderthalb Stunden und führte vor allem zu der schon erwähnten Insel. Dort sind nur noch die Kirche, Reste des Friedhofs und ein (unvollständiger) Kreuzweg erhalten. In der Kirche wird slovakische sakrale Kunst ausgestellt (die mir diesmal ganz gut gefallen hat, ich hatte anderes in Erinnerung), vor der Kirche steht ein Denkmal des Priesters und Sprachreformers Anton Bernolák (1762–1813), der aus Slanica stammte. Er ist inzwischen auch kanonisiert, obwohl sich die von ihm propagierte Schriftsprache gar nicht durchgesetzt hat…

Die lange Fahrt gab auch Gelegenheit, die Sprache der Mitreisenden zu beobachten. Außer uns war eine 20köpfige Reisegruppe an Bord, deren Leiter sich mit Frau und Sohn an den Tisch nehmen uns setzte und dort fröhlich und laut auf Slovakisch sprach. Am anderen Nachbartisch sprach man Tschechisch, und erst nach längerem Lauschen merkte ich, dass es um drei Tschech_innen und eine Slovakin ging. Auch an anderen Tischen saßen wohl Tschech_innen, denn mittendrin fing der Reiseleiter an, Tschechisch zu sprechen, wenn auch nur für kurze Zeit. Insgesamt ein schönes Beispiel für die tschechisch-slovakische sprachliche Symbiose, die immer noch nur wenig erforscht ist. An diesem Tag sollte ich aber noch deutlich mehr erleben, dazu gleich mehr!

Nachdem das Schiff wieder angelegt hatte, sind wir noch einmal in das Thermalbad in Oravice gefahren, das man übrigens bei (fast) jedem Wetter besuchen kann, weil man dort jedenfalls nicht frieren muss. Und dort habe ich nun folgendes interessante Erlebnis gehabt.

Dort, wo ich mich an den Beckenrand lehnte, stand auch eine Gruppe von drei Ehepaaren, zwei (im Folgenden W1 und M1 und W2 und M2 genannt) ebenfalls an den Rand des Thermalbeckens gelehnt, ein drittes (W3 und M3) im Becken stehend. Und der dritte Mann redete laut auf Polnisch und unterhielt die fünf anderen über Menschen, die nie arbeiten und ihr Leben mit Kartenspiel verdienen, über einen Mann, den er kurz nach der Entlassung aus dem Gefängnis getroffen hat, über Polen, die in Lemberg irgendwelche Gegenstände verkaufen. Von den anderen meldete sich nur zeitweise M1 zu Wort, mit kurzen Repliken auf Polnisch.

Nach einiger Zeit meldete sich nun auch W3 zu Wort, und zwar in schönstem (Prager) Tschechisch! Der Inhalt der Äußerung war nicht ganz so interessant (es ging darum, dass sich die Ukrainer in Prag breitmachten und mancherorts schon 50% der Bevölkerung stellten), aber die Sprache. M3 nahm die Anregung auf und dozierte – natürlich auf Polnisch – ausführlich über die ukrainische Emigration, für die er auch Verständnis hat. M1 hatte auch etwas zu sagen, und so ging das Gespräch weiter. Nach einiger Zeit bemerkte ich, dass die Gruppe sich aufgeteilt hatte. Zu hören war weiterhin vor allem M3, im Gespräch mit M1 und W1. Die andere Gruppe, bestehend aus M2, W2 und W3, redete leiser, sodass ich mich anschleichen musste, um die Sprache zu identifizieren – es war Tschechisch. Also klare Diagnose: Ein binationales Paar, sie (W3) Tschechin, er (M3) Pole, zusammen mit einem polnischen (W1/M1) und einem tschechischen Paar (W2/M2).

Irgendwann verabschiedete sich das polnische Paar, und M3 stellte sich zu der tschechischen Gruppe. Wieder schlich ich mich an, weil ich wissen wollte, welche Sprache er sprach – und sieh da, jetzt redete auch er Tschechisch. Und da habe ich es nicht mehr ausgehalten und habe mich den vier Personen genähert, habe mich kurz vorgestellt und gesagt, ihr Sprachgebrauch sei ja wirklich sehr interessant. W3 und M3 sprach ich direkt an und meinte, sie sei ja offenbar Tschechin und er sei Pole. Sie bestätigte die Einordnung erfreut, er widersprach – er sei Slovake. Dann sprach ich W2 und M2 an und meinte, sie seien ja wohl auch Tschech_innen – worauf W2 vornehm schwieg und M2 ebenfalls widersprach – er sei Mährer (já su Moravan).

Ich dachte, jetzt sei alles geklärt, aber M3 fragte noch einmal nach, ob ich wirklich Deutscher sei, und begann Deutsch zu sprechen. Der erste Satz (ich Verwandtschaft Stuttgart) war noch etwas unvollkommen, aber dann wurde es besser. Ich habe mich trotzdem verabschiedet (man soll nämlich nicht länger als 30 Minuten im heißen Wasser stehen), zutiefst befriedigt von diesem Erlebnis, wo sich mitten in der Slovakei eine polnische Gruppe in eine tschechische verwandelt…

2 Kommentare

  1. Also die ersten Erlebnisse waren wirklich abenteuerlich und wirklich schlecht auszudenken, darüber hinaus noch sehr erheiternd. °\(ツ)/° Die sprachlichen Verquickungen sind sicher interessant, aber in diesem Raum eher die Regel als die Ausnahme, zumindest kenne ich das auch aus vielen Erlebnissen und der eigenen Verwandtschaft her ständig, bloß ist noch zusätzlich Ungarisch vertreten. Ein Bruder von meiner Schwiegermama ist übrigens seit Jahrzehnten in Memmingen und bereits naturisiert, geht also glatt als Deutscher durch, bis er Slowakisch redet. Und die Jugend ruiniert mit ihrer Nachkommenschaft ohnehin das zentraleuropäische Language shifting, denn ein Teil arbeitet schon seit Jahren im Vereinigten Königreich, ein anderer in Katar, da redet dann eine bestimmte Generation auf Englisch miteinander und stottert mit der Großelterngeneration einen Sprachmix, da die zwar auch mehrsprachig ist, aber Englisch war damals noch nicht nötig.

  2. Na ja, die Semikommunikation bzw. der passive Bilingualismus ist als Phänomen lange bekannt, und wenn man sich in der Slowakei bewegt, erlebt man das ständig (insbesondere wenn man wie ich konsequent Tschechisch redet). Dieser Fall erschien mir doch ein bisschen ungewöhnlich, weil das Gespräch ganz auf Polnisch begann und ganz auf Tschechisch endete, ohne dass je Slowakisch dabei war.
    Na ja, und Englisch gibt es in Orava noch nicht, jedenfalls da, wo ich war… Das kommt sicher auch noch mal an, aber nicht bei der Generation, die sich im Thermalbad tummelt.

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