15. August: Beginn der Rückfahrt (Moldova – Detva – Trstín – Skalica)

An diesem Tag habe ich mich auf die Rückfahrt nach Westen gemacht, die ich in drei Tagen erledigen möchte. Moldova ist von Tübingen ca. 1200 km entfernt, das kann man zwar an einem Tag fahren, aber das ist wirklich nicht nötig. So wollte ich am 15. August bis in den Westen der Slowakei kommen, am nächsten Tag nach Westböhmen und dann zurück nach Tübingen.

Als Zielpunkt für diesen Tag habe ich nach längerer Überlegung Skalica ausgewählt, eine kleine Stadt an der tschechisch-slowakischen Grenze, in der ich bisher nur einmal war, und zwar 1993. Skalica hat im 17. und 18. Jahrhundert eine wichtige Rolle gespielt, weil die Stadt für viele protestantische Emigranten aus Böhmen die erste Anlaufstelle war, in Ungarn herrschte ja anders als in Böhmen eine gewisse Religionsfreiheit. Deshalb stellte ich mir damals unter Skalica eine ganz besondere Stadt vor, wobei noch hinzukam, dass mir jemand erzählt hatte, der dortige Dialekt zeige Übergangserscheinungen zum Tschechischen. Als ich dann aber dort war, war ich enttäuscht, alle sprachen normales Slowakisch (soweit ich das damals überhaupt beurteilen konnte) und zu sehen gab es wenig, ich erinnere mich nur noch an eine romanische Rotunde. Und jetzt war ich gespannt, ob die Erinnerungen an damals der Konfrontation mit der heutigen Realität standhalten.

Nach der Abfahrt in Moldava bin ich erst einmal zügig und ohne Pausen gefahren, obwohl am Straßenrand immer wieder Hinweisschilder zu Sehenswürdigkeiten einluden, zu Burgen und Schlössern, zu reformierten Kirchen und zu Höhlen. Aber ich habe den Versuchungen widerstanden und fuhr auf der Schnellstraße vorbei an Rimavská Sobota, Lučenec usw. Den ersten Halt machte ich in der Stadt Detva, deren Name in mir ebenfalls Erinnerungen wachgerufen hat. Und zwar war ich da zweimal in den neunziger Jahren, aufgehetzt von meinem Reiseführer, in dem stand, dass es dort besondere Grabmäler gibt, Kruzifixe, die farbig bemalt sind, mit Motiven aus der Volkskunst. Beim ersten Mal (1994?) gab es auf dem Friedhof noch einige solche Kreuze, beim zweiten Mal (1998?) habe ich fast keine gefunden. Ja, und dann habe ich noch mal auf einer slowakischen Veranstaltung in Stuttgart einen Künstler erlebt, der in einem Folklorekostüm Lieder aus Detva vortrug… Diesmal war alles recht normal, es gab ein paar solche Kreuze auf dem Friedhof, nicht viele, aber auch aus neuerer Zeit. Und Volkskünstler waren keine unterwegs.

 

 

 

 

Dann bin ich weitergefahren und habe nach Zvolen an der Autobahn in einer „Koliba“ (das ist ein Typ von Berghütte, in dem viele Gaststätten stilisiert sind) zu Mittag gegessen. Hier hatte ich das Erlebnis, dass das Paar, zu dem ich mich an den Tisch gesetzt hatte, erst auf Englisch miteinander redete und dann auf Deutsch, und dies, obwohl offensichtlich beide Slowak*innen waren und Deutsch nicht als Muttersprache haben. Der junge Mann meinte, sie lebten schon lange in Deutschland, das mag ja sein, aber als er dann auf die Mitteilung, ich sei aus Tübingen, fröhlich mit der Äußerung reagierte, „ja, das ist in Ostdeutschland“, war ich mir nicht mehr so sicher. Ich habe dann versucht, dem Gespräch der beiden nicht zu folgen, und das ist auch einigermaßen gelungen. So konnte ich mich dann auch vor neugierigen Fragen zurückhalten.

Dann ging es weiter, vorbei an Nitra und Trnava (beides Städte, wo ich schon oft war), und dann nach Norden Richtung Skalica. Irgendwo fuhr ich mal von der Straße ab, um eine kleine Pause zu machen, das war aber schwierig, weil auf dem Parkplatz ständig neue Lastwagen einfuhren, einparkten, ausparkten usw. Dann bin ich ausgestiegen und herumgelaufen – und fand neben dem Parkplatz einen kleinen jüdischen Friedhof, ohne Beschriftung, ohne Gedenktafel, wirklich sehr erstaunlich. Der Ort heißt Trstín und ich werde, wenn ich zu Hause bin, mal recherchieren, was es mit ihm auf sich hat.

 

 

 

 

Nach 17 Uhr war ich dann in Skalica und bin als erstes in die Innenstadt gefahren – und war vollkommen platt. Es gibt dort erstaunlich viele Kirchen (vier katholische und eine evangelische), einen großen Platz, wo u.a. ein Denkmal des ungarischen Königs Ludwig steht, und eine Reihe von stattlichen Bürgerhäusern. Die Frage, ob ich 1993 gar nicht bis in die Innenstadt gekommen bin oder ob ich alles vergessen habe, soll hier nicht diskutiert werden. Wenigstens gab es auch Wegweiser zur Rotunde, die gibt es also wirklich noch. Ich bin aber nicht gleich hingegangen, weil ich erst eine Unterkunft suchen wollte.

 

 

 

 

Die Suche nach der Unterkunft war nicht ganz einfach, weil an der Straße nur ein Mammuthotel mit fünf Sternen angekündigt war – dahin wollte ich aber nur im größten Notfall. In der Stadt gibt es ein Hotel Tatran, in dessen Gebäude aber auch die Tatran-Bank ist und das außerdem geschlossen war, ferner fand ich dann eine Pension, bei der man aber hätte anrufen müssen, und zuletzt ein Hotel, das aber ausgebucht war. Die Dame an der Rezeption war sehr nett und nannte mir mehrere andere Möglichkeiten, darunter die zwei, wo ich schon war, und zuletzt die Pension am Busbahnhof. Ich habe dann schon resigniert und wollte nach Tschechien hinüberfahren, aber sieh da, nach 300 m sehe ich rechts die Pension am Busbahnhof. Und da habe ich es dann auch probiert. Ich musste zwar warten, bis die junge Frau zurückkam, die für die Zimmer zuständig ist, aber dann habe ich ein schönes Zimmer zu einem günstigen Preis bekommen. Die Pension gehört zu einem Café, wo ich beim Warten sogar meine Mails lesen konnte. Und das Frühstück für den nächsten Morgen sollte ich dann auch gleich bestellen, von einer Frühstückskarte mit zehn Varianten!

Danach habe ich die Stadt zu Fuß erkundet. Ich ging erst zu der Rotunde, die sehr schön auf einem Hügel am Stadtrand liegt, um den vor ein paar Jahren auch ein kleiner Park angelegt wurde. Die Rotunde selbst sieht etwas ungewöhnlich aus, weil ihr im 18. Jahrhundert eine barocke Haube aufgesetzt wurde, aber sie ist in gutem Zustand (und war natürlich geschlossen). Ein junger Mann hat mich vor der Rotunde fotografiert, sodass ich wieder einmal ein Bild von mir auf Facebook und Instagram verbreiten konnte. Dann ging ich auf den Kalvarienberg, einen weiteren Hügel auf der anderen Straßenseite, der heute offenbar ein Treffpunkt von Jugendlichen ist. Und als ich von diesem Hügel hinunterstieg, erblickte ich auch noch einen jüdischen Friedhof am Hang unter der Rotunde.

 

 

 

 

 

 

 

 

In der Stadt habe ich noch die evangelische Kirche von außen betrachtet, in der es einen Abendmahlskelch geben soll, den Comenius der Gemeinde geschenkt hat, und ich habe eine Tafel fotografiert, die an den evangelischen Theologen Ján Ďurovič erinnert, den Vater des bekannten Slavisten Ľubomír Ďurovič. Und danach war ich in einer Gaststätte hinter der Pension abendessen, mit Blick auf mein Auto und mein Zimmer. Abends habe ich noch länger gelesen und Pläne für den nächsten Tag gemacht, die hier aber noch nicht verraten werden.

 

Ein Kommentar

  1. Ein sehr schöner und interessanter Bericht, vielen Dank! Auch für die nächsten Etappen der Heimfahrt alles Gute und eine unproblematisches Heimreisewochenende.

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