15. August 2012: Érsekújvár – Balassagyarmat

Blogschreiben ist ganz schön anstrengend. Ich glaube, ich muss mich etwas mäßigen und weniger schreiben, sonst sitze ich demnächst nur noch da und schreibe – und finde gar keine Zeit mehr für neue Erlebnisse. Gestern bin ich jedenfalls noch lange auf der Terrasse des Hotels in Galánta gesessen, habe einen Kaffee und ein Mineralwasser getrunken und meine Post erledigt, einschließlich Blog. Gegen zehn Uhr bin ich dann in Richtung Ungarn aufgebrochen, mit dem Ziel Balassagyarmat. Warum ich gerade in diese Provinzstadt möchte, wird jetzt noch nicht verraten, aber ein wenig später.
Von Galánta könnte man direkt nach Süden und über die ungarische Grenze fahren, aber ich wollte die ungarischen Siedlungsgebiete in der Slowakei noch richtig auskosten und bin nach Osten gefahren, erst nach Érsekújvár alias Nové Zámky alias Neuhäusel und den Ipoly/Ipoľ/Eipel  entlang bis nach Slovenské Ďarmoty, der slowakischen Schwesterstadt von Balassagyarmat. In Érsekújvár war ich schon einmal vor vielen Jahren und habe dort wohl zum ersten Mal die ungarisch-slowakische Zweisprachigkeit erlebt. Heute leben dort nur noch 27% Ungarn, aber das war in früheren Jahrhunderten noch anders, insbesondere auch damals, als dort Anton Bernolák, der Schöpfer der ersten slowakischen Schriftsprache wirkte. Er dürfte zumeist auf Ungarisch gepredigt haben…
Die Zweisprachigkeit kann man in der Stadt gut studieren. Man hört beide Sprachen und es gibt auch teilweise Aufschriften auf Ungarisch. Welchem System die zweisprachige Beschriftung folgt, konnte ich freilich nicht herausfinden, besonders bei offiziellen Aufschriften. Im Vorraum einer katholischen Kirche war das alles sehr ordentlich, links ungarisch, rechts slowakisch, bei städtischen Beschriftungen fragt man sich manchmal nach dem Sinn. Alles Gesamtstaatliche (Wegweiser, Werbung, Wahlplakate) ist ohnehin nur auf Slowakisch.
Nach Érsekújvár wurde es immer einsamer. Ganz im Süden entlang des Ipoly wohnen vermutlich fast nur noch Ungarn. Jedenfalls habe ich das den Inschriften auf einem Friedhof und einem Kriegerdenkmal entnommen. Der Hinweis auf die Krötenwandung ist aber auf Slowakisch, vermutlich sprechen die Kröten nur die Staatssprache…
Gegen 13 Uhr war ich dann an der Grenze. Da ich vor dem Ungarischen etwas Angst habe, hatte ich zeitweise erwogen, mich doch erstmal auf der slowakischen Seite einzuquartieren. Der slowakische Ort Slovenské Ďarmoty ist aber so klein, dass ich den Gedanken wieder fallen ließ und mich auf das Wagnis in Ungarn einlassen musste. Die Grenzstation war so verlassen, wie das im Schengen-Raum üblich ist, und nach drei Kilometern war ich am ersten Ziel meiner Reise. 
Ich muss jetzt endlich erklären, warum,ich unbedingt nach Balassagyarmat wollte: Das ist nämlich der Geburtsort Josef Dobrovskýs! Dort wurde er am 17. August 1753 als Sohn eines dort stationierten Soldaten geboren, kam aber bald mit den Eltern nach Böhmen. Er selbst hatte vermutlich gar keinen Bezug zu der Stadt, aber sie kommt eben in allen Texten über ihn vor, sei es – in älteren Texten – als Ďarmoty, sei es – in neueren Texten – als Gyarmat oder Balassagyarmat. In meiner elektronischen Version des Ottův Slovník Naučný, der großen tschechischen Enzyklopädie vom Ende des 19. Jhs., steht sogar „Děrmet bei Ráb“, was mich 2006 in die Irre geführt hat, indem ich einen anderen Ort weiter im Westen besucht habe. Damals stand ich ehrfurchtsvoll vor der falschen Kirche, diesmal hoffentlich vor der richtigen…
Über die Hotelsuche will ich lieber schweigen. Von den beiden im Reiseführer genannten Hotels war eines nicht nur schwer zu finden, sondern vor allem inzwischen geschlossen, untergekommen bin ich im Sztár motel – allein der Name ist ein Gedicht. Die Kommunikation mit der Wirtin verlief etwas schwierig, da sie meinte, Englisch zu sprechen, wenn sie in ungarische Sätze das Wort rum einstreut, aber irgendwie hat es geklappt. Auch sonst spricht hier niemand irgendeine Fremdsprache, besonders schön war das auf der Post, wo ich Briefmarken kaufen wollte. Da wurde ich von einer Person zur nächsten verwiesen, alle waren sehr freundlich, nur sprachen alle nur Ungarisch. Und mein Versuch, das Wort für Postkarte (levelezölap) auszusprechen, war ich auch nicht sehr erfolgreich. Man sagt offenbar ohnehin nur lap… Für ‘auf Wiedersehen’ sagt auch niemand außer mir mehr visszontlátasra, so ändern sich die Zeiten. Im Stadtpark kam ich an einer Gruppe von Jugendlichen vorbei und ein Mädchen rief csókolom, was ich mir mit meinem Wörterbuch als ‘ich küsse es’ übersetzt habe. Das fand ich unpassend, weiß aber inzwischen, dass das die Kurzform von kezét csókolom ‘ich küsse die Hand’ ist, was offenbar junge Leute zu älteren sagen.
Ja, und jetzt noch einmal zu Dobrovský: Bisher habe ich noch keinerlei Spuren der Erinnerung an ihn gefunden, was mich doch verwundert – Österreich-Ungarn war doch eine Hochburg der Denkmal- und Erinnerungskultur. Aber es gibt keine Dobrovszky utca und erst recht keinen Dobrovszky tér. Der einzige Nicht-Ungar, der eine Straße hat, ist Luther, und diese führt, wie nicht weiter verwunderlich, direkt auf die evangelische Kirche zu. Letztlich habe ich aber doch eine Erklärung dafür gefunden, warum man seiner hier überhaupt nicht gedenkt. An verschiedensten Stellen steht, dass Balassagyarmat eine „Civitas fortissima“ sei (bitte fragt mich nicht, wie das auf Ungarisch klingt). Das hielt ich erst für einen normalen Ehrentitel, aber die Sache ist ganz anders. Balassagyarmat wurde nämlich 1919 von tschechischen Truppen besetzt, die die Stadt für die neu gegründete Tschechoslowakei vereinnahmen wollten, und dagegen haben sich die Einwohner erfolgreich zur Wehr gesetzt, d.h. die Tschechen vertrieben. Mehr weiß ich im Moment leider noch nicht, denn diese Erkenntnis habe ich nur aus der englischen Wikipedia, die tschechische, slowakische und deutsche schweigen sich zu dem Thema vornehm aus. 
So weit für heute. Mehr Informationen über die Stadt und ihre Umgebung werden folgen, denn ich bleibe hier einen ganzen Tag, u.a. um das Paloczen-Museum zu besuchen. Was Paloczen sind, verrate ich aber erst morgen.

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