15. August: Fiľakovo / Fülek / Fileck

Den gestrigen Tag habe ich ganz in Fülek verbracht und mein Auto auf dem Hotelparkplatz stehen lassen. Am Morgen habe ich gemütlich gefrühstückt und dann versucht, meinen weiteren Aufenthalt in der Pension zu klären. Das war gar nicht so einfach, und zwar nicht, weil jemand etwas dagegen gehabt hätte, sondern wegen unklarer Kompetenzen. Auch jetzt habe ich noch nicht verstanden, wer eigentlich im Hotel das Sagen hat. Es gibt da zunächst zwei Kellnerinnen, eine schlanke und eine weniger schlanke, dann zwei Kellner, beide sehr jung, der eine vermutlich ein Lehrling, und zwei Chefs. Alle sind Ungarn und sprechen Slowakisch, aber unterschiedlich gut. Merkwürdigerweise tun sich gerade die Jüngern schwerer, was früheren Erfahrungen widerspricht. Da konnten nämlich Ungarn, die noch in der Tschechoslowakei in die Schule gegangen waren, deutlich schlechter Slowakisch als diejenigen, die in der unabhängigen Slowakei die Schule besucht haben.
Den einen Chef hatte ich schon früh identifiziert, er saß den ganzen Vormittag an einem Tisch im Restaurant und trank Kaffee, den anderen hielt ich erst für einen Lieferanten, weil er Ware brachte und hineintrug, aber dann war er wenig später in anderer Kleidung auch im Restaurant tätig. Ich habe zunächst die weniger schlanke Kellnerin gefragt, ob ich bleiben kann, und sie meinte, ich müsse auf ihre Kollegin warten. Etwas später erhob sich der Kaffee trinkende Mann und sagte, ich könne unbesorgt sein und sollte das im Büro regeln. So ging ich also ins Büro, da saß der ehemalige Lieferant, war sehr freundlich, schaute den Zimmerplan durch und sagte, ich bekäme statt Raum 3 diesmal Raum 2. Aber ich könnte das Zimmer erst beziehen, wenn seine Kollegin da sei. Die Kollegin kam dann auch irgendwann (kurz vor 11), es war die schlanke Kellnerin, und sie wies mir dann doch dasselbe Zimmer wie am Vortrag an, und zwar mit der entwaffnenden Begründung, dann müsse sie es nicht herrichten.
Nachdem das geklärt war, konnte ich zu einem längeren Spaziergang durch die Stadt aufbrechen. An alten Bauwerken gibt es da nicht viel, höchstens die katholische Kirche, das Rathaus, das Gymnasium. Wie ich inzwischen gelesen habe, soll es auch ein Schlösschen aus dem 18. Jahrhundert geben, das muss ich noch suchen. Was man schön studieren kann, ist aber das Nebeneinander von Slowakisch und Ungarisch, etwa wenn am Gymnasium übereinander Gymnázium (slowakisch) und Gimnázium (Ungarisch) stehen. Oder wenn der Schnellimbiss von Juraj Jančkár auf Ungarisch Gyorsbüfé George heißt. Ich habe auch einen Einkauf getätigt, und zwar hatte ich irgendwo meinen USB-Stick verloren und brauchte einen neuen. Fündig wurde ich im Geschäft des Providers Orange, wo man Ungarisch und Slowakisch nebeneinander hören konnte. Ich bin aber offenbar an eine slowakische Verkäuferin geraten, die ganz entgeistert war, als ich nach dem Kauf noch wissen wollte, wie USB-Stick auf Ungarisch heißt. In meinem Wörterbuch steht nämlich pendrive – und ich wüsste so gerne, wie man das auf Ungarisch ausspricht.
Aus der Stadt ging ich zurück ins Hotel, habe für 3 € zu Mittag gegessen und mich dann auf den Weg zur Burg gemacht. Dort faszinierte mich als erstes das Schild mit den Eintrittspreisen, auf dem man nämlich im slovakischen Text erfährt, dass Besucher/innen bis 61 voll zahlen und ab 62 reduziert, während im ungarischen Text die Ermäßigung erst ab 63 gewährt wird und man bis 61 voll zahlen muss. Die Frage, was mit 62-jährigen passiert, bleibt offen.
Die Burg besteht einerseits aus den Ruinen, die sich weit in die Höhe hinaufziehen, andererseits aus dem Burgmuseum, das jede volle Stunde öffnet. Ich bin erst in der Burg herumgelaufen, wobei die Treppen zum Teil so sind, dass man seinem Orthopäden besser keine Bilder davon zeigen sollte. Von oben hat man einen schönen Blick, die Gebäude sind aber so zerstört, dass man sich kein richtiges Bild mehr vom früheren Aussehen machen kann. Es gibt auch keine Erläuterungen, d.h. auf den wenigen Informationstafeln steht nur etwas über die Geschichte der Burg, die Berge, die man sieht, und die Fauna.
Das Burgmuseum ist sehr interessant, die Ausstellung gut gemacht (vor relativ kurzem). Man erfährt sehr viel über die Geschichte und die vielen Besitzer der Burg, beginnend mit dem ersten Besitzer, der ein bekannter Raubritter war, über die Blütezeit vom 14.–16. Jahrhundert, die Zeit der türkischen Besatzung (1554–1593) und ihre Schicksale im 17. Jahrhundert bis zum Jahr 1682, als die Türken während des Aufstands von Emmerich Thököly die Burg noch einmal eroberten und zerstörten. Der letzte Besitzer war Stephan II. Koháry (1649–1731), gleichzeitig einer der ersten Dichter, die auf Ungarisch schrieben.
Wie in slowakischen Museen üblich, wird auch vieles ausgestellt, was nicht von der Burg stammt, das bin ich ja schon gewöhnt. So fand ich es lustig, dass gleich im ersten Raum Haifischzähne zu sehen sind, und ich fragte die Führerin, die mich begleitete, ob denn auf dem Berg Haifische gelebt hätten. Aber die Haifischzähne wurden ja irgendwo anders gefunden. Ausgestellt sind auch Funde von einem Gräberfeld aus awarischer Zeit, wo man u.a. ein Ehepaar gefunden hat, wo die Frau mit einem Riemen an den Mann gekettet war. Daraus schließt man, dass sie nach seinem Tod getötet wurde, aber da es offenbar um ein einziges Grab geht, wo das so ist, frage ich mich, ob es nicht auch noch andere Erklärungen geben kann (z.B. dass sie zusammen umkamen). Aus der türkischen Zeit gibt es wenige Funde, aus jüngeren Zeiten mehr, aber am beeindruckendsten sind die zeitgenössischen Stiche über die Rückeroberung der Burg 1593 – über dieses Ereignis wurde damals in ganz Europa berichtet. Auf den Stichen sieht man auch eine Moschee und ein türkisches Bad, die man sicher im Gelände lokalisieren könnte, wenn man nur wollte. Auf den Stichen sah man auch zwei evangelische Kirchen und eine katholische, über den Verbleib der evangelischen Kirchen konnte die Führerin mir aber nicht sagen. Ja, es gebe jetzt eine evangelische Kirche, aber die seit ganz am Stadtrand.
Vom vierten Stock des Turms aus kommt man auf einen überdachten Gang rund um die Burg, wieder mit wunderschönem Blick. Dort ist auch eine Inschrift aus dem Jahr 1938 (als das Gebiet von Ungarn annektiert war), die ich mit viel Mühe übersetzt habe:
Őseinknek valál hajdan menedéke

Áldott legyen s szent előtünk ennek emléke

Pest– Pilis – Solt – Kiskunvármegye közönsege 1938  


Einst warst du eine Zuflucht unserer Ahnen,

Sei gesegnet und heilig als Erinnerung an das vor uns.

Die Gemeinschaft der Komitate Pest – Pilis – Solt – Kiskun 1938
Korrekturen nehme ich gerne entgegen, insbesondere habe ich die Bedeutung von valál nur geraten – das scheint eine veraltete Verbform zu sein. 
Gebäude in der Stadt

Katholische Kirche
Gymnasium

Schnellimbiss
 
Am Eingang zur Burg
Weg in der Burg

Blick auf die Ruinen
Inschrift von 1938

Blick nach unten
Treppenstufen
Warnschild

Turm (mit Museum)

Ein Kommentar

  1. Ja, "valál" ist eine veraltete Form. Dank Deiner/Dir habe ich jetzt gerade ganz spannende Erlebnisse mit der "jüngsvergangenen Zeit" in den Ungarisch-Grammatiken des 18. und 19. Jh. gehabt, unter anderem bei unserem speziellen Pohl-Freund Farkas von Farkasfalva und Újfalu. 🙂

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