18.–21. August: Pardubice und Umgebung

Ich hatte eigentlich vor, den Blog mit der letzten Eintragung (vom 17. August) zu beenden, weil ich davon ausging, dass danach nicht mehr viel kommt, was von allgemeinem Interesse ist. Das betraf insbesondere den Mittwoch, wo ich für die Strecke von Fiľakovo nach Pardubice fast den ganzen Tag gebraucht habe… Und über die diversen Baustellen, Umleitungen und den Kampf mit meinem als Navi verwendeten Handy wollte ich nun doch nicht berichten. Der einzige Lichtblick war das Motorest Rasová, in dem ich zu Mittag gegessen habe (natürlich wieder die guten Topfenknödel) und wo ich, gewissermaßen zur Einstimmung auf die Rückkehr ins wirkliche Leben, dann auch Anfragen aus meinem Fachbereich beantwortet habe (in dem Motorest gibt es neben köstlichen Knödeln auch ein hervorragendes WLAN!).
Die Erlebnisse, die ich dann am Donnerstag hatte, waren aber so bemerkenswert, dass ich beschlossen habe, auch über sie zu schreiben, obwohl es hier eher um Alltagsprobleme ging, die aber einen besonderen Reiz bekommen, wenn man sich im Ausland um sie kümmern muss. Daher folgt nun ein Bericht über den Donnerstag und den wesentlichen angenehmeren Freitag (da hatte ich nämlich die Probleme gelöst). Fotos gibt es keine, denn die mache ich ja nur, wenn ich etwas besichtige.
Jetzt also zum Donnerstag, wo ich mich mit vier Dingen beschäftigen wollte. Da ging es zunächst darum, dass mein neuer (und in Pardubice gekaufter!) Fotoapparat nicht mehr funktionierte, dann darum, dass mir eine ganze Reihe von Dateien fehlte, die ich aber für die Arbeit im Archiv benötigte, und um Schwierigkeiten mit meiner Bankkarte. Schließlich wollte ich auch Ausdrucke von einem Mikrofilm abholen, den ich im Frühjahr im Ostböhmischen Zentralarchiv in Zámrsk in Auftrag gegeben hatte.
Die Probleme mit dem Fotoapparat hatten sich schon auf der Burg von Fiľakovo abgezeichnet, denn dort hatte der Apparat auf einmal den Geist aufgegeben und gemeldet, der Akku sei erschöpft. Das fand ich aber nicht so aufregend und habe erst einmal versucht, ihn wiederaufzuladen. Als er am nächsten Tag trotz Aufladens nicht funktionierte, habe ich eben mit dem Handy fotografiert und abends sehr lange in der Gebrauchsanweisung gelesen. Schließlich war ich mir sicher, dass der Apparat als solcher funktioniert und es wirklich nur am Akku liegen kann. Den habe ich dann gleich am Morgen in Pardubice gekauft – und mich in dem Moment, als ich den Akku auspackte, erinnert, dass genau solche Ersatzakkus der Originalverpackung beilagen. Ich habe sie nur noch nie auf die Reise mitgenommen…
Das Problem mit den Dateien hatte ich schon früher bemerkt. Ich reise ja mit einem kleinen Laptop, auf den nicht so viele Dateien passen, deshalb nehme ich sonst eine externe Festplatte, auf der die Dateien meines heimischen Computers gesichert sind. Diese Festplatte habe ich zu Hause vergessen, bzw. statt ihrer eine andere Festplatte mitgenommen (da ich ein Backup-Fanatiker bin, besitze ich aktuell drei externe Festplatten!). Zunächst war ich aber davon ausgegangen, dass ich mir die Dateien ohnehin nicht beschaffen kann, ohne jemandem mein Passwort zu geben – und das will ich eigentlich vermeiden. Mir ist dann aber ein Umweg eingefallen, über den es doch geht, den ich hier aber nicht nenne, weil ich ihn vielleicht noch öfter gehen möchte. Jedenfalls haben mir zwei meiner lieben Hilfskräfte am Donnerstag den ganzen Pardubice-Ordner zukommen lassen und am Freitag noch eine weitere Datei, die sich wider Erwarten nicht dort befand.
Als besonders schwierig erwies sich das Problem mit der Bankkarte. Ich hatte ja schon erwähnt, dass in Ungarn kein Bankomat die Karte akzeptieren wollte, dort habe ich dann eben die wenigen Euros, die ich dabei hatte, in Forint gewechselt. In Fiľakovo funktionierte die Karte wieder, aber in Pardubice war es dann vorbei. Nachdem es bei drei Bankomaten nicht geklappt hatte, ging ich in eine Bank – die Mitarbeiterinnen waren sehr nett, probierte es auch selbst und telefonierten herum (weil sie Angst hatten, ihr Bankomat sei kaputt), aber helfen konnten sie mir nicht. Das war sehr rätselhaft, weil ich noch am Vorabend in Pardubice das Hotel mit eben dieser Karte bezahlt hatte. So rief ich bei der Kreissparkasse Tübingen an und traf auch hier auf eine nette Mitarbeiterin, die aber nur feststellen konnte, dass meine Karte nicht gesperrt ist. Und sie hat mir bestätigt, dass am Vorabend etwas mit der Karte bezahlt wurde. Schließlich habe ich mich darauf eingestellt, dass ich bis zur Abreise mit ca. 300 Kronen in bar auskommen muss und alles, was überhaupt möglich ist, mit Karte bezahlen muss. Aber die ideale Lösung war das nicht, weil schon das erste Restaurant, wo ich war, prompt keine Karte akzeptiert hat. Ich habe dann im Laufe des Tages ca. zehn Bankomaten durchprobiert, nicht nur in Pardubice, sondern auch in Holice, wo ich auch noch einmal in eine Bank ging – die Mitarbeiterin beschrieb mir dann gleich, wo es in der Stadt noch Bankomaten gibt. Ja, und am Donnerstagabend war der Spuk vorbei. Der elfte Bankomat nahm die Karte an, teilte mir aber dann mit, dieser Kartentyp könne bei dieser Bank nicht verwendet werden. Und beim zwölften konnte ich dann auf einmal doch wieder Geld abheben. Es war übrigens einer, an dem ich am Donnerstagmorgen schon gewesen war…
Die schönste Geschichte war aber die mit dem Mikrofilm. Ich hatte mir im März im Ostböhmischen Zentralarchiv einen Film des Grundbuchs bestellt, in dem alle Siedler aus der Grafschaft Glatz, die zwischen 1780 und 1785 östlich von Pardubice angesiedelt wurden, namentlich aufgeführt sind, mit Familien und Herkunftsort. Für die Erforschung der Sprachinsel ist das eine unschätzbare Quelle, die natürlich schon mehrfach ausgewertet wurde, die ich aber auch haben möchte. Die Mitarbeiterinnen des Archivs erklärten mir aber, dass ich keine Kopie des Mikrofilms bestellen kann, sondern nur Ausdrucke. So habe ich denn die Ausdrucke bestellt, auch noch gesagt, dass ich genauso gerne Scans nehmen würde (sie wollten klären, ob das geht) – und dass sie mir nichts schicken müssen, sondern ich alles im Sommer abhole. Ich weiß nämlich seit vielen Jahren, dass tschechische Institutionen ausgesprochen ungern etwas per Post nach Deutschland schicken. Es heißt dann immer, das sei so teuer oder schwierig oder beides. Und ich bin gewöhnt, Sachen selbst abzuholen, ich bin ja oft genug im Lande.
Im Mai bekam ich per E-Mail eine Rechnung, die ich auch überwiesen habe (nachdem die Kreissparkasse für mich Überweisungen in die Tschechische Republik freigeschaltet hatte…). Und so meinte ich, alles sei geklärt und bin am Donnerstag kurz nach 11:30 in dem Archiv eingetroffen (das eine halbe Stunde von Pardubice entfernt in einem alten Schloss untergebracht ist), wurde von der Pforte in den Lesesaal geschickt – wo erst einmal niemand irgendetwas wusste. Die eine Dame erinnerte sich zwar daran, dass ich im Frühjahr da war, aber von Kopien war ihr nichts bekannt, da müsse man die Sekretärin fragen. Die sei allerdings schon weg, weil sie nur vormittags arbeitet. Auf meinen schüchternen Hinweis, dass noch Vormittag sei, reagierte niemand, später habe ich dann erfahren, dass die Sekretärin von 7-10:30 arbeitet. Aber mit Kritik soll man da vorsichtig sein, es gibt auch in der Zentralen Verwaltung der Universität Tübingen Abteilungen, wo man um 11:30 zum Mittagessen geht… – Jedenfalls erhielt ich dann die Instruktion, am nächsten Morgen noch einmal zu kommen, und nachdem sich die Stimmung etwas beruhigt hatte, bekam ich auch die Telefonnummer der Sekretärin.
Am nächsten Morgen habe ich dann um 7 Uhr (ich bin ja zum Glück Frühaufsteher) bei der Sekretärin angerufen, die ebenfalls sehr nett war, aber erklärte, dass sie grundsätzlich nie etwas zur Abholung bereithielten. Ich bräuchte daher auch nicht kommen, es wäre eh nichts da. Aber immerhin durfte ich ihr die Rechnungsnummer und das Datum mitteilen und sie versprach nachzuschauen. Als ich zwanzig Minuten später wieder anrief, war alles ganz anders. Sie meinte, ich hätte Scans bestellt, die seien auch gemacht worden, aber bei der Rechnungsstellung habe sich gezeigt, dass sie so teuer waren, dass man mir das nicht zumuten wollte. Also habe man mir nur Kopien in Rechnung gestellt. Und die Scans habe Herr Magister N.N., der gesagt hätte, er werde sie mir schicken, der komme aber erst am Montag aus dem Urlaub zurück. Und jetzt bin ich gespannt, wie es weitergeht!
Am Freitag konnte ich dann, von allen Problemen befreit, das geplante Programm absolvieren. Vormittags war ich im Archiv, wo ich lange mit dem Historiker konferierte, der ebenfalls zur Sprachinsel von Pardubice arbeitet, wenn auch aus ganz anderer Sicht. Aber gerade dadurch kommt man ja im Gespräch auf neue Ideen. Ich konnte auch weitere Gemeinderatsprotokolle vom Ende des 19. Jahrhunderts fotografieren, diesmal nicht aus den ehemals deutschen Dörfern, sondern aus der Nachbarschaft. Es geht nämlich gerade darum zu schauen, ob die von mir beobachteten sprachlichen Besonderheiten nicht auch anderswo vorkommen. Nach erster Durchsicht sieht es aber ganz so aus, als würden sich meine bisherigen Thesen bestätigten, d.h. die bewussten sprachlichen Besonderheiten kommen in der Umgebung gerade nicht vor.
Und am Nachmittag habe ich dann einen privaten Besuch absolviert, der schon länger geplant war. Ich war bei der Familie meines ehemaligen Mitbewohners aus dem Prager Studentenheim, wo ich von Januar bis Juni 1978 gewohnt habe. Wir hatten beim Abschied zwar Adressen ausgetauscht, uns aber beide nie gemeldet (irgendwie waren die Zeiten nicht dafür geeignet…), und ich hatte die Adresse vor zwei Jahren bei meinem Umzug wiedergefunden. Und so weiß ich inzwischen, dass mein Mitbewohner nach Abschluss seines Studiums 1981 in den Westen geflohen ist, dann lange in Australien gelebt hat und dort 2004 verstorben ist. Mutter und Bruder wohnen aber noch in der Wohnung, deren Adresse er mir damals gegeben hat, wir haben uns lange unterhalten und ich habe neue Einblicke in jene Zeiten erhalten.
PS: Die Scans habe ich noch am Montagmorgen vom Archiv zugeschickt bekommen. Da war ich wohl doch skeptischer als nötig…

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