28./29. Juli: Von Tübingen bis Barczewko

Ich habe es auch in diesem Jahr wieder geschafft, in den Urlaub zu fahren, auch wenn die letzten Wochen des Semesters noch härter schienen als früher. Und ich will jetzt auch wieder meinen Blog eröffnen, habe das aber nicht gleich zu Beginn der Reise geschafft.
Die leichte Verspätung hat mehrere Gründe. Erstens verbringe ich in diesem Jahr meine erste Ferienwoche mit meiner Schwester und ihren beiden Töchtern in Masuren, das bedeutet, dass das Programm anders aussieht als sonst, zweitens begann die Reise mit einer sehr langen Autofahrt, die ich auf zwei Tage aufgeteilt habe und von der es eigentlich nicht viel zu berichten gibt. Aber genau das will ich nun versuchen!
Das erste schöne Erlebnis hatte ich in einer kleinen fränkischen Stadt, in der ich am Freitagabend in einem Hotel abgestiegen bin. Das Hotel war sehr ordentlich, das zugehörige Restaurant gut, und eigentlich konnte man auch nichts gegen das Zimmer einwenden. Außer dass der Lichtschalter außerhalb des Zimmers, im Gang neben der Türe war. So etwas habe ich noch nie gesehen und frage mich auch nach dem Grund. Ob hier früher mal ein Gefängnis oder Heim war, wo von außen kontrolliert wurde, wann das Licht an- und ausgeht? Der Vollständigkeit halber muss ich angeben, dass ich am Morgen beim Aufstehen bemerkt habe, dass es auch eine Lampe am Bett gab, aber die konnte den Eindruck nicht mehr verwischen.
Aus der kleinen fränkischen Stadt bin ich am Samstag um 7:45 abgefahren und war kurz vor 19 Uhr am Ziel. Unterwegs habe ich durchgehend Radio gehört, gewissermaßen als Querschnittsstudie durch das deutsche und polnische Angebot. Begonnen habe ich mit dem Deutschlandfunk, wo es eine schöne Sendung über das Ulmer Fischerstechen gab, mit vielen Interviews, historischen Angaben, auch zum sog. Schwertag, und mit tiefen Einblicken in die schwäbische Seele. Zu monieren habe ich nur, dass sie verschwiegen haben, dass der aus dem Mittelalter stammende Schwörtag um 1800 abgeschafft und von den Nazis wieder eingeführt wurde – diese Information hätte offenbar nicht ins heimatkundlich-folkloristische Bild gepasst.
Etwas später gab es dann im Deutschlandfunk eine Sendung mit zwei tschechischen Geigern vom berühmten Prager Haas-Quartett. Es wäre sicher interessant gewesen, sie spielen zu hören, nur moderierten sie leider eine Musiksendung, wo sie abwechselnd Lieblingsstücke nannten, die dann gespielt wurden (Johannes-Passion, Jazz u.a.m.). Und es hätte sich vielleicht auch noch gelohnt, wenn sie über die Musikstücke gesprochen hätten, aber auch das fand nicht statt, sondern die einleitenden Bemerkungen begrenzten sich meist auf zwei oder drei Sätze. Das Beste war noch das gepflegte Deutsch zweier tschechischer Muttersprachler, wo man nach Interferenzen suchen konnte, die sich aber im Rahmen hielten.
Irgendwann habe ich aufgegeben und habe zu Radio Brandenburg umgeschaltet. Dort wurde gerade die beste Heimwerkerin Deutschlands interviewt, die in Potsdam wohnt. Es ging um das interessante Thema, wie man es macht, damit Gegenstände, die man an der Wand befestigt, wirklich halten. Aber irgendwie ist das nicht meine Welt und ich habe mich bald verabschiedet, auf anderen Sendern Musik gehört und mich gefreut, als ich endlich in Polen war. Denn hier begann eine andere Radiowelt.
Begonnen habe ich mit dem staatlichen Radiosender Jedynka und war natürlich gespannt auf die Nachrichten. Die sind sehr kurz und berichten nicht viel über Politik. Aber die Krise im Land wird jedenfalls nicht völlig verschwiegen, und für jemanden, der etwa meinen Kenntnisstand zur polnischen Politik aufweist, einigermaßen zu dechiffrieren. Manchmal kommen sogar Abgeordnete der Opposition zu Wort… Interessanter sind die Kultursendungen, z.B. zum Radiosommer. Da wird dann für ein Konzert geworben, und Passant_innen werden befragt, ob sie kommen – und merkwürdigerweise sind alle treue Anhänger_innen genau dieses Radiosenders und kommen fast immer zum Sommerkonzert. Oder das Interview mit einer berühmten Puppenspielerin aus Toruń/Thorn, die über ihre Reisen durch die ganze Welt, inklusive Mittlerer Osten und Mexiko, berichtete. Oder eine Sendung zum gesunden Schlaf, wo eine App namens Nightly vorgestellt wurde, die aber offenbar noch gar nicht fertig ist, und wo zehn Ratschläge für guten Schlaf gegeben wurden. Da war ich neugierig, aber wenn man dann hört, dass man jeden Tag zur gleichen Zeit ins Bett gehen und vorher möglichst nicht am Computer sitzen soll, lässt man es lieber gleich.
Wie bei meinem Beruf nicht weiter zu erwarten, haben mich auch sprachliche Dinge interessiert. Und in einer Sendung, wo junge Leute interviewt wurden, habe ich doch allen Ernstes Interferenzen mit dem Kaschubischen gehört, nämlich erstens das sog. „kaszubienie“, die Ersetzung von ć, ś, ź durch c, s, z (będze), und zweitens das kaschubische Schwa (rëb). Leider hat die betreffende Jugendliche nur wenige Sätze gesagt.
Wie es der Zufall wollte, bin ich auch durch Orte gekommen, wo ich vor Jahren schon war, so Kowalewo Pomorskie, den Geburtsort von Ludolf Müller, wohin ich 2007 einen Abstecher gemacht habe. Ich habe ihm damals auch von dem Besuch berichtet, aber er war nur mäßig interessiert, weil er keine Erinnerungen an seine Heimatstadt, die die Familie schon anderthalb Jahre später verlassen musste, als das Gebiet an Polen viel. Und ich fuhr auch durch Brodnica, wo ich 2004 Gast bei einer gemeinsamen Tagung der Universitäten Thorn und Oldenburg war, in einem idyllischen Gästehaus an einem kleinen See.
Ja, und gegen 19 Uhr bin ich dann wirklich am Ziel angelangt, das zwischen den Dörfern Barczewkound Gady liegt. Barczewko hieß in der deutschen Zeit Altwartenburg, Gady hieß Jadden. Beide Dörfer waren auch damals schon überwiegend von polnischsprachiger Bevölkerung bewohnt, die allerdings durch die Ereignisse des 20. Jahrhunderts mehrfach durchgemischt und ausgewechselt wurde. Barczewko hat seinen heutigen Namen (ebenso wie die nahegelegene Kleinstadt Barczewo/Wartenburg) von einem polnischen Priester (und nationalem Aktivisten) namens Wojciech Barczewski, (1856–1928) Gady geht aufs Altpreußische zurück – in dieser Siedlung lebten noch im 15. Jahrhundert Altpreußen bzw. Pruzzen.

Soweit über die ersten zwei Tage, es wird hoffentlich mehr folgen!

Barczewko am frühen Morgen

Ein Kommentar

  1. Lieber Tilman, ich hatte mich eh schon gefragt, wo du diesmal steckst. Vielen Dank, ich freu mich schon auf die weiteren Nachrichten. Das Zimmer mit dem Lichtschalter außen hat jedenfalls nachhaltig Eindruck hinterlassen. ☾ಠ‿ಠ☀ Herzliche Grüße, mittlerweile aus Westböhmen!

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