18. August 2021: Ausflug nach Zamość

Leider kommt der Blog für gestern heute noch später, und darin zeichnet sich auch eine allgemeine Tendenz ab. Ich bin heute den zwölften Tag unterwegs, und da macht sich eine gewisse „Abschlaffung“ bemerkbar. Ich habe schon viel gesehen, und jetzt zieht es mich gewissermaßen nach Hause. Wo ich allerdings erst in ein paar Tagen ankommen kann, im Moment bin ich über 1300 km von Tübingen entfernt. Und da ich Gewalttouren vermeiden will (darunter verstehe ich alles über 500 km an einem Tag), wird die Rückreise auch ein bisschen dauern. Ich werde auch weiter bloggen, aber vielleicht werden die Texte allmählicher kürzer.

Gestern habe ich jedenfalls den zweiten Ausflug von Chełm aus gemacht, diesmal nach Zamość. Dort war ich schon einmal, im August 2015, und war von der Altstadt, die zum größten Teil aus der Renaissance stammt, total beeindruckt. Die Stadt ist auch schon seit längerem UNESCO-Weltkulturerbe, einerseits verdient, andererseits bedeutet das auch, dass sie ziemlich touristisch ist. Da muss man beispielsweise nicht lange nach einem Restaurant suchen, sondern der gesamte Marktplatz ist gesäumt von Restaurants…

Von Chełm aus führen Landstraßen in Richtung Zamość. Unterwegs habe ich wieder schöne ostslavische Ortsnamen wie Horodysko gelesen, einen kurzen Halt habe ich in Skierbieszów eingelegt, wo 1943 der frühere Bundespräsident Horst Köhler geboren wurde, als Kind bessarabiendeutscher Bauern, die dort angesiedelt worden waren und 1944 nach Westen geflohen sind. Sehr viel ist in Skierbieszów nicht los, und ich habe auch keine Gedenktafel o.Ä. gefunden. Ein bisschen wundert mich das schon, weil ich mich zu erinnern glaube, dass die Stadt zu ihm Kontakt aufgenommen hat, als er Bundespräsident war, aber das ist ja wieder ein bisschen her, und er war (wie ich mich ebenfalls zu erinnern glaube) nicht sehr interessiert, weil er ja als kleines Kind von dort weggekommen ist.

In Zamość war ich dann gegen 11 Uhr, habe am Stadtrand geparkt, auf einem Parkplatz, wo der Parkwächter richtiggehend erschrocken ist, als ich sagte, ich wollte zwei Stunden bleiben. Die kosteten dann eine Gebühr von 6 Złoty… Letztlich war ich drei Stunden dort und habe nachgezahlt, das war wenigstens problemlos möglich.

Vom Parkplatz ging ich in die Altstadt und besichtigte zunächst die grandiose Franziskanerkirche, in der wohl bald danach ein Gottesdienst begann, denn im Hintergrund erblickte ich auch einen leibhaftigen Franziskaner. Dann ging es weiter zum Hauptplatz, den ich zweimal umrundet und auch von oben (von der Rathaustreppe aus) fotografiert habe. Dann habe ich mich in ein Café gesetzt (nach längerer Suche, denn die meisten waren voller Tourist_innen) und dort schließlich auch zu Mittag gegessen, rein vegetarisch (erst gab es Carpaccio aus roten Rüben, dann Piroggen mit Spinatfüllung).

 

 

 

Anschließend machte ich mich auf die Suche nach der nächsten Sehenswürdigkeit, dem Geburtshaus von Rosa Luxemburg, das ich aber nur mit großen Mühen finden konnte, nachdem ich im Internet die Hausnummer in der betreffenden Straße herausfinden konnte. Während bei meinem letzten Besuch 2015 dort noch eine Gedenktafel hing, fand ich diesmal keine mehr, allerdings war das Haus auch mit Folien eingepackt, weil es offenbar renoviert werden soll. Erst später habe ich dann im Internet gelesen, dass die Tafel 2018 auf Befehl des Wojewoden beseitigt wurde, im Zuge der dekomunizacja Polens…

Dann begab ich mich schon in Richtung meines Parkplatzes (obwohl ich natürlich noch unendlich viele Kirchen hätte besichtigen können, vermutlich auch Museen), wollte aber doch noch die Synagoge anschauen, die ich als ziemlich beeindruckend in Erinnerung hatte. Das ist sie auch tatsächlich, von außen wie von innen. Draußen musste ich etwas warten, weil die Höchstzahl der Besucher_innen schon erreicht war, aber nach ca. 10 Minuten wurde ich eingelassen. Drinnen war ich völlig beeindruckt, aber nicht nur – wie beim letzten Mal – von der „maurischen“ Bemalung, sondern auch von einer Sonderausstellung, die gerade in der Synagoge gezeigt wird. In ihr geht es nämlich um die Familie von Rosa Luxemburg, bzw. konkret ihre Geschwister, Nichten und Neffen. Lange Zeit ging man wohl davon aus, dass sie kaum Kontakt zu ihrer großbürgerlichen Verwandtschaft hatte, aber das ist völlig falsch. Wie die Ausstellung zeigt, stand sie mit allen kontinuierlich in Verbindung, und ein Bruder und ein Neffe waren auch 1919 beim Begräbnis dabei. Ihre Schwester und ihre drei Brüder sind alle eines natürlichen Todes gestorben, der letzte 1943 in Warschau (aber nicht im Ghetto, sondern „auf der arischen Seite), von den sechs Nichten und Neffen sind zwei Neffen in KZs ermordet worden, der dritte in Katyń. Zwei Nichten und ein Neffe haben überlebt, aber mit schweren Schicksalen, und der letzte Neffe hat auch noch das 21. Jahrhundert erlebt und hat wohl – wie ich dann später nachgelesen habe – noch gerne in Vilnius Interviews gegeben.

Am schönsten finde ich die folgende Episode, die ich kurz berichten will. Der älteste Bruder, der schon früh nach England ausgewandert und dort durch die Heirat mit einer Engländerin auch die britische Staatsbürgerschaft erworben hatte, wurde 1908 in Odessa verhaftet, wegen des Verdachts staatsfeindlicher Umtriebe. Die gab es natürlich nicht, sondern man verdächtigte ihn einfach wegen seiner Verwandtschaft mit Rosa Luxemburg. Nach mehreren Wochen Haft wurde er freigelassen – und die britische Regierung hat darauf bestanden, dass er von der russischen Regierung eine Haftentschädigung bekommt, in Höhe von 70.000 Rubeln. Das waren wirklich noch eine andere Zeiten.

Nach Besichtigung der Synagoge und der Ausstellung bin ich nach Chełm zurückgefahren und war abends noch essen, aber es gibt da eigentlich nichts mehr zu berichten.

Ein Kommentar

  1. Lieber Tilman, vielen herzlichen Dank auch für diesen sehr schönen Bericht mit den tollen Bildern. Macht richtig Lust mal dorthin zu fahren, wenn entsprechend Zeit bliebe. Naja, vielleicht nächstes Jahr auf der Rückfahrt von Białystok. Gute Rückreise und einen möglichst angenehmen Freitag!

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