19. August 2012: Békéscsaba, Gyula

Heute muss ich meinen Bericht erst einmal mit Korrekturen beginnen. In einem langen Gespräch mit einem Lehrer vom hiesigen slowakischen Gymnasium habe ich viel erfahren, u.a. auch dass in früheren Blogs zwei sachliche Fehler gemacht habe. Die Jugendlichen, die gestern vor dem slowakischen Kulturhaus saßen, stammen nicht aus Pezinok, sondern aus Partizánske, und der Ort Mezőberény, durch den ich vorgestern gekommen bin, hat mitnichten zwei slowakische Namen, sondern nur einen (Poĺný Berinčok) – der zweite (Berin) ist der deutsche Name.
Insgesamt habe ich einen langen und ereignisreichen Tag hinter mir. Da ich um 7:30 mit den Slowaken verabredet war, die ich gestern Abend kennengelernt hatte, bin ich etwas früher aufgestanden, habe gefrühstückt und stand um 7:45 im slowakischen Kulturhaus. Damit war ich nicht zu spät dran, denn die Bekannten von gestern trudelten auch erst ein. Sie machten mich mit zwei hiesigen Slowak/innen bekannt, einer Dame vom slowakischen Haus und einem Herrn, der aus der Nähe stammt. Die Dame war sehr mitteilsam, schenkte mir zwei Kalender, einen Čábiansky kalendár für 2012 und einen gesamtslowakischen für 2011 – ich gab ihr meinen Namen und meine E-Mail-Adresse. Sie lud mich zu dem Blaskapellenwettwerb Zenit ein, bei dem um 17 Uhr eine slowakische Gruppe auftreten würde, und erklärte mir auch noch einmal genau, wo das Museum ist (es gibt nämlich wirklich eines). Als ich ihr sagte, ich ginge gleich in den evangelischen Gottesdienst, billigte sie das ausdrücklich, meinte aber, nur der ältere Pfarrer predige gut, der jüngere nicht ganz so.
Die Dame vom Dorfparlament samt Gatten beschenkte mich ebenfalls mit Schriften und ließ sich meine Adresse geben. Der Gatte fotografierte uns dann noch und ich bin demnächst wohl in einer Zeitschrift für slowakische Landfrauen abgebildet. Auch die verhärmte Dame von gestern war da – und entpuppte sich als Russin! Als ich Russisch mit ihr redete, sagte sie den schönen Satz Я всегда забуду, что я русская ‘ich vergesse immer, dass ich Russin bin’ und zog sich mit einer Zigarette zu einer Rauchpause zurück. Und natürlich war auch wieder
Ich habe dann erst das Museum gesucht, das freilich am Sonntag und Montag geschlossen hat, und habe mich dann vor die evangelische Kirche gesetzt und noch ein bisschen am Blog für gestern geschrieben. Um 8:45 begann der Gottesdienst, mit einem jungen Pfarrer, und ich war der dritte Besucher, der eintraf. Ich suchte nach einem Gesangbuch, worauf der Pfarrer mir eine Tranoscius-Ausgabe von 1912 (ohne Noten) in die Hand drückte, mit einer kurzen Entschuldigung dafür, dass das Gesangbuch in Fraktur gedruckt ist. Und so habe ich nach vielen Jahren endlich wieder Lieder in der bibličtina singen dürfen, dem Tschechischen des 16. Jahrhunderts, das die evangelischen Slowaken bis nach dem Zweiten Weltkrieg als Kirchensprache verwendeten. Auch die Liturgie war in diesem altmodischen Tschechisch gehalten (natürlich in slowakischer Aussprache), die Bibellesungen und natürlich die Predigt waren in modernem Standardslowakisch.
Das war wirklich ein denkwürdiger Gottesdienst! Zu den zwei Herren und mir gesellten sich im Laufe der Zeit noch eine Dame und fünf Herren hinzu, wobei der letzte erst kurz vor Ende des Gottesdienstes eintraf. Er setzte sich merkwürdigerweise auch vorne neben den Altar – so etwas habe ich noch nicht erlebt. Da alle sehr leise sangen, konnte ich nicht feststellen, wie die Gottesdienstbesucher/innen die bibličtinaaussprachen. Der Pfarrer hatte jedenfalls eine sehr ungarische Aussprache, teilweise mit einem dunklen a im Slowakischen (z.B. nåjkrašší) und einem sehr hellen á (sehr auffällig in der Bezeichnung král Dávid). Auch grammatische Interferenzen glaube ich bemerkt zu haben, man kann auf slowakisch vermutlich nicht sagen Tento svätý text nás upozorní ‘Dieser heilige Text macht uns aufmerksam’. Am peinlichsten wurde es beim Vaterunser, wo der Pfarrer nicht weiter wusste und die letzten Zeilen nachschauen musste, nach einer längeren Pause. Und mit den Gottdienstbesuchern unterhielt er sich auf Ungarisch, diese untereinander aber auch – das fand ich doch recht befremdlich.
Nach Ende des Gottesdienstes habe ich schnell meinen Tranoscius retourniert und bin zu meinem Auto geeilt, um einen Ausflug in die Nachbarstatt Gyula/Deutsch-Julia zu machen. Dort gibt es eine aus Ziegeln gebaute Burg und manche andere Sehenswürdigkeit, vor allem aber wird dort Albrecht Dürers gedacht, dessen Vorfahren nämlich aus Gyula stammen. Zu diesem Thema hatte ich mich in den letzten Tagen umfassend gebildet, quer durch verschiedene Wikipedien. Dürers Vater ist nämlich um 1450 aus einem Ort namens Eytaz nach Nürnberg ausgewandert. Dieser Ort heißt auf Ungarisch Ajtós und ist heute ein Stadtteil von Gyula (Ajtósfalva). Ich habe mich, als ich das las, gleich gefragt, ob es denn zu jener Zeit schon Deutsche in Ungarn gegeben hat, und tatsächlich herrscht wohl heute die Meinung vor, dass Dürers Großvater Ungar war. Dazu fügt sich gleich auch noch, dass ajtó auf Ungarisch ‘Türe’ heißt und Ajtósi letztlich dasselbe bedeutet wie Dürer. In Gyula erinnert ein Dürer terem an die Familie. Es scheint sich um einen Ausstellungsraum zu handeln, der freilich geschlossen war. 
Zugänglich war nur die Burg und um sie herum der Beginn eines Volksfests – die meisten Stände waren aber noch verschlossen. Am besten gefallen hat mir ein Schießstand, an dem schwermütige ungarische Weisen ertönten und mehrere Leute, u.a. ein Junge von etwa 15 Jahren, wie Steppenkrieger mit Turban gekleidet waren. Ich bin trotzdem nicht an den Schießstand gegangen, sondern habe zunächst die Burg besucht und danach auf der Terrasse vor der Burg einen Sprudel getrunken. Die Burg ist ganz gut erhalten, jeder Raum berichtet von einem Jahrhundert. Und die Erklärungen gab es sogar auch auf Englisch und Deutsch. Die Gegenstände in den Räumen stammen aber alle von woanders oder sind spätere Rekonstruktionen – besonders lustig fand ich die Idee, in jedem Raum einen Ofen aus dem betreffenden Jahrhundert auszustellen. Auf dem Bild sieht man beispielsweise einen osmanischen Ofen.
Mittags wurde es wieder sehr heiß, so bin ich nach Békéscsaba zurückgefahren und habe einen Mittagschlaf gehalten. Gegen 16 Uhr ging ich zu der Stelle, wo die Blaskapellen spielen sollten, dort probten erst noch die Slowaken, machten dann aber auch Pause. Erst um 17 Uhr füllte sich der Raum, und es war auch wieder die Dame vom slowakischen Haus da (nicht aber meine anderen Bekannten). Sie stellte mich zwei älteren Herren vor, von denen der eine, wie sich später herausstellte, der frühere Direktor der slowakischen Gymnasiums war und der andere ein Lehrer für Geographie und Sport. Neben beiden sitzend habe ich dann den Auftritt der slowakischen Blaskapelle genossen, die ihr ganzes Repertoir vorführe, bis hin zu einem Stück aus Jesus Christ, Superstar, mit tschechischem (!) Gesang. Wer mich kennt und weiß, wie selten ich in Konzerte gehe, wird sich sicher wundern, dass ich in diesem Jahr schon im zweiten Konzert war – das erste Konzert habe ich im Juni besucht, vor allem, weil dort drei Slavistik-Studenten mitsangen. Die beiden Konzerte sind aber nur schwer zu vergleichen…
Nach dem Konzert fragte mich der neben mir sitzende Lehrer, der mich übrigens gleich duzte (ich war ganz gerührt, weil mir so etwas sicher schon zwanzig Jahren nicht mehr passiert ist), ob ich mit ihm einen spricer trinken möchte. Wir gingen in eine kleine Weinstube in der Nähe und er gab bereitwilligst Auskunft über die Situation der Minderheit. Etwas verwirrend war freilich, dass er versuchte, mit mir Tschechisch zu sprechen – er kommt noch aus Zeiten, wo gebildete Slowaken mit Fremden Tschechisch sprachen. Er selbst ist aber auch nur ein halbechter Einheimischer – sein Vater stammt zwar von hier, ist aber 1945 in die Slowakei, wo er selbst auch geboren ist. In Békéscsaba arbeitet er erst seit 1996 und kann wohl auch nicht so gut Ungarisch (das hat er jedenfalls behauptet). Pavel, der mir dann auch noch formell das Du angeboten hat (sich aber nicht an meinen komischen Vornamen gewöhnen konnte), hat mir einiges über das hiesige Vorzeigegymnasium erzählt, an dem auch einige Fächer auf Ungarisch unterrichtet werden und wo jährlich 12-15 Schüler/innen Abitur machen. Und er hat mir berichtet, dass viel mehr Leute hier Slowakisch verstehen als sprechen, er schätze die Anzahl derer, die die Sprache verstehen, auf 10.000 (Békéscsaba hat 64.000 Einwohner/innen).
Am Schluss hat er mir noch vom hiesigen Schwimmbad vorgeschwärmt, das ich unbedingt besuchen müsse. Allein wegen des Schwimmbads wäre ich vermutlich nicht geblieben, aber als sich dann herausstellte, dass der bewusste Nationalfeiertag erst morgen ist (ich hatte mich schon gewundert, warum vor dem Hotel Stände aufgebaut sind, hinter denen niemand steht), habe ich beschlossen, doch noch bis Dienstag zu bleiben. Morgen werde ich also erst den Nationalfeiertag und dann das Schwimmbad aufsuchen…

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