19. August 2014: Lebendige Vergangenheit in Banská Štiavnica

Bevor ich von meinen gestrigen Erlebnissen berichte, will ich erst einmal etwas dazu sagen, warum der Besuch in Banská Štiavnica für mich eine so wichtige Reise in die Vergangenheit ist. Ich war hier bei meiner ersten Slowakei-Reise im Sommer 1993 (nicht 1994, wie bisher vermutet), damals noch mit Rucksack und öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs, und ich war von der Stadt, in der ich mehrere Tage geblieben bin, völlig begeistert. Diese Reise war meine erste tiefergehende Begegnung mit der Slowakei (wo ich nur im Jahr 1978 mal kurz mit einer Exkursion von der Karls-Universität gewesen war), und speziell in Banská Štiavnica habe ich die vielen Facetten des Landes anschaulich kennengelernt.

Heute ist Banská Štiavnica ist eine mehr oder weniger „rein“ slowakische Stadt (laut Volkszählung von 2011 sind 85,6% der Bevölkerung Slowak/innen, 4,8% Roma, 4,0% Tschech/innen, 3,3% Ungar/innen), aber das war nicht immer so. Als Bergleute kamen in mehreren Wellen Deutsche ins Land, außerdem gehörte die Stadt bis 1918 zu Ungarn und wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts magyarisiert. Und als Schriftsprache diente lange Zeit das Tschechische. Alle diese Fakten werden von niemandem bestritten, aber eben auch nicht weiter reflektiert. Und so hat mich schon vor über zwanzig Jahren fasziniert, dass eine Kirche der Stadt die slowakische Kirche („Slovenský kostol“) genannt wird, weil dort ab 1658 auf Slowakisch gepredigt worden sei (gab es das denn schon?). Und im Museum habe ich damals die Drohbriefe eines türkischen Feldherrn bewundert, der auf Tschechisch schrieb. Und irgendwann später habe ich dann auch noch in einer Dialektologie des Slowakischen gelesen, dass es im Ortsdialekt von Banská Štiavnica keine palatalisierten Dentale gibt – was sich am leichtesten durch deutschen Einfluss erklären lässt, also dadurch, dass die deutsche Minderheit irgendwann slowakisiert wurde und diese Merkmale gewissermaßen ins Slowakische „mitbrachte“. Alle drei Punkte habe ich seither gelegentlich in Vorträgen und Artikeln erwähnt, wodurch also Banská Štiavnica in meinen Publikationen eine gewisse Rolle gespielt hat. 
Und jetzt bin ich also wieder hier, gespannt darauf, wie sich die heutige Realität zu meinen teilweise schon etwas verwaschenen Erinnerungen verhält und ob sich die Darstellung der Geschichte geändert hat. Meinen gestrigen Tag habe ich aber mit einem Besuch des Alten Schlosses begonnen, wo ich

Das Alte Schloss von außen

noch nie drin war, weil es bei früheren Besuchen renoviert wurde. Das Alte Schloss war ursprünglich eine Kirche auf einer der Anhöhen über der Stadt, die man aber im 16. Jahrhundert beim Herannahen der Türken in eine
Innenhof des Alten Schlosses
 Festung umgebaut hat. Ich hatte bisher noch nicht darüber nachgedacht, dass sich hier ein erstaunlicher moderner Umgang mit dem Kirchengebäude widerspiegelt – im Mittelalter hätte man doch eher Bittgottesdienste abgehalten, statt gleich die Kirche zweckzuentfremden. Und es ist sicher kein Zufall, dass das alles (vermutlich) erst passiert ist, als Banská Štiavnica evangelisch geworden war – das war es nämlich einige Zeit lang auch, und auch dies ist im Prinzip bekannt, kommt aber in der Stadtgeschichte nur am Rande vor.

Ungarische Statue
Das Alte Schloss entpuppte sich als ein sehr typisches slowakisches Museum. Am Eingang stand, dass man entweder für 3 Euro den Komplex alleine besuchen kann oder für 5 Euro mit Führung, zu jeder vollen Stunde. Ich hätte gerne eine Führung gehabt, wurde aber darauf hingewiesen, dass fünf Leute zusammenkommen müssen, damit die Führung stattfindet – ich sollte bitte kurz vor der nächsten vollen Stunde vorbeikommen. Da war ich dann allein in der Kasse, bekam keine Führung, sondern nur Erläuterungen, und musste natürlich auch nur 3 Euro zahlen. Im Schloss selbst traf ich aber jede Menge Leute, die zusammengenommen locker eine Führung erlaubt hätten. Aber für die Damen an der Kasse ist es natürlich viel bequemer, wenn jede/r Besucher/in 3 Euro zahlt und niemand mitlaufen  muss. Aber das war nur
Mesnerwohnung bzw. Folterkamm
der Anfang, auch die Exponate entsprachen dem, was ich aus vielen slowakischen (und tschechischen…) Museen kenne. D.h. es werden Dinge ausgestellt, die irgendwie interessant sind, aber ohne viel Zusammenhang mit der Stadt. Im Eingangsturm ist eine Ausstellung über Uhren, woanders eine über das Schmiedehandwerk, ein paar Grabsteine aus der Umgebung. Aber wen die ungarisch beschriftete Statue neben der Kirche darstellt, erfährt man natürlich nicht. Beeindruckend ist das Kirchenschiff, wo man das Dach abgedeckt und die Kapellen in Ställe (o.Ä.) umgebaut hat. Aus der Wohnung des Mesners soll man ein Gefängnis samt Folterkammer gemacht haben, aber wer weiß, ob das stimmt. Schließlich muss es auf jeder slowakischen Burg eine Folterkammer geben, egal ob historisch belegt oder nicht.
Mariensäule
Berggericht

Dann bin ich in der Stadt herumgelaufen, rund um die Mariensäule, habe vieles wiedergefunden (so etwa das völlig heruntergekommene evangelische Gymnasium mit Gedenktafel für den ungarischen  Nationaldichter Sándor Petőfi), manches nur mit Mühe. Das Berggericht ist heute Mineralienmuseum, mit einer Buchhandlung im Erdgeschoss, die die Identifizierung erschwert. Dafür sind die evangelische und die katholische Kirche (letztere ist die slowakische Kirche) heute zugänglich. 

In der evangelischen Kirche führte mich eine ältere Dame, die insbesondere die Rolle von Franz II.

Inschrift mit Gedenken an Petőfi

beim Bau hervorhob (angeblich

Inneres der evangelischen Kirche

hat er sie bauen lassen, um evangelische deutsche Bergleute an die Stadt zu binden) und die darauf hinwies, dass das eine der zwei evangelischen Kirchen in Europa sei, die Logen hat (die andere sei die Dresdner Frauenkirche).Als ich mich als Protestanten outete, fragte sie vorsichtig nach, zu welcher evangelischen Kirche ich gehöre, das wisse man bei Tschechen ja nie. Aber ich konnte sie beruhigen, dass ich ein deutscher Lutheraner bin, das gefiel ihr natürlich sehr.

In der katholischen Kirche saßen zwei junge Mädchen, die zwar Eintritt kassierten, aber einem nur eine nichtssagende Broschüre in die Hand drückten. Dafür war die Kirche viel voller, mit Altären,

Deutsche Bauinschrift in der Slowakischen Kirche

Heiligenfiguren, aber auch Gerümpel, das offenbar eine

Installation?

„Installation“ darstellen sollte. Und an den Wänden gab es deutsche Inschriften aus dem 19. Jahrhundert, in der slowakischen Kirche!

Das Mittagessen habe ich in einem Touristenlokal eingenommen, zwischen einem russischen Liebespaar auf der Rechten und drei slowakischen Zeichenstudent/innen auf der Linken. Das russische Pärchen war eine echte Herausforderung, vor allem der junge Mann (der die meiste Zeit redete) hat so stark reduziert, dass ich unwillkürlich die ganze Zeit zugehört habe, gewissermaßen als Übung zum Hörverstehen.  Der Inhalt war nicht so interessant, es ging vor allem um die Frage, ob man es schafft, pro Tag höchstens 15 Euro für Essen auszugeben (ich nehme an, dass das hier möglich ist).

Inschrift an der Synagoge
Ehemalige Synagoge

Den Zeichenstudent/innen bin ich später noch einmal begegnet, auf dem Weg zum Neuen Schloss. Sie waren, wie ich später merkte, über die ganze Stadt verteilt, aber speziell die, die mit mir am Tisch gesessen hatten, zeichneten die Synagoge, die auf dem Weg zum Neuen Schloss liegt. Sie ist heute Teil einer Brauerei (sic!), und auf gleich mehreren Tafeln werden die Inhaber der Brauerei dafür gerühmt, dass sie das Gebäude haben renovieren lassen… Den Russen bin ich ebenfalls noch mal begegnet, im Hotel begegnet, habe sie aber so geschockt, als ich sie auf Russisch ansprach, dass eine weitere Kontaktaufname unterblieb.

Blick vom Neuen Schloss auf die Stadt
Eingang zum Neuen Schloss

Das Neue Schloss liegt ebenfalls auf einer Anhöhe, mit einem schönen Blick auf die Stadt. Es wurde gleich als Festung konzipiert und enthält ein Museum zu den Türkenkriegen. 1993 ging es, wenn ich mich richtig erinnere, noch um die „törkischen Kriege“ – das haben sie geändert, aber sonst nicht viel. Die Ausstellung ist offenbar noch die gleiche (kein Wunder, wo sollte man auch neue türkische Gegenstände herbekommen), und auch die tschechischen Briefe sind noch da. Das Beste fand ich aber den Blick auf die Stadt, der nur schwer zu fotografieren war (man darf die Fenster nicht öffnen).

Haarverlängernder Friseur

 Damit war mein Besichtigungsprogramm erstmal beendet, ich

Schokoladenladen Josephs II.

bin rechtzeitig vor dem Regen noch ins Hotel gekommen. Später am Nachmittag habe ich noch einmal Läden gesucht, ich würde mir z.B. gerne einen Sprudel kaufen, aber das ist erstaunlich schwierig. Offenbar hat der Tourismus die ganze Innenstadt überwuchert, so gibt es unendliche Bars, Pizzerien, Schokoladenläden etc., aber keinen einzigen Supermarkt. Und die Idee, zum Friseur zu gehen, habe ich wieder verworfen, als ich sah, dass im Schaufenster Färben und Verlängern der Haare (!) angeboten wird, dafür habe ich wirklich keinen Bedarf.





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