21. August 2012: Békéscsaba – Nădlac – Stár Bišnov

Wie nicht anders zu erwarten, ging der Abschied von Békéscsaba in Etappen vor sich. Ich musste ja noch unbedingt das slowakische Museum besuchen, das am Sonntag und Montag geschlossen war, und war von verschiedenen Seiten angehalten worden, auch noch das Slowakische Forschungsinstitut zu besuchen. Zu diesem machte ich mich gegen 9 Uhr auf den Weg und wurde von der einzigen anwesenden Mitarbeiterin, Frau Gulášová, freundlich begrüßt. Außer ihr war ein junger Mann da, der in Szeged Slowakistik studiert hat und gerade seine Diplomarbeit über Tranoscius schreibt. Er war besonders fasziniert davon, wie gut er mein Tschechisch verstand – offenbar hatte er zum ersten Mal diese Erfahrung mit einem Tschechischsprecher. Nachdem er gegangen war, zeigte mir Frau Gulášová die Buchreihen des Instituts, wir wurden aber bald durch die Ankunft ihres Mannes und Sohnes unterbrochen. Da konnte ich nun zum ersten Mal eine natürliche Unterhaltung zwischen Slowaken hören. Herr Guláš sprach allerdings schwer verständlich, allerdings auch über ein kompliziertes Thema (es ging um die Reparatur eines Brunnens). Und Frau Gulášová redete ihren Mann mit der 2. Person Plural an – leider war er so wortkarg, dass ich nicht feststellen konnte, ob das nun reziprok erfolgte oder nicht. Zum Abschluss bekam ich noch einige Bücher geschenkt, die bald in die Tübinger Bibliothek eingegliedert werden, und machte mich auf den Weg zum Museum.

Das Museum habe ich nur mit Mühe wiedergefunden, es war auch nicht besonders umwerfend. Der Herr, der die Sammlungen bewachte, konnte auch fast kein Slowakisch, sodass die Erläuterungen sehr kurz ausfielen. Immerhin hat es aber dazu gereicht, dass er mir mitteilte, sein Ur..urgroßvater sei Räuber gewesen (môj starý starý… otec zbojník), deshalb hat er auch schon einmal an einem Jánošík-Festival teilgenommen… – Meine letzte Amtshandlung in Békéscsaba bestand darin, dass ich am Schwimmbad nachgefragt habe, ob meine Armbanduhr gefunden wurde. Diese vermisse ich nämlich seit gestern Abend, auch wenn es möglich ist, dass sie irgendwo iim Auto liegt. Die Nachfrage war gewissermaßen eine Sprachprüfung, die ich aber gut bestanden habe. Die Dame an der Kasse verstand jedenfalls, was ich wollte, und hat an sechs Stellen angerufen und nachgefragt, leider war die Uhr aber nicht aufzufinden.

Anschließend fuhr ich nach Süden, in Richtung der rumänischen Grenze. Im nächsten slowakischen Ort Slovenský Komlóš/Tótkomlós war es schon so heiß, dass ich nur noch das Ortsschild fotografiert habe, gegen 13 Uhr war ich an der rumänischen Grenze, von wo es eigentlich nur noch wenige Kilometer bis zum nächsten Ziel, nämlich dem Siedlungsgebiet der Banater Bulgaren war. Allerdings ließ ich mich verleiten, einen kurzen Besuch in Nădlac zu machen, einer Stadt an der Grenze, die von Slowak/innen besiedelt ist. Von der hatten meine Gesprächspartner/innen in Békéscsaba immer geschwärmt, weil dort die Sprache so besonders lebendig sei. Davon konnte ich auch mich wirklich überzeugen, als ich eine Flasche Sprudel kaufen wollte, die Dame sprach bestes Slowakisch. Fotografiert habe ich dann die Tafel an der Kirche, in der der Ankunft der Slowaken gedacht wurde, die nämlich erst 1809 erfolgte.

Ich hatte eigentlich vor, von Nădlac zu den Bulgaren zu fahren, aber das war gar nicht so einfach. Südlich von Nădlac liegt nämlich das breite Flußtal des Mureș/Marosch, über den erst bei Arad wieder eine Brücke führt. Ich hätte auch noch Ungarn zurückfahren können, aber das wollte ich nun doch nicht, also bin ich nach Osten Richtung Arad gefahren, mit der Absicht, sobald als möglich nach Süden abzubiegen.

Dazu bot sich bald eine Gelegenheit bei einem Wegweiser nach Boldrog Vechi, dem ich gefolgt bin. Erst fuhren noch zwei andere Autos vor mir, dann bogen diese ab und ich war allein in einen faszinierenden Landschaft, die ich sehr genossen hätte, wenn nicht die Straße immer enger geworden wäre. Zwei entgegenkommende Pferdefuhrwerke grüßten mich freundlich und irgendwann war ich in Boldrog Vechi, das mich dreisprachig und auch in kyrillischer Schrift begrüßte. Und dann war die Straße zu Ende… Am Straßenrand stand ein Auto mit Kölner Kennzeichen, das ich scheu aus dem Auto fotografiert habe – die Besitzer lagen im Schatten und schauten mir verwundert nach. Und ich musste zurück durch die Flusslandschaft, musste zwei Pferdefuhrwerke überholen und war nach zwanzig Minuten wieder an der großen Straße, der ich dann lieber doch bis kurz vor Arad gefolgt bin.

Ich fuhr durch eine Landschaft, wo viele Ortsnamen auf -ac enden (Nădlac, Semlac, Felnac…) und musste an das Buch Unterwegs nach Babadag von Andrzej Stasiuk denken, das ich endlich mal lesen sollte. Es war sehr heiß (36°) und auch die Bäume an der Straße boten nur wenig Schatten, meistens standen dort auch Verkaufsstände. Als ich endlich mal einen Baum gefunden hatte und von der Straße herunterfuhr, um mich zu orientieren, folgte nach wenigen Minuten eine rumänische Großfamilie und begann, ihren Stand aufzubauen. Und ich bin lieber weitergefahren. Irgendwann gegen 16 Uhr war ich am (heutigen) Ziel meiner Wünsche, nämlich in Stár Bišnov/Dudeștii Vechii, dem Zentrum der Banater Bulgaren.

Im Ortsinneren parkte ich mein Auto im Schatten und ging erst einmal in den Club Stomi, um ein Mineralwasser zu trinken. Der Kellner war freundlich und redete mit mir Rumänisch, auf meine Frage, ob er Bulgarisch spreche, hat er nicht geantwortet. Wahrscheinlich fand er die Frage banal, denn am Nebentisch sprach man Bulgarisch und auch der Kellner sprach mit den Gästen so. Ich habe zwar nicht viel verstanden und wegen der slawischen Wörter im Rumänischen muss man vorsichtig sein, aber Wörter wie koji ‘welcher’ sind doch eindeutig. Ich hatte Hemmungen, die Leute anzusprechen, so habe ich nur aus der Ferne gelauscht und nicht einmal die jungen Leute an den Laptops angesprochen, die im Club saßen – der scheint nämlich gleichzeitig eine Art Internetcafé zu sein.


Dafür habe ich eifrig fotografiert und bewundere das Selbstbewusstsein der Minderheit, die wirklich eifrig ihren Dialekt (in Lateinschrift) in Aufschriften verwendet, an verschiedenen offiziellen Einrichtungen, aber auch an der Kirche, dem Kriegerdenkmal usw. Es gibt auch ein Museum (an dem freilich nicht einmal Öffnungszeiten dran stehen) und diverse Läden. Nur nach einem Hotel oder auch nur Restaurant habe ich vergeblich gesucht.

Der Karte folgend bin ich in Richtung Serbien gefahren und kam erst in einen kleinen Ort namens Valcani und dann wirklich zur Grenze. Die ist aber geschlossen, ohne jeden Hinweis zwar, aber mit einer großen Schranke, die auch noch mit Steinen beschwert ist. Die Möglichkeit des illegalen Grenzübertritts nach Serbien habe ich dann doch verworfen, bin wieder nach Stár Bišnov gefahren, habe noch einmal nach einem Hotel gesucht und bin schließlich lieber nach Sânnicolau Mare gefahren. Sehr reizvoll fand ich die Werbung des non stop geöffneten Begräbnisunternehmens, wie gut, dass mein Rumänisch so gut ist, dass ich da keinem Missverständnis unterlegen bin…

In Sânnicolau Mare (auch Großsanktnikolaus oder Nagyszentmiklós) fand ich schnell das Hotel Malvina, in dem ich dann genächtigt und auch zu Abend gegessen habe. Das Beste war das Unterhaltungsprogramm im Fernsehen, an dem Tag, an dem das Verfassungsgericht die Volksabstimmung über den rumänischen Präsidenten für gültig erklärt hat… Ja, und morgen geht es noch einmal nach Stár Bišnov und danach in die Vojvodina.

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