Da der „Müterśpröhtag“ erst um 16 Uhr begann, hatte ich am Vormittag noch viel freie Zeit, die ich eher geruhsam verbracht habe. Ich war in einer Nachbarstadt von Wilamowice (Kęty) und dann in Wilamowice selbst, wo ich ein bisschen fotografiert, vor allem aber viel Zeit mit der Suche nach einem Geldautomaten verbracht habe. Bei der Kirche sah ich ein älteres Paar, bei dem ich mich angeschlichen habe, um zu hören, ob sie vielleicht Wilmesauerisch miteinander reden, aber das war natürlich nicht der Fall. Und einen Bankautomaten habe ich schließlich erst am Stadtrand neben dem Friedhof gefunden… Bzw. um ehrlich zu sein, bei einer Bankfiliale neben dem Friedhof.
Ja, und gegen 15:45 bin ich dann zum Feuerwehrhaus gefahren, wo die Veranstaltung stattfinden sollte. Ich war etwas ängstlich, ob ich es schnell finde, aber das war wirklich kein Problem, denn es wurde gerade eine ältere Dame in Tracht dort abgesetzt, und der bin ich gefolgt. Der Saal war noch halbleer, füllte sich aber schnell. Vorne rechts saßen wie im Vorjahr die Senior_innen aus
Kurz nach 16 Uhr begann die Veranstaltung. Tymoteusz Król begrüßte die Anwesenden erst auf Wymysiöryś und dann auf Polnisch, und dies hat er bei der gesamten weiteren Moderation auch durchgehalten. Besonders begrüßt wurden die letzten Muttersprachler_innen aus Wilamowice und aus Hałcnów, unter ihnen die 97jährige Helena Biba, die im letzten Jahr auch dabei war, als eine Kommission des Sejms den Antrag auf Anerkennung des Wilmesauerischen als Regionalsprache debattierte.
Der erste Programmpunkt war der Auftritt eines etwa zehnjährigen Mädchens, das das Lied „Feel the light“ auf Wymysiöryś sang. Diese Art von Darbietungen, bei der irgendwelche Weltschlager auf Wymysiöryś dargeboten werden, ist für Wilamowice typisch (und es folgten auch noch weitere). Mich kann man damit nicht so beeindrucken, weil ich das Lied natürlich gar nicht kannte. Aber das Mädchen, übrigens die Tochter von Justyna Olko, sang sehr schön.
Als nächstes folgte ein Vortrag von Tomasz Wicherkiewicz über nichtjapanische Sprachen in Japan. Auch das mag überraschen, lässt sich aber leicht dadurch erklären, dass er das letzte halbe Jahr als Gastprofessor an der Universität von Hokkaido war. Und außerdem lagen Parallelen zwischen der Situation der Ainu und der Riukiu-Völker mit den Minderheiten in Polen auf der Hand (obwohl sie nicht ausgesprochen wurden). Im Vortrag ging es vor allem um die Ainu, die lange diskriminiert wurden und bei denen es keine Muttersprachler mehr gibt, die aber in den letzten Jahren immer mehr Aktivitäten entwickeln. Wir erfuhren auch, dass ihnen Mitte Februar ein Minderheitenstatus gewährt wurde, aber wohl nur deshalb weil Russland den Ainus auf den Kurilen (von denen es noch wesentlich weniger gibt als auf Hokkaido) im Dezember 2018 einen solchen Status gewährt hat… Auf weitere Details dieses hoch interessanten Vortrags kann ich nicht eingehen und erwähne nur noch, dass er mit einem Hinweis auf Zusammenarbeit der Ainu und der Maori auf dem Gebiet der Revitalisierung endete.
Im nächsten Vortrag sprach Justyna Olko, Professorin für Ethnologie an der Universität Warschau, über das gerade ausgelaufene Projekt „Zaangażowana humanistyka w Europie“ bzw. „Engaged Humanities in Europa“. Dieses Projekt hatte sich u.a. die Unterstützung von Aktivitäten zur Revitalisierung zum Ziel gesetzt, und so gab es in den letzten Jahren viele Workshops, Sommerschulen usw. mit Sprechern des Manx, des Nahuatl und eben auch des Wymysiöryś. Es wurden viele Bilder von gemeinsamen Aktivitäten gezeigt und Anekdoten erzählt, u.a. davon, wie sich Tymek in Leiden mit einem Kellner auf Wymysiöryś verständigt habe. Dieser Vortrag endete mit der Vorführung eines Kurzfilms zum Thema, in dem u.a. auch die amerikanische Linguistin Lenore Grenoble auftrat, die mir aus ganz anderen Kontexten bekannt ist (u.a. als Forscherin zur Deixis im Russischen).
Nach dem Tanz wurde es wieder ernster, und es gab ein Panel mit jungen Aktivist_innen von sprachlichen Minderheiten, moderiert von Tymoteusz Król. Auf dem Podium saßen zwei junge Frauen und fünf junge Männer, wobei die Schlesier mit drei (männlichen) Vertretern eindeutig überrepräsentiert waren. Daneben war ein Aktivist aus Hałcnów dabei, wo man jetzt auch angefangen hat, die Sprache zu dokumentieren und nach älteren Denkmälern zu suchen, weiterhin eine Kaschubin, eine Lemkin und ein Masure. Und es wurde sehr deutlich, wie weit die Spannbreite zwischen denen ist, wo es kaum noch Sprecher_innen und
Nach einer kurzen Kaffeepause folgte die zweite Musikeinlage, und zwar der Auftritt der Familie Majerski. Hier scheint die ganze Familie für das Wymysiöryś engagiert, der Vater und zwei Töchter traten im Konzert auf, ein Sohn im darauf
Den Schlusspunkt bildete ein Theaterstück mit dem Titel „Ojeruma. Czyli lepsze deko handlu niż kilo roboty“. Was „Ojeruma“ heißt, weiß ich nicht, der polnische Titel ist etwas mit „Besser ein Deka Handel als ein Kilo Arbeit“ zu übersetzen. Das
Nach dem Ende der Veranstaltung gab es noch ein kleines Gelage mit Pizza und viel Schnaps, zu dem ich auch eingeladen wurde. Hier hatte ich noch interessante Gespräche mit mehreren Leuten und blieb auch nüchtern – ich war ja mit dem Auto da und musste den Schnaps verweigern. Der Abend klang dann damit aus, dass ein Teil der Anwesenden die Kaiserhymne erst auf Deutsch, dann auf Tschechisch, dann auf Wymysiöryś und dann auf Polnisch gesungen hat. Ich war dabei behilflich, weitere Versionen im Internet zu suchen, aber gesungen wurden nur noch die ukrainische Version (von den Schlesiern) und die kirchenslavische (von dem Polen aus Petersburg). An die hebräische und die ungarische Version haben wir uns nicht getraut.