26. August 2011: Zu Gast beim Ritter Hagen

Als ich am Dienstag um die Mittagszeit Prag verließ, wollte ich so schnell als möglich an die polnische Grenze und in die Grafschaft Glatz (auf polnisch Ziemia kłodzka) gelangen. Das geht heute viel einfacher als noch vor einigen Jahren, denn die Autobahn nach Königgrätz führt wirklich nach Königgrätz… Zu den Zeiten, als ich anfing, regelmäßig nach Ostböhmen zu fahren, führte sie nämlich nur bis Poděbrady, weniger als die Hälfte der Strecke, und danach durfte man sich auf Landstraßen vergnügen, die mit polnischen Lastwagen überfüllt waren. Heute kommt man bequem nach Königgrätz und muss auch gar nicht in die Stadt hinein, sondern man kommt auf eine Ringstraße, wo man sich dann aussuchen kann, was das nächste Ziel sein soll.

Mein nächstes Ziel war Náchod, das direkt an der polnischen Grenze liegt, von dort ist man schnell in Bad Chudoba bzw. Kudowa Zdrój, dem ersten großen Glatzer Kurort. Bis Náchod fährt man auf einer Schnellstraße, die zwar nicht übermäßig befahren ist, dafür aber durch einige Orte hindurchführt, Ich genieße diese Strecke immer wieder, denn sie führt an Lochenice bei, einem Ort, in dem möglicherweise mein geliebter Johann Wenzel Pohl geboren ist (Lochenice ist allerdings nur einer vielen Orten, wo ich seine Spuren gesucht habe), und dann an Trotina vorbei, woher der Vater von Maximilian Schimek stammte – Schimek war katholischer Priester und stand Pohl nahe, er war einer der wenigen, die Pohls Orthografie übernahmen. Trotina erkennt man immer sehr gut an der Autowerkstatt, die an der Schnellstraße annonciert. Gegen Náchod hin wird der Verkehr freilich immer dichter, und die Durchquerung der Stadt ist mühselig (auch da gibt es wieder Lastwagen aus einem Nachbarland…), so entschloss ich mich diesmal, kurz vor Náchod, genauer gesagt in Svinišťany/Schweinschädel (bekannt durch die dort am 26. Juni 1866 geschlagene Schlacht), nach rechts abzubiegen und durch das Adlergebirge nach Osten zu fahren, in dem auch die tschechisch-polnische Grenze verläuft.

Das war eine schöne Fahrt durch kleine Orte und viel Wald. Die Gegend ist wenig besiedelt, aber offenbar ein beliebtes Schigebiet – das erkennt man an den vielen Hinweisen auf Hotels, die aber unbewohnt wirken, und auf Schilifte. Etwas beunruhigend fand ich hingegen, dass es überhaupt keine Hinweise auf Grenzübergänge gab, auch wenn in meinen Autoatlanten (ich reise immer mit einem tschechischen und einem polnischen) welche eingezeichnet sind. Man merkt hier gut, dass die Grenzübergänge ziemlich neu sind (und kein Geld für neue Straßenschilder da war), denn plötzlich sind sie da, angekündigt auf kleinen neuen Schildern, die dazu auffordern, nach 100 m rechts zu fahren

– und da führt dann eine funkelnagelneue Brücke über den Grenzfluss nach Polen. Auf der anderen Seite ging es genauso einsam weiter, hier führte die Straße an einem Berg namens Zieleniec vorbei (ich kannte bisher nur den gleichnamigen tschechischen Außenminister) und ich konnte wählen, ob ich nach Bystrzyca Kłodzka (Habelschwerdt) oder nach Duszniki Zdrój (Bad Reinerz) wollte – ich entschloss mich für die zweite Möglichkeit.

Eigentlich hatte ich ja die Absicht, schnell ein Hotel zu finden und dort abzusteigen, um mich von der großen Hitze zu erholen und einen ruhigen Abend zu verbringen. Das war aber nicht ganz so einfach, insbesondere weil ich bei der Hotelsuche recht wählerisch bin. In den letzten Jahren habe ich mir angewöhnt, entweder in große teure „westliche“ Hotels zu gehen, wo man allen Komfort hat – und vor allem WLAN, was ich wegen meiner Internetsucht dringend brauche –, oder aber in kleine Landgasthäuser, die aus irgendwelchen Gründen interessant erscheinen. Erschwerend kommt hinzu, dass ich eine starke Allergie gegen Kurorte, Wallfahrtsorte und von Jugendlichen bevölkerte Sommerfrischen habe. Und mit allen drei Arten von Orten ist die Grafschaft Glatz leider reich gesegnet… Auch Ferien auf dem Bauernhof (auf Polnisch „Agroturystyka“) müssen nicht unbedingt sein. Das kann zwar interessant sein (wie vor zwei Jahren bei den Slowinzen), aber ich bin ängstlich, wie leicht ich etwas Geeignetes finden würde.

Das Hotel in Duszniki Zdrój, das ich ins Auge gefasst hatte, war (wie im Vorjahr) belegt. Alle anderen Hotels lagen in der Kurzone und hatten auch noch so aufmunternde Namen wie „Grunwald“ (d.h. Tannenberg) oder „Piastów gród“ (Piastenburg), so fuhr ich denn nach Lewin weiter, einem verschlafenen Städtchen, das allein dadurch sympathisch ist, dass es auch zum Böhmischen Winkel gehörte – da gibt es aber überhaupt keine Hotels. Also fuhr ich weiter in Richtung tschechische Grenze, den Weg nach Osten (wo die große Stadt Glatz liegt) genauso verschmähend wie den nach Nordwesten (wo man nämlich schnell im Wallfahrtsort Albendorf/Wamberzyce landet). Ich glaubte mich zu erinnern, dass es am Weg nach Kudowa Zdrój kleinere Hotels gibt, aber die scheint man seit letztem Sommer abgerissen zu haben, jedenfalls war ich schnell in diesem Kurort, den ich verschreckt in Richtung des Heuscheuergebirges (polnisch Góry stołowe) verließ. Im Gebirge liegt Karłów und auch ein gleichnamiges Hotel, das ich aber gar nicht in Augenschein nahm, und bald war ich kurz vor der tschechischen Grenze, nun in Radków (früher Wünschelburg). Der Ort gefiel mir gut, schon allein wegen des Namens, aber er hat auch einen hübschen Marktplatz mit Geschäften und Gaststätten. Das einzige Hotel trug freilich die Aufschrift Dwór gościnny, was mich skeptisch stimmte – zwar heißt das letztlich auch nur „Gasthof“, aber warum schreibt jemand an sein Hotel statt „Hotel“ „Gasthof“?. Als ich dann hineinging, huschten mir Scharen von polnischen Jugendlichen entgegen – und ich habe wieder das Weite gesucht.

An der nächsten Straße reihte sich ein kleines Gasthaus an das andere. Erst kam die „Zaubermühle“, dann das Gasthaus „Zum Ritter Hagen“ und danach das Gästehaus „Maria“. Bei dieser Fülle (die Bauernhöfe und die touristischen Unterkünfte ohne Namen habe ich weggelassen) meinte ich, es doch wagen zu müssen. Vor der Zaubermühle hatte ich Angst, eine Unterkunft bei der Muttergottes muss auch nicht sein, also probierte ich es beim Ritter Hagen. Ich kam in ein kleines Landgasthaus mit fünf Gästezimmern und Restaurant und habe mich eingemietet. Das Zimmer war zwar gar nicht so klein, aber durch das französische Doppelbett doch eher eng, alles andere stimmte. Nur fand ich zunächst keine Anzeichen dafür, wer der Ritter Hagen war… Beim Abendessen musste ich dann feststellen, dass es in dem Hotel nicht einmal Handyempfang gab, von Internet ganz zu schweigen. Ich habe mich über mich selbst gewundert, dass ich danach nicht gefragt habe, fand mich aber gleich damit ab, weil das ja auch die Erholung fördert. Ansonsten war ich so müde, dass ich nicht einmal das Gastzimmer genauer betrachtet habe.

Bei einem Abendspaziergang stellte ich dann zwei interessante Dinge fest: Nur zweihundert Meter vom Hotel thront eine Burgruine über dem Dorf, die ich hätte sehen können, wenn ich nicht eher auf die Straße und die Gasthäuser geachtet hätte, ferner ist der nächste Nachbarort der Wallfahrtsort Albendorf/Wamberzyce, d.h. ich war bis zu einem gewissen Sinne im Kreis gefahren. Nach Wamberzyce bin ich dann am nächsten Tag zu Fuß gegangen (es liegt nur 2 km entfernt), dazu kommt vielleicht noch ein getrennter Bericht. Und das Schloss ließ sich anhand der Wikipedia als das ehemalige Schloss Niederrathen (der Ort heißt heute Ratno Dolne) identifizieren. Es stammt aus dem 16. Jahrhundert und wurde bis ins 20. Jahrhundert benutzt, zuletzt (nach dem Krieg) als Kinderheim. 1998 ist es ausgebrannt und verfällt allmählich. Der Zugang zum Gelände ist verboten (mit Warnschildern), das Gebäude soll in Privatbesitz sein.

Das hat aber die Besitzer des Hotels nicht davon abgehalten, sich als die wahren Erben zu fühlen. Wie ich beim Frühstück feststellte, hängt im Gastzimmer ein großes Bild des Schlosses, der Besitzer ist durch einen Flachbildschirm nicht gut zu sehen, er erinnert aber stark an Rembrandts Mann mit dem Goldhelm.

Auch die Portionen sind fürstlich bzw. rittergemäß, weshalb ich beim Frühstück immer die Hälfte stehen ließ.

Aber auch die Moderne hat sich ihren Raum erobert – beim Blick aus den Fenster wurde ich auch an Loriot erinnert, von dessen Tod ich am selben Tag gehört hatte…

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