28. August 2011: Besuch am Ende der Welt

Für den Donnerstag hatte ich mir Besuche in einigen abgelegeneren Gegenden der Grafschaft Glatz vorgenommen. Am wichtigsten war mir dabei der Ort Pohldorf (heute Paszków), in dem man die Urheimat aller Pohls vermuten könnte, ferner wollte ich nach Habelschwerdt/Bystrzyca Kłodzka, der zweitwichtigsten Stadt der Gegend, und schließlich hatte ich in einem polnischen Reiseführer von Marientha/Niemojów an der tschechischen Grenze gelesen, wo es einen interessanten Friedhof geben soll.

Ich fuhr direkt vom Ritter Hagen nach Paszków, das am Ende einer Stichstraße liegt, die von der Straße nach Bystrzyca Kłodzka abgeht. Die Abzweigung war leicht zu finden, dafür war schwer zu entscheiden, wo eigentlich der Ort anfängt. Offenbar haben sich nur wenige Interessenten gefunden, die nach der Vertreibung der Deutschen in solchen Gebirgsdörfern leben wollten. So sind viele Häuser verschwunden und die Abstände zwischen den Gehöften ungewöhnlich groß. Auch hat man den Eindruck, als gehe es eher um Wochenendhäuser (oder Landsitze) als um eigentliche Bauernhöfe. Ich konnte auch weder einen Friedhof noch eine Kirche finden und bin bald nach Bystrzyca Kłodzka weitergefahren.

Diese Stadt fand ich schon im vergangenen Jahr recht verschlafen. Sie hat eine wunderschöne Altstadt, in der aber wenig los ist, insbesondere hatte ich im letzten Jahr nur eine einzige Gaststätte gefunden, vor der man sitzen konnte. Dieses Jahr war auch das nicht mehr möglich, denn der Hauptplatz wird umgebaut – überall war aufgegraben, Bagger standen herum (und gearbeitet wurde nicht, das hat mich aber noch am wenigsten gestört). Nicht besonders vertrauenserweckend wirkte ferner ein Gespräch zwischen Einheimischen (!), das ich zufällig mitanhörte – sie waren nämlich uneinig, wo in Zukunft Stufen hinkommen und wohin nicht. Der Stadtspaziergang wurde dadurch wesentlich verkürzt, denn ich wollte nicht noch einmal auf den Turm steigen, von dem aus man die Stadt von oben betrachten kann, und auch das Muzeum Filumenistyczne, in dem es um die Geschichte von Feuerzeugen und Streichhölzern geht, lockte mich nur mäßig. Das Museum ist übrigens in der ehemaligen evangelischen Kirche untergebracht, was meine persönliche Akzeptanz nicht unbedingt steigert…

Also weiter nach Niemojów. Zunächst habe ich mich verfahren, weil ich Probleme mit den Ortsnamen hatte. Es muss aber wirklich nicht sein, dass nebeneinander Międzygórze (deutsch Wölfelsgrund) und Międzylesie (deutsch Mittelwalde) liegen… Die Straßen wurden auch immer schlechter, aber es gab wenigstens Wegweiser, und irgendwann war ich da. Rechts stand ein einsames Wirtshaus, links ging es über eine Brücke in die Tschechische Republik. Und ich war ganz allein, kein kleiner Grenzverkehr, keine Kontrolle, einfach gar nichts, gewissermaßen Schengen pur.

 Nach einer zweiminütigen Stippvisite auf der tschechischen Seite, wo ich auch noch einen wunderschönen Johann von Nepomuk fotografiert habe, machte ich mich auf die Suche nach der Kirche. Die erblickte ich dann auf der rechten Seite, hoch oben über der Straße, auf den ersten Blick war auch nicht zu erkennen, wie man dort hinkommt. Ich fragte eine alte Frau, die neben der Straße Holz hackte, ob ich rechts gehen sollte, sie reagierte mit einem lakonischen no. Das müsste zwar eigentlich ja heißen, trotzdem war das der falsche Weg, denn ich stand auf einmal vor der Friedhofsmauer, die ich kurzerhand überklettet habe. Die Kirche war verschlossen, aber der Friedhof hatte doch einen besonderen Reiz. Einerseits lagen alte deutsche Grabsteine ordentlich aufgereiht nebeneinander (vermutlich von verwüsteten Gräbern stammend), andererseits erfüllte das eigentliche Denkmal, auf das der Reiseführer hingewiesen hatte, alle Erwartungen. Es geht um das Grabmal von drei Schultheißen und einer Frau vom Ende des 16. Jahrhunderts, angebaut an der Kirche und mit dem Blick hinüber nach Böhmen. Einer von ihnen hat sich in Auseinandersetzungen über den Grenzverlauf verdient gemacht und bewacht die Grenze bis heute.

Auf dem Rückweg kam ich wieder bei der Frau vorbei und grüßte höflich – und sie sprach mich an und begann zu erzählen. Zunächst ging es darum, dass sie für das Erntefest am Sonntag (polnisch dożynki) einen Kranz geflochten hatte, den sie mir auch gleich vorführte. Den Kranz würde sie am Sonntag auf einer Ausstellung in Międzylesie (oder war es Międzygórze) zeigen, wo sie ihr Dorf repräsentiert. Sie hat mir dann erzählt, dass es solche Veranstaltungen früher auch auf Bezirkebene und höher gegeben hat, heute nur noch im einzelnen Kirchbezirk. Und dann legte sie los und redete und redete, über ihre Auffassung der heutigen Zeiten. Sie beklagte vor allem die Unordnung (bałagan), die überall herrsche, vor allem aber auch in ihrem Dorf. Früher sei kontrolliert worden, ob jeder seinen Hof in Ordnung hält, und wenn der Hof unordentlich war, musste man Strafe zahlen (sie sprach von einem mandat). Besonders schimpfte sie auf den Nachbarn, der das Gelände neben ihr gekauft hat. Er wohnt in Oppeln, arbeitet in Deutschland und kommt nur ein paarmal im Jahr vorbei. Und das Gelände verwahrlost… Früher hätte es hier weit über hundert Gehöfte gegeben, heute nur noch ca. dreißig. Es gibt keinen Laden mehr und keinen Autobus, früher sei wenigstens einmal am Tag einer gefahren. Und niemand kümmert sich ums Dorf. Ja, wenn sie noch zu Versammlungen führe, sie würde es den Herren aus Warschau erklären. Alles habe ich mir nicht gemerkt, es ging um die Subventionen, die sie falsch findet, aber auch um die Haltung der Leute. Selbst der Präsident könne das nicht ändern, die Menschen müssten selbst damit anfangen.

Ich kam kaum zu Wort und wusste auch nicht, was ich hätte fragen sollen. Immerhin habe ich mich erkundigt, wie lange sie hier lebt, und erfuhr, dass schon seit fünfzig Jahren. Da ich in ihr eine Umsiedlerin aus den polnischen Ostgebieten vermutete, habe ich auch auf die Sprache geachtet, wurde aber ziemlich enttäuscht. Das Einzige, was mir aufgefallen ist, war, dass sie neben Czechy manchmal auch Czachy sagte, und einmal auch orzach statt orzech (Nuss). Irgendwann kam dann aber heraus, dass sie aus der Gegend von Warschau stammt, da war die Sprache auch nicht mehr so spannend… Am Schluss ging es dann um Tschechien – sie war nämlich eine Woche vorher in Prag gewesen und von der Stadt ganz begeistert. Die Tschechen seien zwar wenige (nämlich nur 12 Millionen), aber selbstbewusst, denn sie wollten den Euro nicht, und außerdem sei es dort so ordentlich und sauber, czysto, czysto. Da musste ich mich beherrschen und nicht von meinen tschechischen Bekannten erzählen, die ganz fasziniert waren, als sie nach der Wende das erste Mal nach Westdeutschland kamen und dort dasselbe feststellten.

So habe ich mich letztlich verabschiedet und bin in das Gasthaus gegangen, wo ich mittagessen wollte. Das war aber nicht so richtig einfach, denn es gab nur drei Suppen zur Auswahl – ich habe eine Grießsuppe gewählt und mit Genuss gegessen, dazu ein alkoholfreies Bier (ja, das war bis in diese Einöde vorgedrungen). Beim Bezahlen plauderte ich noch kurz mit der Wirtin und erzählte von der alten Frau, und sie reagierte ganz spontan mit dem Satz: Tak, jeśteśmy tutaj na końcu świata – ja, wir sind hier am Ende der Welt.

Auf der Rückfahrt von Niemojów habe ich mich wieder verfahren und war auf sonderbaren Waldstraßen, die so wirkten, als könnten sie jederzeit enden. Zur Erholung bin ich dann lieber nicht nach Bystrzyca Kłodzka gefahren, sondern in den Kurort Lądek Zdrój, wo schon Friedrich der Große zu Gast war. Am besten fand ich dort aber das Plakat des Militärcafés, wo offenbar das wirkliche Leben „abgeht“. Aber da bin ich dann lieber doch nicht hingegangen…

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