5. August 2019: Modrá – erneute Suche nach „Klimentek“ – Langobarden im Supermarkt

Am Vormittag habe ich zunächst einige Besorgungen erledigt. U.a. war ich in einem Handy-Laden, um klären zu lassen, ob meine SIM-Karte defekt ist oder das Handy selbst. Seit einigen Tagen erhalte ich nämlich immer die Fehlermeldung, es sei keine SIM-Karte vorhanden, obwohl sie in Wirklichkeit eingelegt war. Der Techniker stellte schnell fest, dass das Handy in Ordnung, dafür aber die SIM-Karte defekt ist. Und so bin ich nun zum ersten Mal stolzer Besitzer einer tschechischen SIM-Karte, habe auch eine tschechische Telefonnummer (die ich aber geheim halte) und komme wieder unterwegs ins Internet.

Am späteren Vormittag bin ich dann aufgebrochen, und zwar zunächst nach Modrá, der zweiten großmährischen Stätte, die mir bisher nicht bekannt war. Man kann aber auch nur mit Einschränkungen von einer Ausgrabungsstätte sprechen, denn bei Modrá handelt es sich um einen sog. „archeoskanzen“, d.h. ein Freilichtmuseum, in dem ein großmährisches Dorf nachgebaut ist, und „echt großmährisch“ sind nur die bescheidenen Fundamente einer Kirche, die auf einem Hügel daneben stand. Die Rekonstruktion des Dorfes ist natürlich (!) nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten erfolgt und lehnt sich an Funde an, die man bei der Ausgrabung von Siedlungen gemacht hat. Aber weil an einem Ort alles Wesentliche gezeigt werden soll, entsteht dann doch ein leicht unwahrscheinliches Ensemble von Dorf, Palast, Rotunde u.a.m. In einem Gebäude neben der Rotunde hängt auch ein Plakat mit der glagolitischen Schrift, ich war Zeuge, wie eine tschechische Großmutter ihren nur mäßig interessierten Enkeln diese Schrift zu erklären versuchte… Reizvoll sind auch die Wandmalereien im Palast, von denen aber hoffentlich nicht einmal die Maler glauben, dass sie großmährischen Mustern folgten.

 

 

 

 

Die Besichtigung hatte nicht lange gedauert, dann war ich auch noch auf dem Hügel bei den Fundamenten der Kirche und habe anschließend in der Gaststätte eine Linsensuppe gegessen. Und dann habe ich den Herrn an der Kasse gefragt, wie man zu der „archäologischen Lokalität“ in Osvětimany kommt. Er meinte zunächst, dort gebe es nur die Reste einer Kirche, aber als mich das nicht abschreckte, hat er mir auf dem Handy den Weg gezeigt. Man muss also die Straße von Osvětimany nach Koryčany fahren, und dann geht es irgendwann rechts durch den Wald zum Berg des Hl. Clemens.

Also fuhr ich nun wieder nach Osvětimany und folgte einem Wegweiser nach Koryčany. Die Straße, die ich fuhr, kannte ich schon, weil ich da am Vortag auch gewesen war, links liegt eine Farm, rechts eine Kapelle, aber am Vortag war ich am Ortsende wieder umgekehrt, diesmal fuhr ich weiter. Und nach ca. drei Kilometern sah ich dann rechts eine Ansammlung von Hinweisschildern inklusive einer Statue (in der ich den Hl. Clemens vermutete), ich war also fast am Ziel. Mein Auto parkte ich an der Straße und folgte den Schildern, die mich, vorbei an einem Teich, der natürlich nach dem Hl. Clemens benannt ist (Klimentský rybník), zu einer Feriensiedlung mit dem schönen Namen Radost (Freude). Erst standen dann Wochenendhäuschen, dann ein Jugendlager, sogar mit einem Indianerzelt. Unterwegs gab es dann auch noch ein Hinweisschild, man solle der gelben Markierung folgen, und es seien noch 1,5 km.

Ich wanderte gemütlich auf einem breiten Weg, der in den Wald hineinführte, aber irgendwann begann ich skeptisch zu werden. Ich habe zwar kein gutes Gefühl für die Länge von Strecken, aber allmählich mussten es viel mehr als anderthalb Kilometer sein, gelbe Markierungen gab es auch nicht mehr, und keinerlei Schilder. Ich bin dann doch weitergelaufen, immer bergauf, irgendwann kam ein kleines Denkmal für die Eiche des Hl. Clemens, aber ohne jede Hinweise auf den Berg. Und als es dann wieder abwärts ging, bin ich umgekehrt. Erst später wurde mir klar, dass der „Ausflug“ fast zwei Stunden gedauert hatte.

 

 

 

 

Ich ging zurück zum Auto und beschloss, als nächstes nach Koryčany zu fahren, wohin ich sowieso noch wollte (s.u.). Und sieh da, nach weiteren 1-2 Kilometern sah ich rechts am Straßenrand ein kleines Hinweisschild zum Berg des Hl. Clemens. Obwohl ich, auch wegen der Hitze, schon etwas müde war, beschloss ich, es noch einmal zu versuchen, parkte 200 m weiter auf einem Forstweg und ging zurück zu dem Schild. Dort führte ein kleiner Fußweg in den Wald, und nach wenigen Metern stand eine große Informationstafel zum Berg des Hl. Clemens, über seine Geschichte, die Geschichte der Erforschung, und auch mit einer Karte. Die Darstellung übertrifft die in der tschechischen Wikipedia noch deutlich. Nach Ansicht der Autoren war der „Klimentek“ die wichtigste großmährische „Burgstätte“ überhaupt, mit einer größeren Fläche als Mikulčice und mit einer langen Tradition. Dass die erste Erwähnung aus dem Jahr 1358 stammt, wird zwar nicht verschwiegen, aber es wird ausführlich dargelegt, dass verschiedene Ereignisse der großmährischen Geschichte genau hier stattgefunden hätten. Und am Schluss wird dann noch beklagt, wie wenig die Lokalität erforscht sei, z.T. seien Grabungsergebnisse nicht publiziert usw. Dass auf dem „Klimentek“ das Grab des Hl. Method lag und auch gefunden wurde, überrascht dann niemanden mehr…

 

 

 

 

Kurz hinter der Tafel teilte sich der Weg, nach links ging ein breiter Weg mit grüner Markierung, gerade aus ein kleiner Pfad ohne Markierung. Also bin ich der Markierung gefolgt, die mich zunächst zu meinem Auto führte, aber dadurch ließ ich mich nicht verwirren und ging weiter in den Wald hinein. Und auf einmal hörte ich Stimmen, von der Straße her. Kurz darauf begegnete ich auch den Leuten, die ich gehört hatte, es war eine Gruppe von acht Personen, ein älterer Mann, zwei jüngere Frauen und ein jüngerer Mann und vier Kinder. Wie sich zeigte, waren sie auch auf dem Weg zum „Klimentek“, und weil der ältere Mann (der Vater der zwei Frauen und Großvater der Kinder) schon öfter dort gewesen war, schloss ich mich der Gruppe an. Wir waren dann bald im freundlichen Gespräch, natürlich auf Tschechisch, leicht verwundert nahm ich dann nur zur Kenntnis, dass ein Teil der Kinder untereinander Englisch sprach. Ich habe nicht nachgefragt, erhielt aber später die Erklärung.

Wir gingen weiter in den Wald hinein, der aber immer dichter wurde, und irgendwann meinte die eine Frau, das könne einfach nicht der richtige Weg sein. Ihr Vater widersprach und erklärte seine Schwierigkeiten mit der Wegfindung damit, dass in letzter Zeit so viel Holz gefällt und gleichzeitig an anderen Stellen wiederaufgeforstet werde. Aber tatsächlich sei er dort oft gewesen, das letzte Mal vor drei Jahren, wo er mit dem Erzbischof von Olmütz ein „Stamperl“ Schnaps getrunken habe. Denn offenbar gibt es immer noch jedes Jahr eine Wallfahrt auf den „Klimentek“ (wie die wohl den Weg finden?). Ich erzählte dann von der Informationstafel und die Tochter entschied dann gegen den Widerstand des Vaters, dass wir zu der Tafel zurücklaufen und uns dort informieren sollten. Das geschah auch, und sieh da, die Lösung bestand darin, dass man eben doch den kleinen Waldweg gehen musste. Der wurde bald breiter und der ältere Herr meinte dann, ja, das sei der richtige Weg, den die Wallfahrer gehen (und er fügte hinzu, dass man auf dem anderen Weg auch zum Ziel gekommen wäre, nur von der anderen Seite).

Nach einer Viertelstunde hatten wir den Hügel erklommen und fanden dort eine relativ große Anlage vor, die Fundamente einer Kirche, daneben eine Kapelle aus neuerer Zeit, eine Glocke, die die Kinder dann gleich eifrig läuteten, und eine Art Xylophon, wo man auch schön Krach machen konnte. Wir waren dann in der Kapelle, haben uns gegenseitig fotografiert, und ich verabschiedete mich wieder, während die Gruppe noch ein Picknick auf dem Berg machte.

Inzwischen hatte mir der ältere Herr auch etwas mehr über die Familie erzählt, was ich hier kurz wiedergeben will, weil es eine sehr interessante, internationale Familie ist, die aber bis zu einem gewissen Grade charakteristisch ist für Entwicklungen innerhalb der tschechischen Intelligenzija. Der ältere Herr ist Arzt in einer nahegelegenen Kleinstadt, seit 1990 mit eigener Praxis, und er hat drei Töchter, von denen zwei dabei waren. Die Ältere ist in Australien verheiratet und hat zwei Kinder, die aber neben Englisch auch gut Tschechisch sprechen. Die Jüngere ist mit einem Schweden verheiratet (das war der jüngere Mann) und hat mit ihm acht Jahre in Dubai gelebt, bis sie letztes Jahr nach Schweden zurückgekehrt sind. Sie hat zwei Söhne, der eine ist 8 Jahre alt, der andere ca. 5. Der Fünfjährige war sehr quengelig und wurde daher manchmal getragen, der Achtjährige sehr unternehmungslustig. Wie der stolze Großvater mir erzählte, spricht er fünf Sprachen, nämlich Tschechisch, Englisch, Schwedisch, Finnisch (es gibt da offenbar eine finnische Großmutter) und Arabisch, und ist der Star seiner Klasse. Ja, und die dritte Tochter arbeitet derzeit in Harvard.

Ich hätte ja gerne den fünfsprachigen Knaben getestet, aber das ging nicht, weil ich ja nur die zwei Sprachen kann, die ich ohnehin schon von ihm gehört hatte. So habe ich mich schüchtern auf Schwedisch verabschiedet (glücklicherweise gehört zu den ca. fünf schwedischen Wörtern, die ich kann, auch hej då), darüber waren beide Buben völlig begeistert und riefen mir noch mehrfach hej då nach…

Inzwischen war es schon fast 18 Uhr, aber ich bin doch noch nach Koryčany gefahren, obwohl ich diese Stadt schon länger kenne und nicht sehr interessant finde. Ich war da schon, weil die Frau von Karel Chocenský, dem Primator von Chrudim, mit dem ich mich mal eingehend beschäftigt habe, aus Koryčany stammt. Und ich hatte bei früheren Besuchen festgestellt, dass es da außer eine Kirche wenig zu sehen gibt. Allerdings hatte ich nun vor ein paar Tagen gelesen, dass es dort auch ein Barockschloss gibt, das aber nicht zugänglich ist. Und dieses Barockschloss hat u.a. mal der Familie Wittgenstein gehört, zuletzt angeblich ab 1899 (so die deutsche Wikipedia unter dem Stichwort „Koryčany“) Ludwig Wittgenstein. Wie unwahrscheinlich das ist, mag man daran ersehen, dass Ludwig Wittgenstein damals zehn Jahre alt war, hier sind also noch weitere Forschungen nötig. Aber das Schloss wollte ich doch sehen. Es liegt oberhalb der Stadt auf einem Hügel und ist mit einem schönen Garten umgeben, der der Öffentlichkeit zugänglich ist. Am Eingang zum Park lag ein Mann im Gras, den ich zunächst für einen Penner hielt. Es war aber der Parkwächter, der sich freute, dass noch ein Besuch kommt, und der auch bereitwillig vom schlechten Zustand des Schlosses berichtete. Ich habe mich aber nicht getraut, ihn nach Ludwig Wittgenstein zu fragen…

Ja, und die letzte Station dieses Tags war der Supermarkt „Kaufland“ in Kyjov, der nächsten Kleinstadt. Ich hatte nämlich vor ein paar Tagen gelesen, dass beim Bau des Supermarkts 2010 ein langobardischer Friedhof gefunden wurde, mit 240 Gräbern aus der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts, darunter einigen unversehrten. Davon hatte ich, glaube ich, auch schon mal gehört, denn der Fund hat unsere Vorstellungen von den Langobarden etwas erschüttert, die hätten da nämlich eigentlich schon längst auf dem Weg nach Italien sein sollen. Die Funde kann man natürlich in Kyjov nicht besichtigen, die sind vermutlich in Brünn, aber ich wollte mir zumindest das „Kaufland“ anschauen – das ist eine schöne Anlage auf einem Hügel hinter Kyjov. Ganz offensichtlich hatten die Langobarden Geschmack, und ich frage mich nur, warum an der Stelle offenbar bis 2010 nichts mehr gebaut wurde.

Ein Kommentar

  1. Vielen Dank für diesen schönen Bericht. Der Langobardenzug ist ja gut dokumentiert, da verwundert es an manchen schönen Orten tatsächlich, warum sie nicht einfach auf längere Dauer wohnen blieben, sondern einfach weiterzogen.

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