7. August 2019: Spišská Nová Ves – Prešov – Humenné

Diesmal wird der Bericht relativ kurz, denn ich habe an diesem Tag nur wenig erledigt und erlebt. Morgens habe ich noch einmal die Stadt Spišská Nová Ves alias Zipser Neudorf alias Igló besichtigt – das kann man relativ schnell erledigen, weil sich alles Sehenswerte im Stadtzentrum konzentriert. Das Zentrum ist ein langgezogener Platz, den auf der einen Seite die Sommerstraße (Letná) säumt, auf der anderen die Winterstraße (Zimná). Und auf dem Platz stehen die evangelische Kirche, die katholische Kirche und dazwischen das Rathaus. Hier sieht man gut, dass Spišská Nová Ves mal eine multinationale und multireligiöse Stadt war, davon ist aber nicht mehr viel übrig geblieben. Man hört und liest nur noch Slovakisch… Statistiken aus der slovakischen Wikipedia entnehme ich, dass die Slovaken zwar immer die größte Gruppe stellten, dass an zweiter Stelle aber 1890 mit 31% die Deutschen waren und 1910 mit 33% die Ungarn. Bei der letzten Volkszählung von 2011 gab es nur noch 0,14% Ungarn und 0,14% Deutsche…

 

 

 

 

Am ehesten sieht man noch auf dem Friedhof der Stadt Spuren der früheren Nationalitätenverhältnisse. Aber auch hier muss man länger nach deutschen und/oder ungarischen Gräbern suchen.

 

 

 

 

Am späteren Vormittag bin ich nach Prešov weitergefahren, einer ebenfalls alten und traditionsreichen Stadt, die auf Ungarisch Eperjes, auf Deutsch Eperies (und von 1938–1945 Preschau) und auf Russinisch Пряшів heißt. Bis zum Zweiten Weltkrieg war hier auch ein wichtiges jüdisches Zentrum, heute stellen die Roma die größte Minderheit dar. Ich war zwar schon öfter in Prešov, habe dort aber nur einmal übernachtet – die Stadt ist mir etwas unheimlich, weil hier 1687 das sog. „Eperieser Blutgericht“ stattgefunden hat, bei dem 24 Protestanten hingerichtet wurden. Und dieses Ereignis ist immer noch präsent, u.a. durch ein Denkmal in der Nähe der evangelischen Kirche. Neben der evangelischen Kirche steht sinnigerweise ein Denkmal von Johannes Paul II., aber das erklärt sich daraus, dass die katholische Kirche direkt angrenzt. Und in der Nähe gibt es auch eine Gedenktafel, die daran erinnert, dass Johannes Paul II. 1995 bei seinem Besuch in Prešov für die Opfer des Blutgerichts gebetet hat – eine schöne ökumenische Geste.

 

  

 

 

 

Nach einem kurzen Rundgang setzte ich mich ins Café Babylon, um dort zu Mittag zu essen. In der Innenstadt gibt es mehrere Stellen, wo Cafés und Restaurants abgegrenzte Bereiche als eine Art Biergarten zur Verfügung stellen, man sitzt angenehm an der frischen Luft und unter einem Sonnenschirm. Das Mittagessen (panierter Camembert) und das Getränk (hausgemachte Zitronenlimonade) schmeckten gut, und dazu gesellte sich dann auch noch ein großartiges linguistisches Erlebnis. Am Nebentisch nahm nämlich, als ich schon länger da war, eine sehr auffällige Gruppe Platz, bestehend aus einer ganz in Weiß gekleideten Frau mittleren Alters, ihrem kleinen, aber drahtigen Ehemann, drei Söhnen und einer Tochter (alle Anfang zwanzig) und einem kleinen Jungen (vermutlich dem ersten Enkelkind). Sie sprachen in einer mir unbekannten Sprache mit ukrainischen bzw. russinischen Einsprengseln, besonders aufgefallen ist mir das öfter vorkommende Wort майбуть (vielleicht), aber es kamen auch Zahlwörter vor und einmal, als eine Bettlerin zu der Gruppe kam und um Geld bat, rief der Vater не давáй (gib nicht), in eindeutiger ukrainischer Aussprache (d.h. mit nichtpalatalisiertem n).

Nun gibt es natürlich auf der Welt viele Sprachen, die ich nicht beherrsche und die ich nicht einmal erkennen würde, aber in dieser Weltgegend ist die Auswahl ja eher gering. So bin ich schnell zu dem Ergebnis gekommen, dass ich zum ersten Mal erlebe, dass jemand in der Öffentlichkeit laut, in größerer Gruppe und mit ordentlichem Selbstbewusstsein Romanes redet. Für die Zuordnung zu den Roma sprachen auch gewisse andere Indizien, so etwa, dass die Gruppe von der Kellnerin zunächst konsequent ignoriert wurde, bis sie lautstark ihr Recht einforderte, aber auch dass sie mit der Bettlerin (die offenkundig eine Roma war) in dieser Sprache redeten (da bin ich mir aber nicht völlig sicher, denn die Kommunikation war kurz und leise). Ja, und als ich dann auch noch feststellte, dass alle Mitglieder der Gruppe mit der Kellnerin auf Slovakisch redeten, war die Sache für mich klar. Kurz bevor ich aufbrach, habe ich noch den Mut gefasst und die Chefin der Gruppe gefragt, in welcher Sprache sie denn sprächen. Und ich erhielt zur Antwort, das sei Ungarisch, ein bisschen gemischt mit Slovakisch. Nun gut, mein Ungarisch ist immer noch beklagenswert schlecht, aber so viel kann ich inzwischen doch schon, dass ich weiß, dass DAS kein Ungarisch war. Schon allein deswegen nicht, weil viele Wörter auf der letzten Silbe betont wurden…

Von Prešov bin ich dann weiter in Richtung Nordosten gefahren und habe mich schließlich entschlossen, in Humenné, einer mittelgroßen Stadt im nordöstlichen Zipfel der Slowakei Station zu machen, und wieder für drei Tage. Ich hatte auch erwogen, noch weiter in den Nordosten zu fahren, nach Medzilaborce, aber es war eine weise Entscheidung, in Hummené zu bleiben, wo es mindestens zwei Hotels gibt. In einem davon, dem Hotel Ali Baba, bin ich abgestiegen und war letztlich sehr froh, dort untergekommen zu sein, bevor die Gewitter und Sturmregen ausbrachen, die es zur Zeit in ganz Europa gibt und die jetzt auch bis in die Ostslowakei gekommen sind. Angesichts des Regens habe ich dann auch darauf verzichtet, einen Spaziergang durch die Stadt zu machen, sondern bin im Hotel geblieben, wo ich dann auch sehr gut zu Abend gegessen habe.

Ein Kommentar

  1. Also für die angekündigte Kürze wurde es dann doch ein relativ langer Bericht mit spannenden Schilderungen, die man nicht missen möchte. Vielen Dank!

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