8. August 2019: Humenné – Medzilaborce – Osadné – Hostivice

Am Vormittag habe ich zunächst Humenné besichtigt. Ich war ziemlich gespannt auf die Stadt, denn bei der Hotelsuche am Vorabend hatte ich leicht verwundert festgestellt, dass Humenné eine „moderne“ sozialistische Stadt ist, mit vielen Wohnblocks und Hochhäusern, und dass es eigentlich keine Altstadt gibt. Vor der Entscheidung, genau hier abzusteigen, hatte ich mich aber schon ein bisschen informiert, wusste, dass die Stadt 1317 zum ersten Mal erwähnt wird und dass sie lange Jahre Sitz des ursprünglich aus der Gegend von Neapel stammenden Adelsgeschlechts Drugeth war. Tatsächlich gibt es ein paar Sehenswürdigkeiten, vor allem das Renaissanceschloss, aber auch die katholische Kirche, die der am östlichsten gelegene gotische Kirchenbau der Slowakei sein soll.

 

 

 

 

Das Schloss habe ich dann auch recht schnell gefunden. Am Ende eines langen Platzes, des Platzes der Freiheit, befindet sich ein kleiner Park, in dem rechts das Schloss und links das Denkmal der Befreiung steht. Ich war zunächst bei dem Denkmal, bei dem vor allem auffällt, dass nach dem dort angebrachten Zitat (Sloboda prinesená je vzácna, ale sloboda vybojovaná je ešte vzácnejšia – Die Freiheit, die einem gebracht wurde, ist teuer, aber die Freiheit, die man sich erkämpft hat, ist noch teurer) der Name des Autors weggekratzt wurde. Es handelt sich, wie eine kurze Recherche im Internet ergab, um Gustáv Husák…

 

 

 

Das Schloss kann besichtigt werden, und so habe ich mich auf eine dreiviertelstündige Führung eingelassen – und habe es nicht bereut. Die ursprüngliche Einrichtung ist zwar teilweise verloren gegangen (vor allem die Wandteppiche), aber manche Räume sind schön ausgemalt, es gibt wundervolle Stuckdecken und auch so manches interessante Mobiliar. Das meiste stammt von den letzten Eigentümern, den Andrássys, die anderen werden eher bei der Geschichte erwähnt, so etwa die „Drugethovci“, der laut Führerin 1684 ausstarben. Wie ich inzwischen nachgelesen habe, kann man das nicht ganz so sagen, der letzte Angehörige des Geschlechts, Sigmund Drugeth, wurde während des Thököly-Aufstandes von den Aufständischen hingerichtet.

 

 

 

 

Nach dem Schloss wollte ich auch die katholische Kirche besichtigen, aber diese wird gerade renoviert. Man kann zwar in den Kirchenraum hineingehen, aber dort sind die Bilder und der Altar verhängt. Und gleichzeitig fuhr ein kleines rotes Lastauto zwischen innen und außen hin und her und transportierte offenbar Schutt aus der Kirche hinaus.

 

 

 

 

 

 

 

Anschließend bin ich von Humenné in Richtung Nordosten gefahren, mit dem primären Ziel Medzilaborce. Dieser Ort, in dem ich 2003 schon einmal war, ist vor allem deshalb bekannt, weil sich dort ein Andy-Warhol-Museum befindet. Die russinischen Vorfahren von Andy Warhol (der eigentlich Andrew Warhola hieß) stammten nämlich aus der Gegend dieser Kleinstadt. Die Fahrt nach Medzilaborce führt über einsame Bergstraßen durch eine schöne Landschaft, aber mit Hindernissen. Genau diese Straße wird zur Zeit erneuert, und so gibt es viele Stellen, wo nur eine Spur befahren werden kann und man immer vor einer Ampel warten muss, bis man an der Reihe ist. An einer Stelle habe ich auch ein Umleitungsschild missverstanden und war auf einmal in einem anderen Tal, von dem es aber keine Querverbindung in das Tal, in dem Medzilaborce liegt, gibt (außer man fährt nach Polen hinüber und fährt auch dort noch einen großen Bogen) – ich muss also ein längeres Wegstück zurückfahren.

Das Museum hat sich seit meinem letzten Besuch wenig verändert. D.h. das wesentliche Problem eines Andy Warhol gewidmeten Museums in der slowakischen Provinz, nämlich dass sie keine Originale von Warhol ausstellen können, hat sich nicht geändert. Es gibt im Obergeschoss eine sehr interessante Ausstellung über die Geschichte der Familie, der man dann entnehmen kann, wie stark Warhol in der russinischen und damit auch griechisch-katholischen Tradition verankert war. Leider darf man nicht fotografieren. Dabei hätte ich so gerne ein Foto von den griechisch-katholischen Sterbebildern gemacht… Im Untergeschoss wird moderne amerikanische Pop Art ausgestellt, auch nett, aber nicht unbedingt etwas, was mich sehr interessieren würde.

Gegenüber des Museums steht eine griechisch-katholische Kirche, die ich aber nur von außen besichtigen konnte, und viel mehr hat Medzilaborce dann auch nicht mehr zu bieten. Insbesondere gibt es offenbar nur eine Pension (die natürlich „Pension Andy“ heißt), und so war ich doch froh, dass ich am Vortag in Humenné geblieben und nicht nach Medzilaborce weitergefahren bin.

 

 

 

 

 

Anschließend bin ich durch kleinere Dörfer der Gegend gefahren, die zum großen Teil russinisch besiedelt sind, habe Ortsschilder fotografiert und vergeblich nach größeren Kirchen gesucht, die man besichtigen könnte. Dann fielen mir Hinweisschilder zu einer „Krypta des Ersten Weltkriegs“ in Osadné auf, dort bin ich dann also hingefahren. Die Krypta befindet sich unter einer Kirche, auf die auf der Straße mit mehreren Hinweisschildern verwiesen wird, dabei heißt es überall, Kirche und Krypta seien immer geöffnet. Die Kirche entpuppte sich als eine orthodoxe (also nicht griechisch-katholische) Kirche aus den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts, in der die Bewohner des Orts Überreste von Soldaten des Ersten Weltkriegs beigesetzt haben (es soll sich um die Überreste von 1.025 Soldaten handeln).

Eine orthodoxe Kirche in dieser Gegend ist etwas Ungewöhnliches, auch wenn es ansonsten in der Ostslowakei durchaus eine autokephale orthodoxe Kirche gibt, deren Metropolit der Erzbischof von Prešov ist. Aber im Nordosten dominieren eigentlich die Griechisch-Katholischen. In Osadné liegt eine besondere Situation vor, über die ich mich in einer Broschüre, die man der Kirche kaufen konnte, informiert habe. Die dortige Bevölkerung ist nämlich 1925 mehrheitlich zur Orthodoxie „zurückgekehrt“ – so sieht es der Autor der Broschüre. Er schildert ausführlich, wie die Bewohner der Gegend im 17. Jahrhundert gewaltsam in die Union mit der katholischen Kirche gezwungen wurden. Und erst als Leute aus dem Dorf in die USA auswanderten, hätten sie gemerkt, dass es noch eine andere, richtige orthodoxe Kirche gibt, der sie sich dann nach der Rückkehr angeschlossen haben. Das ganze Unternehmen ist auch sonst etwas „russlandaffin“, so hat die russische Botschaft die Krypta mehrfach mit Spenden und Besuchen unterstützt, wobei der Autor nicht darauf verzichten zu erklären, wer alles nicht helfen wollte…

Die Krypta ist ein kleiner Raum, in dessen Mitte etwa 40 Schädel und dazu gehörige Knochen lagern, vermutlich liegen darunter weitere. Der Raum wirkt etwas beklemmend, auch wegen der freien Zugänglichkeit, ich habe ihn bald wieder verlassen.

 

 

 

 

Auf der Rückfahrt habe ich noch in dem Dorf Hostivice (das ein Rathaus mit zweisprachiger Aufschrift hat) ein Mineralwasser getrunken, in einer kleinen Gartengaststätte. Die anderen Besucherinnen und Besucher waren Slowaken, zum Teil wohl aus der Großstadt. Aber mit einem Ehepaar am Nebentisch sprach der Wirt auf einmal Russinisch, vielleicht auch eine Mischung aus Russinisch und Slowakisch, aber manches ist mir doch aufgefallen, so etwa ein mehrfach gebrauchtes не має oder das Präteritum було.

Bevor ich ging, habe ich den Wirt angesprochen, ob er Russine sei, und er war völlig begeistert. Erst fragte er mich aus, woher ich Tschechisch kann, und äußerte auf meine Auskunft, ich hätte das studiert, den schönen Satz „dafür, dass Sie das studiert haben, können Sie es erstaunlich gut“. Und dann erzählte er mir noch einiges mehr, dass das ganze Tal ursprünglich russinisch sei, dass heute aber eher die Älteren Russinisch reden, dass seine Tochter in Schottland verheiratet ist und dass der Enkel auch Russinisch spricht usw. usf.

Abends bin ich noch in Humenné essen gegangen und nahm mir vor, am nächsten Tag einen Ausflug über die Grenze in die Ukraine, bzw. genauer gesagt, die Karpatoukraine zu machen.

Ein Kommentar

  1. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich in all den genannten Orten trotz vergleichsweise näherer geographischer Entfernung noch nie war, insofern war die gesamte Schilderung besonders interessant, und ich danke herzlich.

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