8. August: Gabowe Grądy – Bohoniki – Treblinka – Ostrów Mazowiecki

Für den nächsten Tag, den Dienstag hatte ich mir viel vorgenommen. Ich wollte mich noch einmal auf den Weg zu Altgläubigen machen, nachdem mir Krzysztof Czyżewski gesagt hatte, dass es in Gabowe Grądy südlich von Augustów eine aktive Gemeinde gebe, dann wollte ich mich zu den Tataren begeben, d.h. in das Gebiet, wo zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert mehrfach Tataren angesiedelt wurden, von denen es noch ein paar gibt, die sozusagen den Kern der muslimischen Minderheit Polens bilden. Und nachmittags wollte ich nach Treblinka fahren, denn ich habe schon seit Jahren vor, in dieses Vernichtungslager zu fahren, wo mehr oder weniger die gesamte jüdische Bevölkerung Warschaus ermordet wurde. Nur liegt Treblinka sehr weit ab, in einer Gegend, in die man eigentlich nie kommt, und jetzt erschien mir der geeignete Zeitpunkt.
Das Dorf Gabowe Grądy war leicht zu finden, aber schon eine gewisse Wegstrecke von Suwałki entfernt. Ich war gegen 11 Uhr dort und stieß gleich auf den Friedhof am Rande des Dorfes, mit einer kleinen Kirche bzw. Molenna – und alles war menschenleer. Ich stieg aus, las erst den Gedenkstein, der anlässlich des 150. Jahrestages der Dorfgründung errichtet wurde, das Dorf wurde nämlich erst 1867 errichtet, inmitten von Sümpfen, die aber längst trockengelegt sind. Die Kirche war offen, aber als ich mich näherte, wurde sie von innen verschlossen – ich habe mich dann nicht getraut zu klopfen. Inzwischen war auch eine weitere Person eingetroffen. Einem Auto auf dem Parkplatz entstieg eine Frau mittleren Alters und ging auf den Friedhof, wo sie begann, ein Grab zu putzen.
Ich ging dann auch auf den Friedhof und die Dame sprach mich sofort an und fragte, woher ich komme (skąd Pan?). Ich antwortete, ich sei aus Deutschland, und die nächste Frage war dann, ob ich ihres Glaubens sei (Pan naszej wiery?). Das musste ich verneinen, fing aber dann gleich an Russisch zu sprechen und zu versichern, dass ich einiges über die Altgläubigen weiß. Die Dame antwortete in fließendem Russisch, erst allmählich fiel mir dann der leichte weißrussische Akzent auf (z.B. sprach sie –sjamit assibiliertem s aus). Ich fragte, ob die Gemeinde zu denen ohne Popen gehört, das bejahte sie stolz, und als ich sagte, sie hätten dann aber einen Vorsteher (nastawnik), lächelte sie freundlich – später hat sie dann freilich doch als pop bezeichnet. Der Vorsteher wohnt in Białystok und kommt nur manchmal zu Besuch, er habe seine Großeltern auf diesem Friedhof. Und da wurde es dann ganz weißrussisch, denn auf einmal tauchte auch die Verbform majuć (‘sie haben’) auf, die es im Russischen nicht gibt.
Während unseres Gesprächs waren aus der Kirche zwei ältere Frauen herausgekommen, mit Kopftüchern. Die nahmen sie vor der Kirche ab und fuhren mit dem Fahrrad nach Hause. Ich besichtigte derweil den Friedhof mit vielen interessanten Gräbern. Die Inschriften stehen dort in moderner kyrillischer Schrift, aber mit einzelnen altkyrillischen Buchstaben wie dem . Sprachlich fallen alte Formen auf wie usopšij ‘entschlafen’, aber die Namen sind teilweise schon polonisiert, die Vatersnamen fehlen fast immer.
Am Ende der Besichtigung wollte ich auch noch ein Foto mit dem Handy machen – da bemerkte ich, dass mein Handy verschwunden war. Das war sehr rätselhaft, denn ich hatte es ja noch bei der Ankunft gehabt, und außer mir der Frau mittleren Alters war niemand da. Ich habe dann erst das Auto abgesucht, dann die Wege auf dem Friedhof, dann wieder das Auto, und nach 20 Minuten fand ich es dann, mitten auf einem breiten Weg liegend, den gegangen zu sein ich mich gar nicht erinnern konnte. Ich redete dann noch mit der Frau, die ich auch schon gefragt hatte, und sie freute sich mit mir. Sie meinte auch, dass das sicher die Geister waren (duchy), ich sagte, dass ich an so etwas nicht glaube, und sie teilte mir lächelnd mit, dass sie selbstverständlich an Geister glaube. Wir haben uns dann noch darüber ausgetauscht, dass sie eine kleine Gemeinde sind und alle auf diesem Friedhof Platz hätten, obwohl die Gemeinde gerade noch Land dazu gekauft hat. Dann habe ich mich verabschiedet und bin in Richtung Bohoniki gefahren, zu den Tataren.
Das Dorf Bohoniki habe ich deshalb ausgesucht, weil es dort (laut Internet) nicht nur eine Moschee, sondern auch einige tatarische Familien gibt. In Kruszyniany gibt es nur noch eine Moschee, in Białystok ist heute das Zentrum der Tataren und auch eine Moschee, aber eben keine auf die Ansiedlungszeit zurückgehende Besiedlung. Die Bewohner_innen von Bohoniki wissen dagegen ganz genau, wer sie wann angesiedelt hat, nämlich der König Jan III. Sobiecki im Jahr 1679. Denn an Selbstbewusstsein mangelt es ihnen nicht! Der Weg nach Bohoniki ist schon lange vor dem Ort ausgeschildert, überall steht auf Schildern „Tatarski szlak“, also sozusagen „Tatarenroute“.
In der Ortsmitte steht auf der einen Straßenseite die Moschee, gegenüber der Betrieb „Agroturytyka u Mahmeda“, wo einen die Spezialitäten der tatarischen Küche erwarten. Ich ging doch erst einmal in die Moschee, zahlte bei einer älteren Dame mit Fez Eintritt und war nach einer Kurzbesichtigung (die Moschee ist nicht sehr groß…) schon fast wieder draußen, als die Dame ankündigte, sie werde jetzt reden. Gehörsam gingen alle Anwesenden in den Hauptraum der Moschee zurück, die Kinder wurden auf die Empore verbannt, und dann fing Frau Eugenia Radkiewicz (die im Übrigen auch die Seniorchefin der „agroturystyka“ zu sein scheint) an, einen Vortrag zu halten. Sie begann damit, dass der Islam eine Religion ist, wo alles genau geregelt ist, er habe auch einen Katechismus namens Scharia. Die Muslims verehrten nur einen Gott, und der habe sich dem Propheten Mohammed (sie selbst sagte Mohommed) geoffenbart, und zwar durch den Erzengel Gabriel, der Mohammed den Koran mitteilte. Das sei in der Nacht geschehen, daher sei der Mond das Symbol des Islams, usw. usf. Und dann wurden wir geprüft: Wer hat den Koran diktiert? Was bedeutet der Mond? usw. Sie erzählte auch die Geschichte der Tataren von Bohoniki, die der König Johannes III. angesiedelt hat, die Muslims bleiben durften, aber die christlichen Nachnamen ihrer Frauen annahmen usw.
Am Schluss durften wir Fragen stellen, und da wurde ich etwas vorlaut. D.h. ich wollte wissen, ob sie noch Tatarisch sprächen, diese Frage gefiel ihr aber nicht sehr. Nein, sie sprächen Polnisch, und der Gottesdienst sei auf Arabisch. Als ich dann sagte, aber sie hätten früher doch religiöse Bücher gehabt, die kitab hießen (die waren nämlich in einer Vorstufe des Weißrussischen abgefasst und wurden mit arabischer Schrift geschrieben), reichte es ihr vollends. Sie sagte, so etwas sei gar nicht möglich, Sprache des Gottesdienstes sei das Arabische und höchstens Gebetsbücher seien vielleicht früher mal auf Tatarisch gewesen. Und sie endete mit einer offenbar witzigen Bemerkung über mich, etwa der Art, ob ich denn Imam sei, dass ich so etwas wüsste. Mit einem Hinweis auf den Friedhof am Ende des Orts wurden wir dann entlassen.
Ich habe mir noch Postkarten gekauft, die sie alle liebevoll abstempelte, und zwei Hefte des Tatarski przegląd, der offenbar jeden Monat erscheint. Frau Radkiewicz empfahl mir auch noch die Broschüre Odkryj islam („Entdecke den Islam“), die habe ich auch noch gekauft und mich dann in das Restaurant begeben, um zu Mittag zu essen. Und das Restaurant war wirklich authentisch. Der Kellner schaute tatsächlich tatarisch aus (d.h. er hatte entsprechende Gesichtszüge), die Speisekarte würde ich am ehesten „synkretistisch“ nennen. D.h. es gibt sowohl lokale Speisen wie pierekaczewnik (ein Art Auflauf), Polnisches (bielasty, pieróg), Tatarische (tagmuruz, kofta), Arabisches (hummus) und Unklares (fyrsztyk). Alles war sehr billig, allerdings waren die Portionen auch winzig. Aber geschmeckt hat es doch.
Ich war dann noch kurz auf dem Friedhof, auf dem sich polnische und muslimische Traditionen mischen (vor allem durch die Zweisprachigkeit der Aufschriften), und bin dann in Richtung Treblinka gefahren. Schon bald wurde allerdings klar, dass ich erst nach 17 Uhr dort sein würde, und ich habe länger überlegt, ob ich das überhaupt probieren soll. Letztlich bin ich gefahren, habe aber vieles, was am Wegrand lag, ignorieren müssen, so etwa die schöne Stadt Supraśl, aus der der Codex Suprasliensis stammt, eine altkirchenslavische Handschrift mit Legenden fúr den Monat März. Wie oft habe ich den Teilnehmer_innen meiner Kurse gesagt, sie müssten froh sein, dass nicht alles erhalten ist, sonst gäbe es noch viel mehr altkirchenslavische Texte. Der Codex ist aber schon lange nicht mehr in Supraśl, sondern verteilt auf Bibliotheken in Warschau, Ljubljana und Petersburg.
Die Fahrt zog sich wirklich hin und führte in abgelegene Gegenden, aber das war mir klar. Denn das 1941 errichtete KZ Treblinka und das später in seiner Nähe angelegte Vernichtungslager wurden ja gerade absichtlich in einer Gegend angelegt, die niemand kannte und wo es wenige Nachbarn gab. Interessanterweise ist auch das Dorf Treblinka 5 km von den beiden Lagern entfernt. Ich kam dann etwa um 17:15 an, auf einem Parkplatz, wo ein paar polnische und deutsche Autos standen, ferner drei polnische Busse, die aber erkennbar von einer israelischen Reisegesellschaft gebucht waren. Offenkundig kommen nur Besucher_innen aus diesen drei Ländern (Polen, Deutschland, Israel) und kaum Individualreisende.
An der Kasse erfuhr ich dann, dass das Museum bis 19 Uhr geöffnet ist und das Gelände überhaupt nicht abgesperrt wird. So entschloss ich mich, den Besuch doch noch an diesem Tag durchzuführen. Das Museum ist klein und sehr informativ, so dass man sehr lange Zeit darin verbringen könnte. Es enthält viele Dokumente, aber auch Grabungsfunde, denn in den letzten Jahren wird vor allem im ehemaligen Konzentrationslager gegraben, das erst allmählich ins Blickfeld gerückt ist – in den Jahren nach dem Krieg galt das Hauptaugenmerk dem Vernichtungslager. Dieses beginnt auch direkt am Parkplatz neben dem Museum, in der Nähe der Bahnlinie, auf der die Opfer mit Zügen aus Warschau gebracht wurden. Schautafeln informieren über alle Gebäude, die es seinerzeit gab, beginnend mit den Baracken der SS-Leute, der ukrainischen Hilfseinheiten und der Häftlinge, die im Lager eingesetzt wurden, dann die Baracken, wo die Ankömmlinge sich entkleiden mussten, wo die geraubte Beute gelagert wurde, und letztlich die Gastkammern. Die Gebäude sind alle nicht mehr da, sondern auf dem Gelände stehen Gedenksteine für die einzelnen Länder. Wo die Gaskammern standen, ist das Hauptdenkmal, und um es herum viele kleine Steine. Der einzige Gedenkstein, der einen Namen trägt, erinnert an Janusz Korczak und die Kinder seines Waisenhauses. Alles ist sehr beeindruckend und niederdrückend, einen großen Eindruck machte auf mich auch, als ich zum Hauptdenkmal gab, wie dort eine israelische Gruppe laut sang. Sie war aber dabei, das Gelände zu verlassen, sodass ich sie nicht mehr aus der Nähe gesehen habe.
Dann ging ich weiter in das ehemalige KZ, das 2 km weiter neben einer Kiesgrube errichtet wurde (wo die Häftlinge zum Teil arbeiten mussten). Hier gibt es nur einzelne Spuren im Gelände, von Grabungen, zwar mit Tafeln erläutert, aber sehr weitläufig. Auch hier kommen einem an vielen Stellen schwierige Gedanken, auch wenn ich mir das Geschehen hier weniger gut vorstellen konnte als im Vernichtungslager. Der Rückweg war dann auch schwierig, denn ich war ganz allein in dem Gelände, der Weg war nicht gut ausgezeichnet, und ich war schließlich froh, dass ich gegen 19:30 wieder am Parkplatz war – wo nur noch mein Auto stand.

Eine letzte Aufgabe folgte, ich musste noch dringend ein Hotel finden… Das hatte ich mir eigentlich so überlegt, dass ich in die nächste größere Stadt, nämlich Ostrów Mazowiecki (23.000 Einwohner_innen), fahre und dort suche. Das habe ich auch getan, aber einfach war das nicht, in der Stadt selbst gibt es nämlich offenbar keine Hotels. Erst nach mehrfacher Konsultation meines Handys und kleinen Irrfahrten landete ich auf einer Ausfahrtsstraße, wo mehrere Hotels angekündigt waren. Am ersten bin ich vorbeigefahren – und kurz danach endete die Straße, sie war wegen einer Baustelle abgesperrt. So kehrte ich zum ersten Hotel zurück, das zunächst menschenleer wirkte. In der Eingangshalle war niemand, weiter hinten fand ich zwei riesige Säle und einige verstreute Gäste, dann aber doch noch einen Herrn, der sich für die Rezeption zuständig fühlte. So bin ich in dem Etablissement mit dem schönen Namen Zajazd Cobra abgestiegen, habe sogar noch etwas zu essen bekommen und bin dann ins Bett gesunken. Erst am nächsten Morgen habe ich gelesen, dass das Haus auf Hochzeiten (schon wieder!) und Bälle spezialisiert ist. Aber an jenem Abend gab es weder eine Hochzeit noch einen Ball.

Die Molenna von Gabowe Grądy

Grabstein einer altgläubigen Familie

Die Moschee von Bohoniki

Inneres der Moschee

Speisekarte

Friedhof von Bohoniki

Zentrales Denkmal in Treblinka, an der Stelle, wo damals die Gaskammern standen

Gedenkstein zur Erinnerung an Janusz Korczak und sein Waisenhaus

Ehemaliges Schwimmbad der SS im KZ Treblinka

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