9. August 2019: Humenné – Snina – Velykyj Bereznyj – Užhorod – Vyšné Nemecké

Am Morgen habe ich mich zunächst darum gekümmert, mir jetzt endlich eine slowakische SIM-Karte zu kaufen. Zwar hatte ich mir in Uherské Hradiště eine tschechische SIM-Karte beschafft, die ich auch wieder aufladen könnte. Aber darum hatte ich mich auf tschechischem Gebiet nicht gekümmert, und jetzt ist das Guthaben aufgebraucht. Also beschloss ich, zu einem Postamt gehen und mir eine slowakische SIM-Karte zu beschaffen, möglichst auch von der Telekom.

Es war gar nicht so einfach, die Post zu finden, die am linken Ende eines riesigen Gebäudes untergebracht ist (ich nehme mal an, dass das Gebäude früher ganz der Post gehört hat), aber dort habe ich schnell den richtigen Schalter gefunden. Die junge Frau war von meinen Fragen leicht überfordert und holte eine Kollegin, und mit beiden habe ich dann ein lehrreiches Gespräch über slowakische SIM-Karten geführt. Offenbar gibt es keine SIM-Karten von der Telekom, so habe ich eine der Firma 4KA erworben, und die Vielfalt der Angebote ist groß. Irgendein ganz tolles Angebot für 2 Euro habe ich aber abgelehnt und mir lieber eine Karte für 20 Euro gekauft – deren Bedienung mich dann aber überfordert hat. Am selben Tag habe ich jedenfalls zwei Telefonate geführt und war wieder vom Internet abgeschnitten, aber nachdem ich am nächsten Morgen alles durchgelesen und nach Anweisung gemacht habe, funktionieren jetzt sowohl Telefon wie auch Internet vorzüglich.

Nachdem dies geklärt war, habe ich mich auf den Weg zu meinem nächsten Abenteuer gemacht, nämlich zu einem Ausflug in die Ukraine. Hierzu muss ich einiges erklären: Bei vielen Reisen in die Ostslowakei (wo ich das erste Mal 1978 war!) und nach Ostpolen bin ich immer wieder in die Nähe der ukrainischen Grenze gekommen und habe darüber nachgedacht, ob man die wohl auch mal normal überqueren wird können. Nachdem die Visumsfreiheit nun endlich realisiert ist, hatte ich mir vorgenommen, es in diesem Jahr mal zu probieren, im vollen Bewusstsein dessen, dass der Übertritt einer Schengen-Außengrenze immer noch nichts Triviales ist. Geschwankt habe ich nur, ob ich gleich richtig in das Land einreise oder erst einen kleinen Ausflug mache, und glücklicherweise habe ich mich für die zweite Variante entschieden, durchaus mit der Option, dann vielleicht noch einen längeren Aufenthalt anzuschließen. Zu Hause hatte ich geplant, einen solchen Ausflug von Ostpolen aus zu machen, jetzt wurden die Pläne geändert, weil ich nicht nach Ostpolen gefahren bin und mich im Osten der Slowakei befinde.

Und so habe ich mich auf den Weg gemacht, zunächst nach Snina, von wo ich dann nach Ubľa weiterfahren wollte. In Snina sah ich mehrfach die Werbung für ein „Bio-Schwimmbad“ (bio-kúpalisko) und entschloss mich spontan, erstmal in dieses Schwimmbad gehen und dann weiterzufahren. Letztlich habe ich dadurch zwar Zeit verloren, die ich in der Ukraine hätte brauchen können, andererseits wäre ich nach dem Ausflug sicher nicht mehr ins Schwimmbad gegangen. Und der Aufenthalt im Schwimmbad war auch wirklich lehrreich und erholsam zugleich.

Lehrreich war der Besuch, weil ich einiges über die slowakischen Vorstellungen von „bio“ gelernt habe. Es handelte sich nämlich um ein künstlich angelegtes Schwimmbad, mit Becken mehrerer Tiefen (die jeweils exakt angegeben waren), und „bio“ war lediglich das Ambiente, Wiesen, Bäume, auch ein kleines Wäldchen. In Deutschland würde man wohl von einem Waldschwimmbad sprechen… Das Publikum war erstaunlich homogen (ich habe nur Slowakisch gehört, kein Russinisch), das Interessanteste waren aber die beiden kleinen Gaststätten. Den „Balkan Grill“ habe ich verschmäht und bin lieber zum „Bufet pod kameňom“ (Büfett unter dem Stein gegangen), wo es so tolle Dinge wie „fitness kebab šalát“ gibt – ich habe aber nur einen Langosch gegessen und ein Glas Kofola dazu getrunken.

Ja, und erholsam war es auch, ich bin dreimal eine größere Runde geschwommen und bin kurz im Gras gelegen. Und dann fuhr ich weiter in Richtung Grenze.

 

 

 

 

Als ich mich der Grenze näherte, fiel mir als erstes auf, dass eine Reihe von Menschen zu Fuß in Richtung Grenze ging. Das wurden auch immer mehr, und später, an der Grenzstation, gab es die ganze Zeit ein hohes Aufkommen von Fußgängerinnen und Fußgängern (die natürlich auch kontrolliert wurden). Auf slowakischer Seite wartete kein Auto, der Weg schien frei, und ich fuhr im Schritttempo auf den ukrainischen Grenzübergang zu. Da sprang aus dem Hintergrund ein slowakischer Beamter hervor und begann mich zu beschimpfen, weil ich ein Stoppschild überfahren hätte. Das war zwar richtig, weil irgendwo hoch in der Höhe und irgendwo am Boden STOP stand, aber da, wo man ein Stoppschild erwartet, nämlich in normaler Sichthöhe, war keines. Der Beamte beschimpfte mich, erzählte mir, wie viele Vorschriften ich gebrochen habe, sagte, das würde 50 Euro kosten, das sei eine Schengen-Außengrenze usw. usf. Ich habe gar nichts geleugnet, sondern nur gesagt, dass ich das Schild nicht gesehen habe, und die 50 Euro würde ich auch bezahlen, wenn es nötig sei. Darüber ist der Herr dann richtiggehend erschrocken, ich musste nur in den slowakischen Teil zurückfahren und wurde dort schnell, normal, ja nett kontrolliert. Und ich habe zum ersten Mal an diesem Tag den Kofferraum geöffnet.

Auf der ukrainischen Seite dauerte alles viel länger. Ich wurde dreimal kontrolliert, erst vom Zoll, dann war Passkontrolle und dann noch einmal Zoll. Den Unterschied zwischen den beiden Zollkontrollen habe ich nicht ganz verstanden, der erste Beamte schaute nur das Auto an, der zweite schaute es noch einmal an und stellte ein Papier an. Der erste Zollbeamte wollte, dass ich auch die Kühlerhaube öffne, dem musste ich erklären, dass ich nicht weiß, wie man das macht. Dann hat er sie selbst geöffnet, so schnell, dass ich es immer noch nicht weiß… Sprachlich war die Kommunikation vielfältig. Der erste Beamte sprach Deutsch, d.h. er sagte: „kucken“, ich antwortete auf Tschechisch und er war zufrieden. Die Dame bei der Passkontrolle sprach Englisch, der zweite Zollkontrolleur Ukrainisch – und ich antwortete in einem improvisierten Surschyk. Nach etwa 100 m gab es noch eine Kontrolle, ein Soldat wollte den Laufzettel haben, den ich bekommen hatte, und dann war ich wirklich eingereist!

Ich fuhr zunächst in die Kleinstadt Velykyj Berežnyj, vor allem, um Geld abzuheben, und war vom Gesamtbild sehr beeindruckt. Hier trifft man das alte Osteuropa von vor 1989 wieder, ärmlich gekleidete Menschen, heruntergekommene Gebäude, viele Leute auf der Straße, kaum offene Geschäfte. Ich habe lange nach einer Bank gesucht und sie letztlich so gefunden, dass es ein offenes WLAN namens „Bank“ gab, also musste ja wohl in der Nähe eine Bank sein. Da habe ich Geld abgehoben, viel zu viel, denn ich habe letztlich überhaupt keines ausgegeben… Denn ich bin weitergefahren, ohne auch nur etwas zu trinken, ich wollte ja schnell nach Užhorod kommen.

 

 

 

 

Užhorod, ungarisch Ungvár und deutsch früher mal Ungwar, ist eine große und alte Stadt mit vielen Sehenswürdigkeiten, und trotz der fortschreitenden Zeit (es war allmählich 15 Uhr und sogar 16 Uhr Ortszeit) hätte ich gerne ein paar Dinge besichtigt. Aber die Fahrt von Velykyj Berežnyj nach Užhorod gestaltete sich schwierig, die Straße war sehr schlecht, mit vielen Schlaglöchern, und ich bin langsam vorangekommen. Und obwohl ich versucht habe, so vorsichtig als möglich zu fahren, ist es dann halt doch passiert – ich fuhr in ein Schlagloch und es gab einen lauten Knall. Zum Glück konnte ich erstmal weiterfahren, und erst nach anderthalb Kilometern habe ich angehalten, um den Schaden zu besichtigen. Zu sehen war vor allem, dass die Radkappe fehlte, den kleinen Schaden am Reifen hat erst am nächsten Tag ein slowakischer Techniker entdeckt… So bin ich dann noch einmal zum Schlagloch zurückgefahren, habe es fotografiert und habe auch die Radkappe gefunden und in mein Auto gelegt. Vielleicht kann ein schwäbischer Automechaniker sie ja wieder zurechtbiegen.

 

 

 

 

In Užhorod war ich dann erst kurz nach 16 Uhr und habe mich schlecht in der großen Stadt orientiert. Was ich für die mittelalterliche Burg hielt, war der Hauptbahnhof, und die prächtige Kathedrale, neben der ich geparkt und die ich besichtigt habe, stammt aus dem Jahr 2019 (bzw. wurde in diesem Jahr abgeschlossen). Es handelte sich offenbar um die orthodoxe Kathedrale, wobei ich allerdings nicht weiß, von welcher Spielart von Orthodoxie, drinnen waren Damen, die noch hastig Kopftücher umgelegt hatten, Herren in langen und kurzen Hosen und drei Priester in prächtigen Gewändern – ich habe schnell die Flucht ergriffen.

 

 

 

 

 

Und dann wollte ich lieber doch zurückfahren, war um 17:10 an der Grenze – und habe für die Grenzüberschreitung volle fünf Stunden gebraucht. Das war also wie in alten Zeiten, ja irgendwo schlimmer, weil gar nicht völlig klar ist, was da kontrolliert wird, was die Grenzer finden wollen usw. Alles läuft völlig zivil ab, alle sind nett, alle dürfen letztlich weiterfahren, aber alles dauert, dauert, dauert. Und die Gründe kann man nur erahnen. Manchmal gibt es Schichtwechsel (der war z.B. um 19 Uhr, da lag dann alles still), vielleicht gibt es zu wenig Personal (aber den Eindruck hatte ich gar nicht, es kamen ständig neue Personen ins Spiel), aber vor allem vollzieht sich alles langsam und nach unklaren Ritualen.

Die erste halbe Stunde habe ich vor der ersten Schranke gewartet (wo ich wieder einen Laufzettel bekam), dann etwa zwei Stunden an der ukrainischen Grenzstation. Dort herrschte ein lustiges Leben, weil natürlich alle aus dem Auto aussteigen und sich unterhalten. Es gibt auch einen Laden, in den ich hineingegangen bin, um vielleicht etwas ukrainisches Geld auszugeben, aber außer ukrainischem Bier und ukrainischem Schnaps gab es nur westliche Billigware. Dann gibt es das Café „Infinity“, aber dorthin habe ich mich nicht getraut, weil es außerhalb der Sichtweite der Schlange war. Und eigentlich war es so auch interessant genug, vor allem sprachlich. Man hörte vor allem Ukrainisch (in sämtlichen Verfallsstufen), manchmal Slowakisch und Polnisch und ganz selten Russisch (Russisch gesprochen haben beispielsweise Angehörige einer lettischen Familie). Und alle konnten mit allen kommunizieren. Nur der Ungar im Auto vor mir war genauso vereinsamt wie ich, sprach mich dann aber später auf Deutsch an (und ich war zu feige, mein Ungarisch auszuprobieren).

Wieder gab es zwei Zollkontrollen (mit Öffnung der Kühlerhaube, wieder vom Beamten vorgenommen) und eine Passkontrolle, wo die junge Beamtin mich nach meinem Schnurrbart fragte. Dass der auf dem Passbild zu sehen ist, während ich ihn gar nicht mehr tragen, hat weder in den USA noch in Israel etwas ausgemacht… Aber ich durfte ja letztlich ausreisen.

Nach einer weiteren Kontrolle, wo ich den Laufzettel wieder abgegeben habe, stand ich an der slowakischen Grenzstation und alles ging noch langsamer voran. Es gab drei Schlangen, in die man nach unklaren Gesichtspunkten eingewiesen wurde, Ampeln und viele, viele Schranken. Und weil man hier eine bessere Sicht auf die Autos vor sich hatte, hat man noch besser gesehen, dass sich eigentlich fast nie etwas tut und dass alles, was geschieht, lange dauert. Im dritten Auto vor mir saßen drei junge Ukrainer und eine Ukrainerin, mit vier Fahrrädern auf dem Dach, allein die Kontrolle dieses Auto hat (gefühlt) Stunden gedauert.

Am Schluss stand ich vor einem leeren „Slot“ und wusste nicht, ob ich hineinfahren soll. Ein Slowake hinter mir meinte, das sei doch selbstverständlich, ich habe dann am Schalter nachgefragt und es war klar, sie hatten mich „übersehen“. Dann ging alles ganz schnell (Zoll- und Passkontrolle), und der Herr an der Passkontrolle hat noch kurz ein Loblied meiner Heimatstadt Passau gesungen, die ihm so gefallen hat.

 

 

 

 

 

Kurz nach 22 Uhr durfte ich weiterfahren, in Humenné war ich um halb zwölf, nach sehr langsamer Fahrt, denn das rechte Vorderrad gab gelegentlich Geräusche von sich. Ich habe aber nichts gesehen, konnte fahren und wollte auch nicht die Hilfsbereitschaft slowakischer Tankwarte in nächtlichen Stunden ausprobieren. Aber ich habe jedenfalls beschlossen, am nächsten Tag als erstes zu einer Autowerkstatt zu gehen.

Ein Kommentar

  1. Vielen herzlichen Dank, dass Du diesen Ausflug für uns unternommen und dokumentiert hast. Hoffentlich ließ sich das Rad rasch wieder reparieren und Du konntest den weiteren Aufenthalt mit weiteren Abenteuern bestreiten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.