9. August 2015: Nowy Sącz und Stary Sącz

Am gestrigen Morgen habe ich als erstes mein Hotelzimmer bezahlt, zum dritten Mal und diesmal auch zu einem etwas höheren Preis. Es gibt also doch verschiedene Preise nach Wochentag, aber warum ich die beiden ersten nicht zusammen bezahlen durfte, weiß ich immer noch nicht. Und werde es vermutlich nie erfahren.

Nach dem Frühstück bin ich zum evangelischen Gottesdienst in der lutherischen Gemeinde gegangen, wo am Vorabend die Veranstaltung zum „Haus der Geschichte“ stattgefunden hatte. Der Pfarrer der Gemeinde war bei dieser Veranstaltung nicht in Erscheinung getreten, aber beim Empfang

Evangelische Kirche

hatte ich zwei Herren mit den charakteristischen Kragen gesehen und schon vermutet, dass einer von ihnen der Pfarrer ist. Neugierig gemacht hat mich auch die Internetseite der Gemeinde, auf der reich bebildert von der Konversion eines jungen Mannes berichtet wird. Sehr groß scheint die Gemeinde also nicht zu sein… Und das bestätigte sich auch, als ich in der Kirche ankam. Dort saßen im Vorraum nämlich vier älteren Damen und ein Mann und unterhielten sich fröhlich. Ich setzte mich in eine Kirchenbank und begann, im Gesangbuch zu lesen – ein polnisches evangelisches Gesangbuch habe ich nämlich schon lange nicht mehr in Händen gehalten. Und es ist sehr interessant, da es für Lutheraner und Reformierte gleichzeitig gedacht ist, mit gemeinsamen und getrennten Teilen.

Irgendwann kamen dann noch zwei weitere Frauen und zwei Männer. Daraufhin stülpte sich der Mann, der schon vorher da gewesen war, ein schwarzes Gewand über, das praktischerweise im Vorraum hing, und der Gottesdienst konnte beginnen. Liturgisch fand ich ihn etwas ungewöhnlich – es wurde eigentlich kein Stück da gesungen, wo es bei den deutschen Lutheranern vorkommt, man betete das nizänische Glaubensbekenntnis, und das Abendmahl wurde kniend entgegengenommen, wobei der Priester Brot und Wein von oben reichte. Und bei den Abkündigungen wurde eine Hochzeit und eine Geburt bekanntgegeben, letztere mit der Feststellung, dass es jetzt ein Gemeindemitglied mehr gibt. Das scheint dort doch ein kleines Häuflein zu sein…

Jüdischer Friedhof

Nach dem Gottesdienst bin ich mit dem Auto los gefahren, zunächst zum jüdischen Friedhof, den ich  länger suchen musste. Er liegt an einer eindrucksvollen Stelle nahe der Mündung der Kamienica Nawojowska in den Dunajec, war aber natürlich verschlossen. Und ich traute mich nicht, am Sonntagmorgen bei der Adresse zu klingeln, wo man laut Aushang den Schlüssel bekommen kann. Ich beschloss daher, später wiederzukommen, und habe später auch noch einiges erlebt (s.u.).

Dann fuhr ich weiter zum „Ethnografischen Park“ („Sądecki Park Etnograficzny“), den ich nun doch besuchen wollte, nach erstem Zögern. Ich war nämlich schon in so vielen, meist tschechischen und slovakischen, Freilichtmuseen und habe dort nicht die besten Erfahrungen gemacht. Und in diesem Park sollte es nun auch noch nach Angaben meines schon etwas älteren Reiseführers die „einmalige Rekonstruktion eines Zigeuerweilers“ geben…

Das Museum erwies sich aber als erstaunlich gut und informativ. Schon gleich zu Beginn wird klargestellt, dass in dieser Region viele verschiedene Gruppen lebten, zunächst die „Lachy Sądeckie“, das sind die Bewohner der Ebene um Nowy Sącz, dann die „Górale sądeccy“, das sind die Bewohner der westlichen Bergregion, die in die Slowakei hinüberreicht, und dann die „Pogórzanie“, das sind die Bewohner der östlichen Bergregion bis hin zur Ukraine, denen mein besonderes Interesse gilt. Denn sie sind offenbar durch Assimilation ehemaliger deutscher Siedler entstanden, die im 13. Jahrhundert gekommen sind und sich ab dem 17. Jahrhundert assimiliert haben. Auf Deutsch nannte man sie 

Lemkisches (?) Bauernhaus

„Walddeutsche“ (und schon allein dieser wunderschöne Terminus rechtfertigt den Besuch bei ihnen), auf Polnisch früher „Głuchoniemcy“ (d.h. „Taube Deutsche“ oder auch „Taubdeutsche“), weil sie deutsche Merkmale aufwiesen (Trachten und Siedlungsform), aber kein Deutsch mehr konnten. Im Museum wurde die deutsche Abstammung aber nicht erwähnt, wahrscheinlich deshalb, weil sie in dieser hiesigen Gegend besonders wenig bewusst ist. Neben den drei polnischen Gruppen kommen im Museum aber auch die Lemken (ein Stamm der

Romasiedlung

Ukrainer bzw. Ruthenen) vor, die ebenfalls im Gebirge lebten, dann die Juden, die hier vor allem in den Städten siedelten, die Roma (z.T. sesshaft, z.T. wandernd) und die Deutschen, diese aber erst in Form der späten Kolonisation zur Zeit Josephs II.

Jeder der Gruppen außer den Juden ist eine Abteilung des Freilichtmuseums gewidmet, den Deutschen am wenigsten (das gibt es nur das Haus eines Schultheißes, in das man nicht

Arbeitszimmer von Wincenty Myjak

hineinkommt), bei den drei polnischen Gruppen und den Lemken gibt es jeweils ein Gehöft eines reichen Bauern oder Adligen und eines eines armen, jeweils mit Nebengebäuden. In manchen Häusern halten sich auch Angestellte des Museums auf, die die Besucher informieren, leider manchmal sehr ausführlich. Aber es gibt natürlich auch tolle Sachen, so etwa das Gehöft eines Adelsfamilie, das einige Zeit lang von Mönchen genutzt wurde, die barocke Wandmalereien hinterlassen haben, oder das Gehöft von Wincenty Myjak (1876–1927), der Mitglied des galizischen Landtags und des Wiener Reichstags war. Und auch der „Zigeunerweiler“ entpuppte sich als interessant, es handelt sich um drei Gehöfte einer Roma-Siedlung aus den sechziger Jahren, die hierher übertragen wurden.

Neben dem Freilichtmuseum steht auch noch ein „galizisches“ Städtchen (oder Schtetl?), das aber ganz nachgebaut ist und eher für Veranstaltungen dient. Dort fand gestern ein „Festival der

Europa-Festival im galizischen Städtchen

europäischen Fonds“ („Festywal funduszy europejskich“) statt, vor dem ich bald geflohen bin. Bei glühender Hitze versuchten Rundfunkredakteure auf einer Bühne das Volk zu animieren, das aber noch gar nicht da war, und an verschiedenen Ständen konnte man sich über Förderungsmöglichkeiten der EU informieren, wofür ich aktuell auch keinen Bedarf hatte. So habe ich einen frisch gepressten Obstsaft getrunken und mich dann zurückgezogen. Am Parkplatz hatte ich dann noch das exquisite Erlebnis, dass ein Auto mit Böblinger Kennzeichen einfuhr – mit der Besitzerin, die gerade hier in der Gegend arbeitet (vermutlich als Restaurateurin o.Ä.), habe ich mich noch kurz unterhalten und bin dann nach Stary Sącz weitergefahren, das ich natürlich auch besuchen wollte

Stary Sącz ist viel kleiner, aber auch sehr schön, mit einem quadratischen Hauptplatz mit z.T. alter Bebauung, vor allem aber einem Klarissenkloster, das hier seit 1280 ansässig ist und von der Hl. Kinga (1224-1292) gegründet wurde. Die Hl. Kinga wurde erst 1999 heilig gesprochen (Seligsprechung 1690) und dementsprechend viel Aufwand wird getrieben, es gibt neue Bauten im Kloster etc. Besonders beeindruckend fand ich, wie nahe man zum Grab hinkommt, wo es auch eine Stelle gibt, wo man Gebete und Bitten einwerfen kann. Was verschiedene Besucher/innen auch tatsächlich nutzten. Über die Person der Hl. Kinga habe ich auf der Rückfahrt

Grab der Hl. Kinga
Fassade der Kirche der Hl. Kinge

lange nachgedacht, denn sie war wirklich eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Denn sie war eine Tochter des ungarischen Königs Béla IV. (1204-1270) und der byzantinischen Prinzessin Maria Laskarina (1206-1270) und heiratete 1239 Bolesław V. von Kleinpolen (1226-1279), auch bekannt als Bolesław der Schamhafte, dies deshalb weil das Ehepaar keusch lebte und folglich auch keine Kinder hatte. Aber die entscheidende Frage, die mich umtreibt, ist wirklich, in welchen Sprachen sie eigentlich mit ihrer Familie und ihrem Mann kommuniziert hat… Ich habe das dann auf Facebook mit meinem Bruder und anderen diskutiert, das Ergebnis war, dass man wohl Latein gesprochen hat, aber man wüsste doch gerne mehr und ahnt, dass es dafür keine Quellen geben dürfte.

Eingang für Männer

Gegen Abend bin ich dann noch einmal zum jüdischen Friedhof gegangen, in der Hoffnung, dass vielleicht jemand da ist, der den Schlüssel hat. Das Haus, in dem die betreffende Dame wohnen soll, liegt direkt gegenüber, aber erst jetzt habe ich realisiert, was die diversen Aufschriften in hebräischer Schrift aussagen. Offenbar müssen nämlich Männer von links und Frauen von rechts ins Haus (auf dem Schild für die Männer steht das auch auf Jiddisch, die Frauen werden dafür auf Englisch informiert!). Und das legt den Verdacht nahe, dass das

Eingang für Frauen

Haus inzwischen den Chassidim gehört, die hierher kommen, um das Grab von Chaim Halberstam (1793-1876) zu besuchen. Und das gelbe Schild vor

Information über Bauvorhaben

dem Haus informiert auch über Bauarbeiten, deren Auftraggeber Joel Halberstam heißt… Ich habe dann zwar trotzdem beide angegebenen Telefonnummern angerufen, ohne Erfolg, und an die Handynummer eine SMS geschickt, dass ich heute um 9 Uhr komme. Aber die Hoffnung, dass ich eingelassen werde, ist eher gering. Ich habe ja auch leider meine Kippa in Tübingen vergessen, obwohl ich sonst für solche Zwecke immer eine bei mir führe.

Den Abend habe ich in einer Gaststätte am Fluss ausklingen lassen, nach einer Dreiviertelstunde Suche nach Restaurants. Komischerweise gibt es nämlich am Hauptplatz überhaupt keine Restaurants und in der Innenstadt eher dubiose Büffets, Pizzerien etc. Am Fluss war es dann aber sehr schön, mit gutem Essen und freundlichen Menschen – und ganz ohne Musik.


Ein Kommentar

  1. Erstaunlich, mein letzter Kommentar war wieder problemos, offenbar hatte das Programm nur mit der Anreise Probleme. Auch hier fanden sich sehr schöne und informative Schilderungen, wobei ich besonders für den Abschluss danke. Gaststätte am Fluss klingt fast nach dem bekannten Waterfall Restaurant auf den Philippinnen, und so was bräuchte es nun hier auch dringend. Ich werde also demnächst die Luken dicht machen und abtauchen. Weiterhin viel Erfolg und gute Reise!

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